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05.09.2013

13:45 Uhr

Transparenzoffensive

Jack Wolfskin veröffentlicht Produzentenliste

VonCarina Kontio

Die Outdoor-Branche will grüner werden, das fordern immer mehr Kunden. Marktführer Jack Wolfskin wagt nun eine Transparenzoffensive und veröffentlicht die Liste seiner Produzenten. Trotzdem liegt noch viel im Argen.

Im Outdoorbereich gibt es die gleichen Probleme wie in der übrigen Modebranche. dpa

Im Outdoorbereich gibt es die gleichen Probleme wie in der übrigen Modebranche.

DüsseldorfDraußen zu Hause: Die Marke mit der Tatze steht für hochwertige Funktionsbekleidung für alle, die in der Natur unterwegs sind. Doch auch wenn sich die Träger der Produkte naturverbunden fühlen, gibt es im Outdoorbereich die gleichen Probleme wie in der übrigen Modebranche: Produktionsstandorte in Asien, gesundheitsgefährdende Farben und Materialien und Probleme mit Umwelt- und Sozialstandards.

Der deutsche Hersteller Jack Wolfskin, hierzulande Marktführer, wagt nun eine Transparenzoffensive und veröffentlicht am heutigen Donnerstag alle Adressen seiner direkten Lieferanten und Produzenten. Die Liste umfasst dabei vollständig alle Produzenten der drei Bereiche Bekleidung, Schuhe und Ausrüstung. Diese Betriebe, so heißt es in einer Pressemitteilung, die in Abgrenzung zu vorgelagerten Fertigungsstufen wie beispielsweise Stoff- und Rohstoffproduzenten als „Tier 1“ bezeichnet werden, sind vor allem in Asien, aber auch in Europa, zu finden. (Die Liste kann unter hier abgerufen werden.)

Unter „Tier 1“ fallen allerdings nur Lieferanten, die unmittelbar von Jack Wolfskin beauftragt werden. Subunternehmer, die von den Fabrikaten vor Ort mit eingebunden werden, tauchen hingegen nicht auf. Das Problem ist dem deutschen Einzelhandel nicht unbekannt. So berichte Matthias Händle, Präsident der deutschen Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE) kürzlich bei einem Pressegespräch, dass Fabrikbesitzer, die eigentlich keine Aufträge mehr annehmen können, illegal Kapazitäten an andere Unternehmen vor Ort auslagern. Händle: „Die Situation in den Lieferländern ist höchst vielschichtig.“ Und: „Es gibt es noch sehr viel zu tun. Vieles, viel zu Vieles liegt im Argen.“

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Die AVE plädiert dafür, einen nachhaltigen Bewusstseinswandel in den Lieferländern herbeizuführen. „Sie können die strengsten Vorschriften erlassen. Wenn sich keiner daran hält, bringen diese Vorschriften rein gar nichts“, bedauerte Händle. „Man kann nicht ständig Zehntausende von Lieferanten im Auge haben. Das ist schlicht unmöglich.“ Allerdings gäbe es auch in der Branche Vorbehalte gegen eine transparente Lieferkette. Nicht jeder Kunde müsse, so die Meinung, unbedingt wissen, was alles aus ein und derselben Fabrik kommt, aber zu deutlich unterschiedlichen Preisen verkauft wird.

Kommentare (3)

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Der_Techniker

05.09.2013, 12:23 Uhr

In der Tat - da Jack Wolfskin mit Abmahnanwälten zusammenarbeitet sind die Produkte eigentlich unkaufbar.
Hat sich im wollsockentragenden Teetrinkermillieu aber noch nicht gerumgesprochen.
Haben die nich auch die TAZ verklagt?

Toni

05.09.2013, 12:44 Uhr

Wegen der unverschämten Abmahnaktionen der Firma habe ich meinen Jack Wolfskin Schal in Streifen geschnitten,meinen Protestbrief drangetackert und in der Filiale hier im Münchner Tal abgegeben. Die haben vielleicht dumm geschaut! Für mich ist diese Label ein no go!

Kommunistennazi

05.09.2013, 14:11 Uhr

Jack Wolfskin: Anbieter von Produkten für deutsche Kurzhaarmuttis.

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