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13.11.2014

13:15 Uhr

Trotz Sparprogramm

Air Berlin erwartet Verlust von über 350 Millionen Euro

Deutschlands Nummer zwei am Himmel überrascht mit einem enttäuschenden Sommerquartal und erwartet tiefrote Zahlen für das Gesamtjahr 2014. Die angeschlagene Airline muss noch mehr sparen.

Kann Pichler Air Berlin sanieren?

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BerlinIm laufenden Jahr wird Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin trotz forcierter Sanierungsschritte wohl noch tiefer in die roten Zahlen rutschen. Nach dem herben Gewinneinbruch im Sommer und hohen Rückstellungen für das nächste Sparprogramm könnte 2014 unter dem Strich ein Verlust von mehr als 350 Millionen Euro stehen, räumte Finanzchef Ulf Hüttmeyer am Donnerstag nach Vorlage der Quartalszahlen ein. Der scheidende Vorstandschef Wolfgang Prock-Schauer, der im Februar vom früheren Lufthansa-Manager Stefan Pichler abgelöst wird, kündigte noch vor Ablauf des Sanierungsprogramms „Turbine“ ein weiteres Sparpaket an.

Weitere 200 Arbeitsplätze sollen wegfallen, wie Air Berlin bereits Ende Oktober angekündigt hatte. Das bisherige Sparprogramm kostete schon 850 Stellen. Mit den Arbeitnehmervertretungen werde über sozialverträgliche Lösungen gesprochen, erklärte ein Unternehmenssprecher. Vor dem „Turbine-Programm“ habe Air Berlin 8400 Stellen gezählt, einschließlich des neuen Pakets werde die Beschäftigtenzahl auf 7400 sinken.

Im vergangenen Jahr hatte der Nettoverlust der Lufthansa-Rivalin bereits bei rund 316 Millionen Euro gelegen. Diesmal dürften Abfindungen im Zuge des verstärkten Stellenabbaus und andere Sanierungskosten das Ergebnis mit rund 100 Millionen Euro belasten. Der Löwenanteil der Summe wird im vierten Quartal verbucht.

Mit dem neuen Sanierungsprogramm will Air Berlin das Ergebnis bis 2016 um 400 Millionen Euro verbessern und damit nach Jahren wieder in die schwarzen Zahlen steuern. Mit rund 200 Millionen Euro soll die Hälfte der Verbesserungen schon im kommenden Jahr erzielt werden. Eine belastbare Ergebnisprognose wollte Hüttmeyer aber weder für 2014 noch für 2015 abgeben.

In der Hauptreisezeit von Juli bis September machte der Preiskampf bei den Flugtickets Air Berlin schwer zu schaffen. Obwohl die Airline mehr Flüge anbot, sank der Umsatz um knapp drei Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Der operative Gewinn (Ebit) rutschte im dritten Quartal verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel auf 75 Millionen Euro ab. Unter dem Strich stand mit knapp 50 Millionen Euro nur knapp halb so viel Gewinn wie ein Jahr zuvor.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Das neue Sanierungsprogramm soll seine volle Wirkung 2016 entfalten. Rund 60 Prozent der geplanten 400 Millionen Euro will das Management durch Einsparungen, Effizienzgewinne und einen Umbau des Streckennetzes erreichen. Der Rest soll aus einem verbesserten Vertrieb und zusätzlichen Erträgen kommen. Der Österreicher Prock-Schauer bleibt auch nach dem Chefwechsel, der Anfang November angekündigt wurde, bei Air Berlin. Er werde im Vorstand den neuen Chef bei der Umsetzung des Umstrukturierungsplans unterstützen.

Air Berlin steckt seit Jahren finanziell in Turbulenzen. Neben einer Verkleinerung von Flotte und Flugangebot halten millionenschwere Finanzspritzen des Großaktionärs Etihad die Gesellschaft in der Luft. Die staatliche arabische Fluglinie kauft sich damit ein Zubringernetz in Europa, das sie wegen staatlicher Luftverkehrsabkommen nicht mit eigenen Flugzeugen stemmen könnte. Zu dem Bündnis gesellte sich vor kurzem auch die italienische Alitalia, der Etihad ebenfalls mit dringend benötigtem frischen Geld beisprang.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Herr Franz Paul

13.11.2014, 13:27 Uhr

Gibts denn in Berlin irgendwas, was funktioniert? Ausser Bare-back-Partys, meine ich?

G. Nampf

13.11.2014, 13:30 Uhr

Wenn Air Berlin pleitegeht, macht auch der Flughafen BER keinen Sinn mehr, denn ein Drittel der Terminals sind für Air Berlin vorgesehen.

Herr S. Lingen

13.11.2014, 14:14 Uhr

Nur weil eine Fluggesellschaft Pleite geht wollen nicht direkt weniger Leute aus/nach Berlin fliegen. Die Angebotslücke wird umgehend ein anderer Anbieter auffangen.

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