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26.01.2005

09:10 Uhr

Übernahme der London Stock Exchange

Vorteil: Euronext

Bei der geplanten Übernahme der London Stock Exchange liefern sich die Deutsche Börse und Euronext ein knappes Rennen. In Finanzkreisen gilt die Deutsche Börse als Favorit. Aber entschieden ist noch nichts.

Politischer Rückhalt: Um die Übernahme der London Stock Exchange (LSE) im zweiten Anlauf zu schaffen, muss Werner Seifert politische Hürden überwinden - teilweise die gleichen, an denen er beim ersten Versuch scheiterte. Der Aufschrei der Politiker aus Berlin, die vor einem Abzug des Hauptquartiers aus Frankfurt warnen, war nur ein Vorgeschmack. Auch wenn einige schlecht informiert waren, zumal Seifert einen Weggang ausgeschlossen hatte: Die Skepsis geht auf Erfahrungen des Jahres 2000 zurück, als der Börsenchef Standardwerte nach London verschenkt und nur den Neuen Markt in Frankfurt behalten hätte. Ähnliches deutet sich wieder an. Seifert will den Kassamarkt und die Terminbörse bei einem Erfolg von der Themse aus verwalten. Damit bleibt Frankfurt nur die repräsentative Rolle - was noch für einigen Unmut in Deutschland sorgen dürfte.

Die Euronext hält sich bislang zurück und bietet der Politik wenig Angriffsfläche. Zeitweise ließen die Verantwortlichen durchsickern, dass sie sich einen Umzug nach London vorstellen könnten. Dies sollte man angesichts des französischen Selbstbewusstseins aber in den Bereich politischer Taktiererei rücken. Dennoch bleibt die französische Politik der Offerte des Euronext-Chefs Jean-Francois Theodore gegenüber erstaunlich ruhig - wie schon seit Jahren bei jeder Expansion.

Einfacheres Geschäftsmodell: Größter Vorteil von Euronext ist der Widerstand in der Londoner Finanzszene gegen das Geschäftsmodell der Deutschen Börse. Die Börse vereint unter ihrem Dach nicht nur den Handel mit Aktien und Derivaten, sondern auch die beiden Stufen der technischen Abwicklung der Geschäfte (Clearing und Settlement). Diese Struktur ist vor allem den großen amerikanischen Investmentbanken ein Dorn im Auge. Sie sehen darin eine Art Monopol, das die Preise künstlich hoch hält, und plädieren für eine Trennung der drei Stufen Handel, Clearing und Settlement. Auf diese Weise könnten sich die Banken den jeweils billigsten Anbieter aussuchen. Schon wird in London die Drohkulisse aufgebaut, die EU-Wettbewerbshüter einzuschalten, um das Deutsche-Börse-Modell zu kippen. Nicht ausgeschlossen ist daher, dass sich Seifert im Verlauf des Übernahmeversuchs zwischen der LSE und Clearstream entscheiden muss.

Erfahrung mit Fusionen: Wer kaufen will, muss sich verkaufen können - getreu diesem Motto sind Börsenchef Seifert und Euronext-Chef Theodore in London unterwegs, um die City und vor allem LSE-Chefin Clara Furse von den Vorzügen einer Fusion mit ihren Häusern zu überzeugen. Außer ums Geld geht es dabei auch um "weiche" Faktoren wie die Frage, welche Kompetenzen im Falle einer Fusion in London angesiedelt sein könnten.

Schon vor der Bekanntgabe des ersten Angebots der Börse Mitte Dezember registrierten Beobachter in London eine "Charmeoffensive" der Deutschen, etwa in Gesprächen mit einflussreichen Finanzmanagern. Seifert habe die Übernahme diesmal gut vorbereitet, heißt es lobend. Offenbar hat der Manager, der in Deutschland wegen seiner schroffen Art nicht gerade der Liebling der Finanzszene ist, aus dem Scheitern des ersten Fusionsversuchs mit London vor vier Jahren gelernt.

Theodore hat da schon größeres Geschick bewiesen. Immerhin schmiedete er 2000 mit dem Zusammenschluss der Börsen in Paris, Amsterdam und Brüssel zu Euronext die erste Mehrländerbörse Europas. Portugal hat sich mittlerweile angeschlossen, und selbst in London hat Euronext mit dem Terminmarkt Liffe Fuß gefasst.

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