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12.11.2015

18:13 Uhr

UFO gegen Lufthansa

Flugbegleiter ziehen Streik bis Freitagabend durch

Ohne Annäherung geht der Rekordstreik der Lufthansa-Flugbegleiter zu Ende. Noch einmal fallen am Freitag reihenweise Flüge aus. Weitere Streiks will die Gewerkschaft UFO nicht ausschließen.

Flugbegleiter-Streik geht weiter

Fast jeder dritte Flug fällt aus

Flugbegleiter-Streik geht weiter: Fast jeder dritte Flug fällt aus

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FrankfurtDie Flugbegleiter der Lufthansa ziehen ihren Rekordstreik wie geplant bis zum Betriebsschluss am Freitag durch. Er sehe nach der unnachgiebigen Haltung der Lufthansa keinen Anlass, den Streik jetzt noch abzubrechen, erklärte der Chef der Gewerkschaft UFO, Nicoley Baublies, am Donnerstag in Frankfurt. Bei einer Kundgebung vor der Lufthansa-Zentrale in Frankfurt werde die Gewerkschaft am Freitag ihre weitere Vorgehensweise bekanntgeben. „Wenn es bei der Sprachlosigkeit bleibt, können wir nichts ausschließen“, sagte der UFO-Chef. Einen Bericht der „Bild“-Zeitung, wonach neue Streiks drohten, wies Baublies zurück.

Erneut werden die Fluggäste in Mitleidenschaft gezogen: Das Unternehmen hat angekündigt, an diesem Freitag als siebten und letzten Streiktag noch einmal 941 Flüge aus dem Programm zu nehmen, auf die 111.000 Gäste gebucht waren. Insgesamt steigt bei rund 4700 abgesagten Flügen damit die Zahl der vom Streik betroffenen Passagiere auf rund 550 000.

Air Berlin statt Lufthansa: Carsten Spohr fliegt fremd

Air Berlin statt Lufthansa

Carsten Spohr fliegt fremd

Überraschender Gast auf dem Air-Berlin-Flug AB 6209: Lufthansa-Chef Carsten Spohr musste wegen des Streiks der Flugbegleiter auf die Konkurrenz ausweichen. Mit seinem Sitzplatz zeigte sich der Manager durchaus zufrieden.

Der am Freitag vergangener Woche begonnene und nur am Sonntag kurz ausgesetzte Ausstand ist der längste und heftigste Streik in der Geschichte der Airline, die sich zur genauen Schadenshöhe noch nicht geäußert hat. Personalchefin Bettina Volkens hatte in einer Zwischenbilanz in der „Bild-Zeitung“ von einem deutlich zweistelligen Millionenbetrag gesprochen. Bei früheren Streiks der Piloten, die in der laufenden Runde bereits 13 Mal gestreikt haben, waren Ergebnisbelastungen von rund 20 Millionen Euro pro Tag aufgelaufen.

Am Donnerstag hatte Lufthansa 933 Flüge gestrichen, 107.000 Passagiere waren betroffen. Die Gewerkschaft Ufo hatte wie auch für Freitag zum Streik auf Kurz-, Mittel- und Langstrecken von den Standorten München, Frankfurt und Düsseldorf aufgerufen.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat sich nur eine kleine Zahl der Flugbegleiter beim Arbeitgeber offiziell zum Streik bekannt. Stattdessen seien die Krankmeldungen am ersten Streiktag in Frankfurt so steil nach oben geschossen wie noch nie, bestätigte ein Unternehmenssprecher die Informationen. Danach waren am Freitag vergangener Woche in Frankfurt mehr als 1400 der insgesamt 12.000 dort stationierten Flugbegleiter krankgemeldet und nur 108 hätten offiziell erklärt, dass sie streiken. Am Dienstag in München seien es 460 Krankmeldungen und 120 Streikende gewesen. Wegen der hohen Belastungen seien zweistellige Krankenquoten keine Seltenheit, sagte hingegen UFO-Chef Baublies.

Die Versuche des Dax-Konzerns, den längsten Ausstand in der Unternehmensgeschichte durch die Arbeitsgerichte stoppen zu lassen, blieben zunächst erfolglos. „Wir ziehen den Antrag auf Erlass der einstweiligen Verfügung zurück“, sagte Lufthansa-Anwalt Thomas Ubber am Donnerstag vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf. Zuvor hatte das Gericht in einer Verhandlung mehrfach angedeutet, dass es gegen die Lufthansa urteilen wolle. „Wir würden zu ihrem Vorteil entscheiden“, sagte Richter Peter Nübold vor der Ankündigung des Lufthansa-Anwalts zu den Vertretern der Gewerkschaft UFO. Wie in Darmstadt hatte auch die erste Instanz in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt entschieden, dass der Streik rechtmäßig ist.

Am Samstag soll bei der Lufthansa weitgehend wieder normaler Betrieb herrschen. Das Unternehmen wolle seinen Kunden schnellstmöglich den gewohnten Service bieten, erklärte die Lufthansa. Bei den Kurz- und Mittelstrecken könne es am Samstag noch vereinzelt zu Flugstreichungen kommen, wenn Flugzeuge oder Crews noch nicht an den Einsatzorten seien, erklärte die Lufthansa. Außerdem sollten wieder alle planmäßigen Langstreckenverbindungen starten. Eigentlich für Freitagabend geplante Langstreckenflüge von Frankfurt am Main nach Hongkong, Singapur, Rio de Janeiro und São Paulo würden wegen des Streiks auf Samstagmorgen verschoben.

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