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09.07.2013

06:30 Uhr

TV-Kritik Markencheck

Was ARD und Aldi unterjubeln

VonPeer Schader

In seinem zweiten „Aldi-Check“ pfeift die ARD auf aktuelle Hintergründe und schreibt lieber den bekannten Discount-Mythos fort. Erkenntnisfördernd ist das nicht, sondern eher an der Grenze zur Zweifelhaftigkeit.

Aldi-Kundin: Der „Markencheck“ der ARD brachte wenig Überraschendes. dpa

Aldi-Kundin: Der „Markencheck“ der ARD brachte wenig Überraschendes.

DüsseldorfOffensichtlich gehört es zu den letzten Mutproben unserer Zeit, als Jugendlicher abends aufs Partyschiff zu gehen und dabei ausschließlich Discounter-Kleidung zu tragen. Insofern war „Der Aldi-Check“, den das Erste am Montagabend zum Abschluss seiner neuesten „Markencheck“-Staffel zeigte, zumindest für die Studenten eine Grenzerfahrung, die vom WDR zur Hippness-Verweigerung angestiftet wurden. Damit die übrigen Partybesucher urteilen können, ob der Aldi-Look heraussticht. (Im Gegenteil, lautete das Ergebnis.)

Die übrigen vierzig Minuten, mit denen die Verbraucherreportage Deutschlands erfolgreicher Billigkette auf die Schliche kommen wollte, entpuppte sich allerdings bloß als Wiederholung der schönsten Aldi-Mythen.

Ja, von den Gründern gibt es nur wenige Fotos. Ja, das Unternehmen reagiert allergisch auf kritische Fragen von Journalisten. Ja, hinter vielen Produkten stecken bekannte Markenhersteller. Und ja, Aldi pflegt leider einen fragwürdigen Mitarbeiterumgang. Alles bekannt. Aber kein Grund, damit nicht noch mal Quote zu machen.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

Keine zwei Jahre ist es her, dass der erste „Aldi-Check“ im Fernsehen lief, damals noch im Dritten Programm des WDR. Nach dem Transfer der „Markenchecks“ ins Erste erzielten die Ausgaben über Supermärkte und Discounter stets die stärksten Marktanteile beim Publikum. Die Konkurrenz fühlte sich genötigt nachzuziehen – ganz wie im Handel. Anfang April brachte das ZDF „Aldi gegen Lidl – Das Duell“ auf den Schirm, mit Testessern, bekennenden Aldi-Fans und leichtsinnigen Discount-Vertrauern. Der WDR-Nachklapp hatte dem nun kaum etwas hinzuzufügen.

Damit das nicht so auffällt, baute die Redaktion vor einem Aldi-Markt, in dem sie nicht drehen durfte, ihren eigenen Discounter auf. Dort durften dann treue Aldi-Fans Produkte aus der Erinnerung auf die richtigen Regalplätze sortieren und „Testeinkäufe“ erledigen. Dass der Aldi-Reis vom schlauen Kamerateam vorher gegen den von Lidl ausgetauscht worden war, merkten nur wenige. Das reichte der Redaktion für das mutige Fazit: „Aldi könnte seinen Kunden so manches unterjubeln!“ Fürs Fernsehen gilt das aber auch.

Kommentare (31)

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Feinschmecker

09.07.2013, 07:31 Uhr

Es muss ja mal jemand schreiben, was so nie betrachtet wird bei all dem Marken- und Philosophie-Gequatsche:
Beispiel: Grand Manier – Im Original ist Cognac enthalten. Beim Aldi-Grand-Manier ist das nicht der Fall. Wohl eine Sonder-Abfüllung.
Beispiel: Geflügelfleischwurst bei Aldi enthält 15% Geflügel. Gutfried o. Ä. enthalten über 70% Geflügel
Beispiel: Im Nordseekrabbensalat von Aldi schwimmen 3 Krabben in gefühlten 500 g Billigmajonäse
Beispiel: Aldis Rum-Eier zu Ostern knirschen vor Zucker im Gegensatz zu denen von z.B. Hussel oder Arko
Beispiel: Öffne ich eine Aldi-Fischdose (Hering in Senfsosse o.Ä., kommt man fast um von dem Gestank
Beispiel: Party-Gebäck von Aldi stinkt vor lauter Analog-Käse erbärmlich
Es ließe sich endlos fortsetzen.
Zu guter Letzt: Wenn ich dann meinen Einkaufswagen mit all dem Dreck „angereichert“ habe, stehe ich dann an der Kasse, eingekeilt vom letzten Pöbel in allerschlechtester Gesellschaft.

DAS ist AUCH ALDI - Danke

Account gelöscht!

09.07.2013, 07:55 Uhr

.........................................
..WERBUNG UNTER DEM DECKMÄNTELCHEN
..........DER AUFKLÄRUNG.................
..
ARD - WRD - ZDF
haben die discounter - also auch ALDI -
schon mehrfach zur besten sendezeit die
möglichkeit gegeben, ihre marke im fern-
sehen zu präsentieren..
..
die konkurrenz unter den sendern mag zu
diesem absurden "PRODUCT PLACEMENT" ge-
führt haben..
..
.....aldi wird es gefreut haben..!!....
..
..

Account gelöscht!

09.07.2013, 08:30 Uhr

Guter Artikel! Die ARD-Macher sind m.E. sehr oft arrogant und oberlehrerhaft. Das steht in keinem Verhältnis zu der (nicht vorhandenen) Qualität von vielen Beiträgen.

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