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05.01.2007

21:41 Uhr

Trend verschlafen

Bio-Produkte werden knapp

Die Bauern und Händler haben sich von dem Ansturm auf Bio-Produkte überrennen lassen. Der Trend zu ökologischen Lebensmitteln ist zwar nicht neu und ein Markt ist schon länger vorhanden, aber trotzdem haben deutsche Bauern ihre Chance verschlafen. Nun drohen leere Regale.

HB ROSTOCK/KASSEL. Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln kann derzeit in Deutschland nicht ausreichend befriedigt werden. „Nicht einmal mit Produkten aus dem Ausland“, sagte der Fachgebietsleiter für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität Kassel, Ulrich Hamm. „Hafer ist europaweit ausverkauft, Eier sind in Deutschland und Frankreich nicht mehr zu haben und bei Kartoffeln weiß niemand, wie die Verbraucher ab Mitte Januar zu bedienen sind“, sagte Hamm in einem dpa-Gespräch. Auch Bio-Gemüse sowie Geflügel und Schweinefleisch aus Bio-Haltung seien schwer zu bekommen. Immer wieder erhalte er „Hilferufe“ von Handelsunternehmen, die gerne „mehr Öko verkaufen würden“, sagte Hamm, der bis 2003 an der Hochschule Neubrandenburg lehrte.

Auch der größte deutsche Öko-Anbauverband Bioland hat vor der zunehmenden Knappheit von Bioprodukten gewarnt. „Der hiesige Markt gibt nicht genügend her“, sagte der Präsident von Bioland (Mainz), Thomas Dosch, der „Berliner Zeitung“. Besonders Obst und Gemüse sowie Schweinefleisch, Milch und Eier aus ökologischer Produktion seien rar. Wegen des schlechten Wetters im letzten Jahr gebe es auch zu wenig Kartoffeln und Getreide. Dosch machte den Bauernverband und die Politik für die Knappheit mitverantwortlich: „Viele Bauern-Funktionäre haben den positiven Trend beim Ökolandbau lange klein geredet und lächerlich gemacht“, kritisierte Dosch.

Da sei es kein Wunder, dass sich zu wenige Landwirte trauten auf ökologische Produktion umzustellen. Man brauche aber dringend mehr Betriebe, die umstellen. „Es gibt in Deutschland zu wenige Öko-Bauern“, betonte der Bioland-Präsident. Er kritisierte ferner die Politik für ihre Förderpolitik. „Wer wie die Ökobauern etwas für die Umwelt tut, muss auf eine verlässliche Förderung vertrauen können.“ In den vergangenen drei Jahren hätten aber nur drei Bundesländer - Bayern, Thüringen und Niedersachsen - dauerhaft die Umstellung landwirtschaftlicher Betriebe auf Bio gefördert. Auch in diesem Jahr gebe es Förderkürzungen „von bis zu 50 Prozent“, bemängelte er.

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Die Chance für die Landwirtschaft, mehr Ökoprodukte zu erzeugen, habe sich seit Jahren abgezeichnet. „Deutschland hat die Chance verschlafen“, sagte Hamm. Große Mengen Ökoprodukte würden jetzt Argentinien, Chile, Kanada und Südafrika nach Europa liefern. Der hohe Euro-Kurs mache die Exporte zusätzlich attraktiv. Skepsis gegenüber den Produkten sei nicht angebracht, sagte Hamm. Zum einen unterlägen die Waren den EU-Kontrollen, zum anderen hätten die Ökolandwirte in jenen Ländern keinen heimischen Markt. „Wenn sie ins Gerede kommen, können sie Pleite anmelden.“ Weiter ergänzte Hamm: „Die wenigen Betrügereien, die aufgedeckt wurden, sind im Handel passiert, nicht auf Produktionsebene.“

Die steigende Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln erklärte Hamm mit einem Wandel im Bewusstsein der Konsumenten. Dabei spiele der Klimawandel eine ähnliche Rolle wie vor Jahren das Waldsterben. Hinzu komme die Verbreitung der Gentechnologie. 70 Prozent der Verbraucher in Deutschland und 50 Prozent in Europa wollten keine genveränderten Lebensmittel, sagte Hamm. Die Handelsketten würden die Ökoprodukte nicht aus Profilierungsgründen verkaufen, sondern auf den Trend reagieren - und wollten zudem Ärger vermeiden. So habe beispielsweise eine Kette keine konventionellen Trauben, eine andere kein Beerenobst mehr verkauft, weil die Erzeugnisse wegen ihrer Pestizidbelastung aufgefallen waren.

Hamm sagte, allen Landwirten sei die Umstellung auf Ökolandbau zu empfehlen, auch wenn sie ihre Produkte erst nach drei Jahren als „Bio“ verkaufen könnten. Der Trend zu Öko sei langfristig. Sie sollten sich jedoch rechtzeitig zu Erzeugerbünden zusammenschließen, um auf dem Markt zu bestehen. „Momentan wird einem die Ware aus der Hand gerissen, aber das bleibt nicht immer so“, sagte Hamm.

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