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06.01.2015

20:02 Uhr

TTIP vs. EU-Siegel

Schinken unter Artenschutz

VonLisa Hegemann

Kölsch, Nürnberger Rostbratwurst, Schwarzwälder Schinken: Die EU schützt solche Produkte mit speziellen Siegeln. Doch die Regionalprodukte sind oft gar nicht hundertprozentig heimisch. Das verwirrt nicht nur die USA.

Schwarzwälder Schinken darf das EU-Siegel „geschützte geografische Angabe“ tragen – obwohl das Produkt gar nicht hundertprozentig aus dem Schwarzwald kommt. dpa

Schwarzwälder Schinken darf das EU-Siegel „geschützte geografische Angabe“ tragen – obwohl das Produkt gar nicht hundertprozentig aus dem Schwarzwald kommt.

DüsseldorfOffiziell kommt das Kölsch zwar aus Köln, die Nürnberger Rostbratwurst aus Nürnberg, der Schwarzwälder Schinken aus dem Schwarzwald. Doch wirft man einen Blick auf die Zutaten, ist es mit der Regionalität schnell vorbei. Genau genommen kommt der Hopfen für Gaffel-Kölsch zum Beispiel aus Bayern, das Fleisch für die Rostbratwurst darf auch aus Polen oder Rumänien stammen, der Schinken auch in Frankreich geräuchert werden. Nur ein Teil des Herstellungsprozesses muss tatsächlich in der Region stattfinden, um als „regionale Spezialität“ zu gelten. Möglich macht es die Europäische Union. Durch drei Siegel will sie die Hersteller vor Nachahmungen aus anderen Regionen schützen.

Nun geraten diese Siegel immer stärker in die Kritik: Durch das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen Europa und den USA droht den Herstellern der „regionalen Spezialitäten“, dass der Artenschutz für Kölsch, Nürnberger Rostbratwurst oder Schwarzwälder Schinken abgeschafft wird. Künftig könnten dann auch US-Konkurrenz Produkte unter gleichem Namen verkaufen. Dagegen regt sich der Protest, dabei verstehen die wenigsten, was sich wirklich hinter den EU-Siegeln verbirgt.

Losgetreten wurde die Debatte am Wochenende von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Er hatte den Artenschutz für Kölsch, Schinken & Co. in einem Medienbericht angezweifelt. „Wenn wir die Chancen eines freien Handels mit dem riesigen amerikanischen Markt nutzen wollen, können wir nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“, sagte er dem „Spiegel“. Die geltenden EU-Vorschriften seien „sehr bürokratisch“. Da die EU auch Spezialitäten schütze, deren Grundstoffe längst nicht mehr nur in ihren Heimatregionen hergestellt würden, wäre es den Amerikanern schwer vermittelbar, „dass sie keinen Tiroler Speck oder Holländischen Gouda zu uns exportieren dürften, wenn wir in Europa selbst den Schutz nicht konsequent durchsetzen“, so Schmidt.

Was die drei EU-Siegel bedeuten

Hintergrund

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt hat eine Debatte über die Herkunft regionaler Spezialitäten ausgelöst. Die Europäische Union schützt diese bisher durch drei unterschiedliche Siegel. Durch das Freihandelsabkommen mit den USA, auch als TTIP bekannt, ist dieser Schutz nun in Gefahr. Doch was bedeuten die einzelnen Siegel eigentlich überhaupt? Die Erklärung.

Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)

Merkmal: rotes Siegel mit gelben EU-Sternen und einer Art Wellen in der Mitte

Definition: Wenn ein Produkt diese Bezeichnung verwenden darf, wird es in einem bestimmten geografischen Gebiet verarbeitet, erzeugt und hergestellt. Zudem muss ein anerkanntes und festgelegtes Verfahren die Grundlage für die Produktion sein.

Beispiele: Parmaschinken, Stromberger Pflaume, Allgäuer Emmentaler

Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)

Merkmal: blaues Siegel mit gelben EU-Sternen und einer Art Wellen in der Mitte

Definition: Etwas lockerer sind die Regeln für die geschützte geografische Angabe. Auch hier muss allerdings mindestens eine der Produktionsstufen (Herstellung, Verarbeitung oder Erzeugung) in einer bestimmten geografischen Region stattfinden. Laut EU muss das Produkt eine „enge Verbindung […] mit dem Herkunftsgebiet“ haben.

Beispiele: Schwarzwälder Schinken, Kölsch, Nürnberger Marzipan

Garantiert traditionelle Spezialität (g. t. S.)

Merkmal: blaues Siegel mit gelben EU-Sternen

Definition: Ein Produkt, das dieses Siegel trägt, wird in einer traditionellen Form hergestellt, zusammengesetzt oder verarbeitet. Die Region ist dabei unwichtig.

Beispiele: Pizza Napolitana, Mozzarella

Quelle

Die Wut der Wirtschaft ließ nicht lange auf sich warten. Die Lebensmittelwirtschaft fürchtete sogleich „Original Nürnberger Rostbratwürste aus Kentucky“. Die Kölner Brauerei Gaffel argumentierte: „Ein Bier nach kölscher Brauart aus einem anderen Land Kölsch zu nennen, ist Verbrauchertäuschung.“ Und auch der Verbraucherzentrale-Chef Klaus Müller sagte der „Bild“, das TTIP dürfe nicht zum Konsumentenschwindel werden.

Der Zorn ist nicht verwunderlich. Denn bisher schützt die EU solche regionalen Produkte mit drei speziellen Siegeln „gegen Missbrauch und Nachahmung“, wie es auf der Webseite des Staatenbundes heißt. Insgesamt 1250 Produkte sind in Brüssel als traditionelle oder regionale Spezialität eingetragen. 79 davon kommen aus Deutschland. Dazu zählen neben Kölsch auch der Schwarzwälder Schinken, Westfälischer Pumpernickel oder Lübecker Marzipan.

Doch Spezialität ist nicht gleich Spezialität. Die EU kennt drei Abstufungen: die geschützte Ursprungsbezeichnung (GU), die geschützte geografische Angabe (GGA) und die garantiert traditionelle Spezialität (GTS). Nur bei der ersten Bezeichnung handelt es sich tatsächlich um ein Produkt, das nicht nur in der besagten Region verarbeitet, erzeugt und hergestellt wird, sondern auch noch nach einer speziellen Rezeptur gefertigt ist. Das rote Siegel tragen nur neun deutsche Produkte, darunter der Allgäuer Emmentaler. Ein Beispiel dafür ist aber auch der italienische Parmaschinken, der sogar in Parma geschnitten werden muss.

Kommentare (7)

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Herr Peter Delli

06.01.2015, 20:11 Uhr

Ich will mein Chlor-Huhn und das laß ich mir doch nicht von der grausigen EU nicht verbieten.

Account gelöscht!

06.01.2015, 20:15 Uhr

Die üblichen Freiheitsfeinde, Abzocker und Teuermeister der Nation regen sich darüber auf, daß im TTIP nun auch andere diese einträglichen Spielchen spielen wollen.

Warum keine Nürnberger mit der Herkunftsbezeichnung USA.
Warum keinen Schinken - der bestenfalls in Schwarzwaldnähe geräuchert wurde, aber aus Holland stammt - aus USA mit Herkunftsbezeichnung?
Warum kein Kentucky-fried-chicken aus Deutschland mit Herkunftsiegel?

Gleiches Recht für alle - wird doch sonst immer gefordert von Kreti bis Pleti. Alsdann.

Herr Horst Meiller

06.01.2015, 20:51 Uhr

Eigentlich spielt es wirklich keine Rolle mehr, weil sowieso durch die Globalisierung fast alle Lebensmittel irgendwo in der Welt hergestellt sein können. Man hat die eigene Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltig geschrumpft, nimmt in Kauf, daß sowohl Bio- als auch konventionelle Lebensmittel unter... grenzwertigen Zuständen und indiskutablen Arbeitsbedingungen produziert werden. Ihr EU-Befürworter alle miteinander habt es doch so gewollt, die offenen Grenzen, die abgeschafften Kontrollen, freies Reisen ohne Paß und Visa, das alles gibt es jetzt eben auch für Kriminelle - und für Nahrungsmittel.

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