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31.08.2012

09:11 Uhr

Ufo droht

Lufthansa dampft Flugplan um ein Viertel ein

Seit 5 Uhr streikt das Lufthansa-Personal am Frankfurter Flughafen und der Arbeitskampf zeigt Wirkung: Ein Großteil der 360 Flüge im Streikzeitraum wird ausfallen, darunter auch Langstreckenverbindungen.

Streik bei der Lufthansa

Video: Streik bei der Lufthansa

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FrankfurtDer Streik der Lufthansa -Flugbegleiter zeigt Wirkung. Ein Großteil der 360 geplanten Flüge im Streikzeitraum von 5 bis 13 Uhr werde ausfallen, sagte eine Lufthansa-Sprecherin am Freitag. Betroffen seien Flüge von und nach Frankfurt, der Heimatbasis von Deutschlands größter Fluggesellschaft. Auch die wirtschaftlich besonders lukrativen Langstrecken-Destinationen fielen vereinzelt aus, vor allem aber Kurz- und Mittelstrecken.

Die Lufthansa bat ihre Kunden, sich über die Website des Unternehmens über den Status der eigenen Verbindung zu informieren. Wann wieder mit Normalbetrieb zu rechnen ist, konnte die Airline nicht sagen. Vorsorglich wurde der Flugplan im Streikzeitraum um 25 Prozent reduziert, gestrichen wurden viele innerdeutsche Verbindungen, bei denen die Passagiere auf die Bahn ausweichen können. Auch Air Berlin und Autovermieter wie Sixt dürften zu den Nutznießern gehören.

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Die Deutsche Bahn setzte wegen des Streiks der Flugbegleiter der Deutschen Lufthansa in Frankfurt am Freitagvormittag mehr Züge als sonst ein. Damit soll Passagieren, deren Flüge ausfallen, geholfen werden. Die Bahn habe mit der Lufthansa ein entsprechendes Kooperationsangebot „Good for Train“ abgeschlossen, teilte das Unternehmen in Berlin mit. Auf den Bahnhöfen werde zusätzliches Personal Fahrgäste informieren.

Passagiere des innerdeutschen Flugverkehrs könnten ihr elektronisches Ticket für die eingetragene Strecke online über die Lufthansa-Internetseite, am Check-In-Automaten oder Lufthansa-Schalter in einen Reisegutschein für die Deutsche Bahn umwandeln lassen. Die ausgegebenen Gutscheine berechtigen Fluggäste bei innerdeutschen Verbindungen zum direkten Einstieg in den Zug. Abweichend hiervon müssen die sie bei internationalen Verbindungen vor Fahrtantritt in einem DB Reisezentrum gegen eine Fahrkarte eingetauscht werden.

Höhere Personalkosten wären nicht tragbar

Video: Höhere Personalkosten wären nicht tragbar

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Am Frankfurter Terminal 1 gaben am Morgen Anzeigetafeln den Ausfall von Lufthansa-Flügen mit Zielen in Deutschland und Europa bekannt. Gestrichen waren zum Beispiel Verbindungen nach Hamburg, Berlin, Zürich, London und Rom. Eine laufend aktualisierte Liste der gestrichenen Flüge veröffentlicht Lufthansa auf ihrer Website www.lufthansa.com .

Zur Situation am Frankfurter Flughafen erklärte eine Lufthansa-Sprecherin, es sei noch noch kein Ausnahmezustand eingetreten. „Von chaotischen Zuständen kann keine Rede sein.“

Die Rechte der Fluggäste bei Streiks

Stornierung und Umbuchung

Einen wegen Streiks gestrichenen Flug kann der Kunde stornieren, er bekommt dann sein Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will, hat Anspruch auf einen späteren Flug. Das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist - und auch länger, da ein Rückstau entstehen könnte.

Verspätung

Bei Flügen bis zu 1500 Kilometern haben Fluggäste ab zwei Stunden Verspätung Anspruch auf Betreuungsleistungen - also Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel. Bei einer Strecke von 1500 bis 3500 Kilometern gibt es Unterstützung nach drei Stunden, ab 3500 Kilometern Strecke nach vier Stunden. Ab einer Wartezeit von fünf Stunden können Passagiere eine Erstattung des Flugpreises verlangen.

Pünktlichkeit

Auch bei einer großen absehbaren Verspätung sollten Passagiere immer zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Fluggesellschaft doch früher einen Ersatzflug anbieten kann - und der Reisende ihn dann verpasst.

Entschädigung

Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro - aber nur, wenn kein „außergewöhnlicher“ Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks aber wie miserables Wetter als außergewöhnlichen Umstand - und zahlen eine Entschädigung dann nicht. Zu Recht, wie der Bundesgerichtshof (BGH) nun entschied: Streiks auch der eigenen Piloten sind „außergewöhnliche Umstände“, die von Airlines „nicht beherrscht“ werden können, heißt es in dem Urteil.

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo gab sich am Freitag kampfbereit. Ufo-Chef Nicoley Baublies sagte dem Bayerischen Rundfunk, auch am Wochenende seien weitere Maßnahmen nicht ausgeschlossen. Er hatte früher bereits betont, auch ein flächendeckender Streik sei möglich, wenn sich die Airline nicht bewege. "Das kommt sehr darauf an, wie die Lufthansa jetzt reagiert und wie massiv sie versucht, die Leute zum Streikbrechen aufzurufen und unter Druck zu setzen."

Kommentare (4)

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Vorbildfunktion

31.08.2012, 05:39 Uhr

Lufthansa bzw. die Leitungsebene wird als arrogant und verbohrt empfunden. Es müssen in die Betrachtung auch das Geschäftsverhalten der letzten 3 Jahre einbezogen werden und die übrigen Lohnsteigerungen; auch die der Geschäftsführung.

Bleibt ein Eindruck, dass die Schieflage auch woanders existiert, aber halt bei den Flugbegleitern aufgrund der Masse und vermeintlichen Einfachheit isoliert umgesetzt werden soll, so ist es schon eine arrogante Haltung, die nicht zu einem Serviceunternehmen passt.

Leiharbeit und Jobauslagerung muss beispielsweise nicht sein, wenn ein Unternehmen Kosten sparen will. Wenn es ernst ist, können alle mit Einbußen zur Kostenanpassung beitragen. Die Leitungsebene vermißt hier eine Vorbildfunktion mit Kosteneinbußen voranzugehen.

Astrid

31.08.2012, 09:30 Uhr

Die Leitungsebene sollte einfach hauptsächlich bezahlt werden in Aktien, die 10 J lang blockiert sind. Dann würde das Personal dem Management vertrauen. Jetzt spüren Mitarbeiter und Kunden aber, wie die Leitung kurzfristige gute Zahlen anstrebt, indem die Firma langfristig kaputtgespart wird.

Makrooekonom

31.08.2012, 10:05 Uhr

Bei der Lufthansa stimmt vieles nicht. Es entsteht der unangenehme Eindruck, daß die vorbildlichen Flugbegleiter viele Mißstände ausbügeln müssen. Diese Flugbegleiter sind sicher unterbezahlt. Leider sind sie in der Minderheit. Auf andere Personen, die in dieser Uniform mitfliegen kann man gerne verzichten. Doch der Reihe nach. Wenn bei mehreren Langstreckenflügen nacheinander in nächster Umgebung ein Sitz defekt ist und Teile des Unterhaltungsprogramms nicht funktionieren muß man davon ausgehen, daß in diesem Bereich an der Wartung gespart wird. Die Flugbegleiter müssen diesen Mißstand ungerechterweise ausbügeln. Zwischen vorbildlichem Personal und übernächtigten Strandhangovers gibt es eine breite Spanne. Leider ist insbesondere auf Rückreisen das vorbildliche Personal in der Minderzahl. Das Boarding wird immer automatisiert und gestaltet sich dennoch zuweilen als ein chaotisches Gedränge nach Zufallsprinzip. Beim Handgepäck wird das Personal im Stich gelassen oder es gelten für Passagiere unterschiedliche Regeln. Es kam schon vor, daß die Flugbegleiterinnen eine Viertelstunde hilflos durch die Gänge irrten, um halbe Wandschränke in der Gepäckablage zu verstauen. Zeitweise wird Personal eingesetzt, daß so schlecht aufeinander abgestimmt ist, daß man auf die Essenausgabe besser verzichten würde. Die absolute Krönung ist dann das Beschwerdemanagement. Eine Abwimmelabteilung, die nur über e-mail zu erreichen ist und deren Antworten nur als Verhöhnung der Passagiere bezeichnet werden können. Die Lufthansa hatte einmal einen guten Namen. Gemessen am Service ist der Aktienkurs noch viel zu hoch.

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