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10.08.2014

20:22 Uhr

Trotz Protest-Brief

Amazon deaktiviert Bestellungen von Disneyfilmen

Amazon weitet seinen Preiskampf von E-Books auf Filme aus. Damit zeigt sich der Onlineriese unbeeindruckt von jüngsten Protesten durch Top-Autoren und Verlage gegen die Methoden des US-Versandhändlers.

Dem Online-Händler Amazon wird vorgeworfen absichtlich Engpässe bei Büchern zu verursachen. AFP

Dem Online-Händler Amazon wird vorgeworfen absichtlich Engpässe bei Büchern zu verursachen.

Amazon setzt seine schroffe Verhandlungstaktik im Kampf um niedrigere Preise immer breiter ein. Mehr als 900 Autoren protestierten am Sonntag mit einem offenen Brief gegen die umstrittenen Methoden des Versandhändlers. Der Konflikt scheint sich derweil auszuweiten - betroffen waren am Wochenende auch Filme wie „Captain America“ und „Die dunkle Fee“ aus dem Hause Disney.

Kurz vor den Verkaufsstarts der DVDs hat Amazon die Funktion für Vorbestellungen in seinem Marktplatz deaktiviert. Wie zuerst das Fachblatt „Home Media Magazine“ bemerkte, galt dies für nahezu alle Disney-Titel.

Die Situation erinnert an Konflikte zwischen Amazon und Time Warner sowie dem Verlag Hachette. In beiden Fällen baute das Versandportal auf diese Weise Druck bei den Verhandlungen um neue Vertriebs-Deals auf. Warner-Filme waren deshalb von Mitte Mai bis Ende Juni nicht vorbestellbar. Ob sich zwischen Walt Disney und Amazon ähnliches anbahnt, ließ sich zunächst nicht aufklären. Die Unternehmen halten sich bislang bedeckt.

In der New York Times fanden Leser an diesem Sonntag aus einem ähnlichen Grund eine ungewöhnliche Großanzeige: Es handelte sich nicht um Werbung, sondern um einen Protestbrief. Der Bestseller-Autor Douglas Preston prangert in einem offenen Brief den US-Versandhändler Amazon an, die New York Times berichtete frühzeitig dazu. Weitere 908 US-Autoren haben den offenen Brief unterzeichnet, unter ihnen auch der Kult-Autor Stephen King.

Douglas Preston beschwert sich im Protestschreiben gegen die Methoden Amazons. Er wirft dem Online-Händler vor, absichtlich Lieferengpässe bei Büchern zu verursachen, dessen Verlage keine höheren Rabatte auf E-Books einräumen wollten. Der Verlag Hachette, für den Preston Krimis schreibt, gehöre dazu.

In seinem Brief fordert Preston die Leser dazu auf den Amazon-Chef Jeff Bezos zu kontaktieren und ihn aufzufordern Schriftsteller nicht länger als „Geiseln“ zu benutzen. Dabei sei Amazon doch durch Bücher erst groß geworden. „Und nun hat Amazon uns den Rücken zugewandt. Schätzen sie uns nicht mehr? Haben sie keine Loyalität uns gegenüber? Deshalb sind die Autoren wütend.“, heißt es in dem Brief.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Dass Amazon mit den Verlagen keine Gnade kennt, ist nicht neu. Der Online-Händler versucht regelmäßig die Preise zu drücken, um günstiger als die Konkurrenz zu sein. Amazons Größe hilft dabei häufig. Allerdings möchte Amazon es sich nicht mit den Autoren verfeinden. Ganz im Gegenteil. Amazon bietet Autoren die Möglichkeit ausschließlich beim Online-Händler zu publizieren und dafür höhere Margen als bei den üblichen Verlagen zu bekommen.

Douglas Preston erntet allerdings auch Kritik. Amazon wirft dem Autor vor vom Verlag Hachette als menschliches Schutzschuld missbraucht zu werden. Preston und die anderen Autoren behaupten jedoch vollkommen unabhängig zu handeln. Ihr gemeinsamer Kritikpunkt lautet: „Wir finden, dass kein Buchhändler den Verkauf von Büchern blockieren oder auf andere Weise verhindern sollte – oder auf andere Weise Kunden davon abhalten sollte die Bücher zu bekommen, die sie haben wollen.“ Es gehe also nicht um die Verlage, sondern um die Autoren.

Allerdings gehen Buchläden auch nicht immer zimperlich mit Autoren um: So boykottierten die Buchhandelskette „Barnes & Noble“ und weitere Buchhandlungen Bücher, die über Amazon verlegt wurden. Die Folge: Die Bücher gab es in Läden kaum zu kaufen.

Ob das Schreiben Amazons Politik verändern wird, ist fraglich. Jedenfalls wird der offene Brief das Image Amazons nicht gerade verbessern.

Von

wep

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