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26.01.2005

09:18 Uhr

Übernahme der London Stock Exchange (LSE)

Vorteil: Deutsche Börse

Bei der Übernahme der London Stock Exchange (LSE) gilt die Deutsche Börse als Favorit, weil sie über eine höhere Finanzkraft verfügt als die Euronext. Viele Beobachter glauben jedoch, dass die finanzielle Stärke nicht das einzige Argument im Bieterwettstreit sein wird.

Viel Geld in der Kasse: Das wichtigste Kriterium bei Übernahmeschlachten ist die Finanzkraft der Kaufinteressenten - und hier ist Frankfurt gegenüber Euronext im Vorteil. "Die Deutsche Börse hat ganz klar die tieferen Taschen", sagt etwa Dirk Enderlein, Fondsmanager beim DIT. Der Börsenwert der Deutschen Börse ist mit rund fünf Milliarden Euro fast doppelt so groß wie der von Euronext. Zudem hat Börsenchef Werner Seifert alles getan, um das Geld für eine Übernahme beisammen zu halten. Derzeit verfügen die Frankfurter über 600 Millionen Euro in der Kriegskasse. Diese Summe weckt seit geraumer Zeit die Gelüste mancher Aktionäre, die Seifert seit Monaten zu einem Aktienrückkauf drängen - was dieser stets zurückgewiesen hat. Nun ist klar, warum.

Ganz anders agierte Euronext. Das Unternehmen hat zuletzt eigene Aktien zurückgekauft und damit die Feuerkraft geschmälert. Zudem hat Euronext vor Jahren für die Londoner Terminbörse Liffe stolze 555 Mill. Pfund bezahlt. Zwar hat Seifert kurze Zeit später für den Abwickler Clearstream noch einiges mehr hingelegt - doch hat er sich über eine Anleihe sofort wieder neue Mittel beschafft.

Aus dem Rennen ist Euronext aber keineswegs: Die Finanzierung für eine Offerte im Volumen von 1,5 Mrd. Euro hat Euronext-Chef Jean-Francois Theodore längst beisammen.

Überlegene Technik: Technische Details spielen bei der Übernahme der London Stock Exchange eine wichtige Rolle. Früher haben sich alle drei Börsen stets damit gebrüstet, das überlegene System für den Kassamarkt zu besitzen. Die Deutsche Börse vertraut auf Xetra, Euronext auf ein System namens NSC, und die LSE hat das elektronische Orderbuch SETS geschaffen.

Alle drei Systeme hatten in der Vergangenheit ihre Aussetzer. Das Londoner SETS-System fiel seit seiner Einführung nur einmal aus. Dafür legte es an jenem 5. April 2000 den gesamten Markt für fast acht Stunden lahm, weil die LSE die Veröffentlichung falscher Aktienkurse fürchtete. Das Xetra-System fiel in den vergangenen Jahren häufiger aus - insgesamt fünf Mal. Den Managern gelang es jedoch jedes Mal, das System so schnell zu stabilisieren, dass es mit einer Dauer von sieben Stunden insgesamt kürzer ausfiel als das der LSE.

Die schlechteste Geschichte hat das Euronext-System. Mit mehr als 30 Abstürzen, vor allem an der Amsterdamer Börse, hatte die Vierländerbörse die höchsten Integrationskosten zu zahlen.

So sehr die verschiedenen Systeme aktuell in der Diskussion stehen, mittelfristig ist ihre Bedeutung gering. Denn die nächste Generation, die Aktien- und Derivatemärkte gleichzeitig bedient, ist nicht mehr weit entfernt.

Besserer Köder: Die Aktionäre der London Stock Exchange geben sich noch gelassen. Sie sind diejenigen, die am Ende über das Wohl und Wehe beider Angebote entscheiden. Noch, so heißt es aus London, seien die Widersacher Deutsche Börse und Euronext bei den größten Anteilseignern nicht aufgetaucht. Vermutlich wird es auch einige Tage dauern, bis beide Parteien ihre Angebote zur Entscheidung vorlegen.

Die Kriterien für einen Zuschlag sind eindeutig: Stimmen die Rahmenbedingungen, bekommt die höhere Offerte den Zuschlag. Zu den Rahmenbedingungen gehören die Preise des künftigen Aktien- und Derivatehandels in London. Viele Großaktionäre sind gleichzeitig Kunden der Londoner Börse. Und als solche haben sie an einem hohen Verkaufspreis für die Titel ebenso großes Interesse wie an umfangreichen Preisnachlässsen.

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