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26.01.2007

15:01 Uhr

TÜV Rheinland

Konstruktion mit Grenzen

VonAxel Granzow

Im Rheinland ist es „ein rischtijes Skandälschen“: Der Kölner TÜV prüft nicht nur den Kölner Rosenmontagszug, sondern auch den Düsseldorfer. Da bleibt den Domstädtern das „Alaaf“ im Halse stecken, und weiter nördlich schmeckt das Altbier plötzlich nach Kölsch.

Ein Gang an die Börse wäre nur mit Zustimmung der Mitgliederversammung möglich. Und wer will schon ein "privates" TÜV-Siegel?

Ein Gang an die Börse wäre nur mit Zustimmung der Mitgliederversammung möglich. Und wer will schon ein "privates" TÜV-Siegel?

DÜSSELDORF. Bislang konnte man die „Narren-Feindschaft“ (oft zum beiderseitigen Schaden) bei gemeinsamen Themen wie Messe oder Flughäfen erfolgreich pflegen. Doch gerade im Karneval ist positives Denken angesagt. Alle rheinischen Jecken sollten daher froh sein – ihr TÜV genießt das Vertrauen aller Rheinländer. Das hat seinen Grund: Der Prüfdienst ist ein Erfolgsmodell in der ganzen Welt (also auch außerhalb von Köln und Düsseldorf). Das TÜV-Siegel aus Deutschland ist zur internationalen Wertmarke geworden.

In den vergangenen vier Jahren hat der TÜV Rheinland den Umsatz um 40 Prozent gesteigert und 3 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Jeder vierte neue Arbeitsplatz entsteht in Deutschland. Weltweit beschäftigt die Organisation 10 400 Mitarbeiter, und sie will auch in diesem Jahr 1 200 neue Mitarbeiter einstellen. Mit der traditionellen KFZ-Prüfung hat ihr Geschäft nur noch wenig zu tun.

TÜV-Chef Bruno Braun hat aus dem Kölner Prüfkonzern einen weltweiten Dienstleister gemacht. Nachdem er jüngst in Australien Fuß gefasst hat, ist der Konzern auf allen Kontinenten präsent. Knapp 40 Prozent der Umsätze erzielt er im Ausland. Doch auch in Deutschland wächst der TÜV. Braun will in diesem Jahr die Milliardengrenze beim Gesamtumsatz erreichen.

Am stärksten legen die Produktprüfungen zu. Angesichts immer kürzerer Produktlebenszyklen werden sie zunehmend wichtiger. Denn ein TÜV-Siegel kann entscheidend zum Markterfolg beitragen. Klassischer Wachstumsbereich ist die Sparte Industrie Services, wo der TÜV zuletzt mit der Prüfung von Hallendächern nach dem Unglück in Bad Reichenhall Schlagzeilen machte: Bei fünf Prozent der untersuchten 700 Gebäude wurde die Schließung wegen unzureichender Standfestigkeit empfohlen. Zukunftsmärkte sind die Bereiche Biotechnologie und Gesundheitswesen, zum Beispiel die TÜV-Zertifizierung von Altenheimen.

Braun kam aber mit seinen Expansionsplänen nicht so voran wie erhofft. Als der Schiffs-TÜV Germanischer Lloyd verkauft wurde, kam er nicht zum Zuge. Keine Gespräche führt er mit dem Kohlekonzern RAG, der den Bergbauprüfdienst DMT verkaufen will. Um DMT hatte sich Braun vor Jahren bereits einmal bemüht. Möglicherweise überlegt er es sich nun noch einmal. Denn selbst, wenn der Bergbau in Deutschland ein Auslaufmodell ist – für das Auslandsgeschäft wäre DMT eine Trumpfkarte.

Investoren hat der Erfolg des TÜV jedenfalls bereits angelockt. Die Umsatzrendite liegt bei über fünf Prozent. Mit einem Finanzpartner könnte Braun, der einmal von einer TÜV Deutschland AG träumte, noch stärker wachsen. Beteiligungen schließt er daher nicht aus. Und schon ist von der Übernahme von Konkurrenten die Rede. Wie wäre es mit der noch etwas größeren Dekra? TÜV Nord oder TÜV Süd? Ausländischen Konkurrenten, wie Bureau Veritas oder SGS?

Doch das Kartellamt und die komplizierte Eigentümerstruktur der TÜV-Vereine setzen den Plänen Grenzen. Ein Gang an die Börse wäre nur mit Zustimmung der Mitgliederversammlung möglich. Dazu müsste sich der Verein auflösen. Und wer will schon ein „privates“ TÜV-Siegel? Da würden Interessenkonflikte drohen. Schließlich soll der TÜV alles und jeden prüfen können – sogar in Köln und Düsseldorf.

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