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01.03.2013

09:03 Uhr

Umsatzsteigerung

Einzelhandel mit stärkstem Plus seit sechs Jahren

Eine Umsatzsteigerung von 2,9 Prozent verzeichnen die Einzelhändler im Februar. Der Einbruch im Dezember ist damit wettgemacht. Insgesamt bleibt der steigende Konsum auch in diesem Jahr eine wichtige Konjunkturstütze.

Volle Einkaufstüten: Die Deutschen haben im Februar mehr konsumiert. dpa

Volle Einkaufstüten: Die Deutschen haben im Februar mehr konsumiert.

BerlinDie deutschen Einzelhändler haben ihren Umsatz im Januar so stark gesteigert wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr. Er legte um 2,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. "Das ist der größte Zuwachs seit Dezember 2006", sagte ein Statistiker zu Reuters. Damit wurde der im Dezember erlittene Einbruch von 1,9 Prozent mehr als wettgemacht. Preisbereinigt (real) fiel das Plus mit 3,1 Prozent sogar noch größer aus. Von Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich ein Wachstum von 1,0 Prozent erwartet.

Wegen der Rekordbeschäftigung, steigender Löhne und sinkender Inflation dürfte der private Konsum in diesem Jahr erneut eine wichtige Konjunkturstütze bleiben. Der Einzelhandelsverband HDE erwartet allerdings nur ein geringes Umsatzwachstum: Er geht für 2013 nur von einem Plus von 1,0 Prozent aus, nach 1,5 Prozent im vergangenen Jahr.

Fünf Thesen: Wie die Welt zum Shopping-Center wird

These 1: Wer wartet, ist schon tot

Ladenbesitzer machen zunehmend mobil und mischen sich per Handy ein in Zeitbudgets und Tagesabläufe ihrer Kunden. Via rasch wachsenden Internet-Rabattdiensten wie „Groupon“ locken sie preissensible Käufer mit Schnäppchenangeboten wieder in die Läden. Besonders ausgeklügelte mobile Dienste stimmen die Lockangebote dabei zeitlich exakt mit schwach frequentierten Öffnungszeiten ab.

These 2: Der Laden wird anklickbar

Produkte und Sortimente im Laden werden mit Zusatzinfos wie z.B. Herkunftshinweisen aus der virtuellen Welt angereichert. Die greifbare Ladenwelt vermischt sich mit digitalen Dienste. Damit einher gehen neue „Augmented Reality“ Anwendungen: Dank der virtuellen Anprobe die von Modeketten wie „Topshop“ getestet wird, könnte das mühsame Umziehen in engen Umkleidekabinen bald überflüssig werden. Wer das Serviceerlebnis für seine Kunden im Laden nicht optimiert, hat ein Problem.

These 3: Was digitalisiert werden kann, wird wegdigitalisiert

Ausgerüstet mit einem 3D-Drucker können Konsumenten bald selber zum „Digital Fabricator“ werden und Gegenstände wie Becher, Socken und Teller selber produzieren und „ausdrucken“ – kein schöner Ausblick für Shopbesitzer. Es sei denn, sie richten eine 3D-Werkstatt ein und lassen ihre Kunden mit individuellen Entwürfen an der Fabrikation der gewünschten Ware teilhaben, statt fertige Produkte zu verkaufen.

These 4: Die Welt verwandelt sich in eine Verkaufsfläche

Die Welt selber wird zunehmend zu einem einzigen großen Shopping-Center. Etwa, wenn Konsumenten irgendeinen Artikel im Schaufenster anklicken, via Barcode einscannen und kaufen können. Mit der „ScanLife“ Technologie geht das via QR-Code schon heute – unabhängig von Öffnungszeiten. Doch es naht ein Gegentrend: Gewisse Dinge werden limitiert und mit Exklusivität belegt – und das wird Begehrlichkeiten wecken.

These 5: Jeder ist nur ein Händler auf Zeit

Wenn Händler bisher von der Bildfläche verschwanden, hatte dies meist mit Konkurs, einer Übernahme oder Geschäftsaufgabe zu tun. Künftig verschwinden sie, weil die Generation mit dem mobilen Internet in der Hosentasche sie in ihrer Funktion als Lagerraum und Ort des Abverkaufs schlichtweg nicht mehr braucht. Für den heutigen Händler heißt das: Kein Laden – ob on- oder offline – wird mehr für die Ewigkeit gebaut. Das verdeutlicht schon die wachsende Zahl der temporär installierten Pop-Up-Stores.

Quelle: Studie im Auftrag der Deutschen Post: Einkaufen 4.0  - der Einfluss von E-Commerce auf Lebensqualität und Einkaufsverhalten

Besonders gut liefen die Geschäfte im Januar in Supermärkten und Warenhäusern. Sie hatten 6,1 Prozent mehr in den Kassen als ein Jahr zuvor. Der Internet- und Versandhandel steigerte seine Einnahmen mit 5,9 Prozent fast genauso stark. Dagegen fiel der Umsatz im Geschäft mit Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und Baubedarf um 0,5 Prozent.

Neun Erfindungen für die Einkaufswelt

Recht

Die älteste komplett erhaltene Rechtssammlung der Welt stammt von Hammurabi I., von 1792 bis 1750 v. Chr. König von Babylon. Die 282 Paragraphen regeln Straf- wie Zivilrechtliches, familiäre wie geschäftliche Probleme. Wie sicher sich die Bewohner Babylons damals tatsächlich fühlten, wissen wir nicht – aber Rechtssicherheit ist seither eine der wichtigsten Voraussetzungen, um überhaupt Handel treiben zu können.

Geld

Zuvor tauschte man auf Märkten nur Ware gegen Ware, wog den Preis in Gold auf oder rechnete mit Rindern (wie bei Homer). Dann kam man im kleinen, aber goldreichen Königreich Lydien auf die Idee, kleine Goldscheiben mit immer dem gleichen Gewicht herzustellen – und als Qualitäts-Kennzeichen ein Bild des Königs Krösus darauf zu stempeln. Das Geld war geboren – und sollte den Handel weltweit erleichtern und beschleunigen.

Eisenbahn

Nichts ließ die Welt so schnell so heftig schrumpfen wie die Eisenbahn. Die Bedenken, der Mensch könne für hohe Geschwindigkeiten nicht geschaffen sein, schwanden schon bald nach der Jungfernfahrt von George Stephensons „Locomotion“ am 27. September 1825. Die Revolution auf der Schiene transportierte Material und Menschen; Rohstoffe zu den neuen Industriestandorten, deren Produkte nahezu in die ganze Welt. Damit bahnte sie den Weg für die Massenproduktion und den Massenkonsum.

Warenhaus

Alles unter einem Dach: Das gab es vor 160 Jahren das erste Mal überhaupt – in Paris. Aristide Boucicaut verwandelte den Laden „Le Bon Marché“ in eine „Kathedrale des Kommerzes“ (Emile Zola), die keine Wünsche der gehobenen Konsumenten aus Adel und Großbürgertum unerfüllt ließ. Der Kunde wurde zum König gekrönt, und das Warenhaus blieb mehr als ein Jahrhundert lang sein Königreich.

Marke

Eine Seife war eine Seife war eine Seife – bis der Einzelhändler William Lever aus Lancashire seine Seife „Sunlight“ nannte, und einen hellen Schein ins rußige England brachte. Von Leibniz über Coca-Cola bis Oetker setzte sich die Neuerung schnell durch und machte die Regale bunter. Den Konsumenten brachte die Marke Auswahl, Vielfalt und völlig neue Identifikationsmöglichkeiten; den Herstellern und Händlern sichere Erträge – good brands don’t die.

Versandhandel

In der Industriellen Revolution erblühten die Städte – und das platte Land blieb immer weiter zurück. Bis die Kataloge der Versandhäuser auch der tiefsten Provinz die Segnungen des Industriezeitalters nahe brachten. „Leinene Herren-Kragen – Nur beste Qualität“ – um seine Produkte an den Mann zu bringen, hatte Unternehmer Ernst Mey im Jahr 1886 eine geniale Idee. Anstatt Vertreter über Land zu schicken, ließ May bebilderte Kataloge drucken und schickte seine Waren dann per Post an die Besteller. Zwei Jahre später machte August Stukenbrok es ihm nach und verkaufte Fahrräder per Versand. Sein Slogan: „Mein Feld ist die Welt“. Die Postboten trugen die Konsumkultur bis in den hintersten Winkel der westlichen Welt.

Supermarkt

Mitten in der Weltwirtschaftskrise macht man ei­gentlich keine neuen Läden auf. Außer natürlich man hat etwas ganz Besonderes zu bieten. Wie Michael J. Cullen: Er eröffnete 1930 im New Yorker Stadtteil Queens den ersten Lebensmittelladen mit Selbstbedienung – aus dem Regal direkt an die Kasse. Eine gewaltige Kostenersparnis für den Händler, und die Geburtsstunde des modernen Supermarkts. Bei Tante Emma hatten der Kunde vor und der Händler hinter der Theke beide ihren festen Platz. Die Kunden kauften was es eben so gab. Mit dem Selbstbedienungsladen veränderten sich die Strukturen grundlegend. Die neuen Läden brauchten Fläche, damit der Kunde selbst nach dem immer größer werdenden Warenangebot greifen kann.

Internet

Es ist wirklich erst gut zwei Jahrzehnte her, dass mit der Hypertext-Sprache, die Tim Berners-Lee am Genfer CERN-Institut entwickelt hatte, aus einer losen weltweiten Vernetzung von Computern das World Wide Web entstand. Es hat die Menschen in aller Welt einander näher gebracht, ein globales Dorf gebaut und ganze Branchen neu entstehen lassen. Die Potenziale, die in der Vernetzung stecken, sind noch immer nicht annähernd abzuschätzen

E-Commerce

Wie sehr sich das Internet als zusätzlicher Vertriebskanal für bereits vertraute Produkte eignet, bewies niemand so früh und so gründlich wie Jeff Bezos, dessen Online-Buchladen Amazon.com 1995 erstmals online ging. Inzwischen verkauft er längst nicht mehr nur Bücher – und sogar eine Vielzahl von Produkten, die es ohne Amazon überhaupt nicht gäbe. Sowohl in Kundendienst als auch in Logistik stoßen E-Commerce-Händler in neue Dimensionen vor.

Quelle: Studie im Auftrag der Deutschen Post: Einkaufen 4.0  - der Einfluss von E-Commerce auf Lebensqualität und Einkaufsverhalten (Detlef Gürtler: „Die Dagoberts, eine Weltgeschichte des Reichtums“ (Eichborn 2004),„Die Tagesschau erklärt die Wirtschaft“ (Rowohlt Berlin 2008))

Von

rtr

Kommentare (1)

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popper

01.03.2013, 12:06 Uhr

Der postulierte deutsche Konsumboom war und ist ein Konstrukt des Wunschdenkens und der Propaganda. Monat für Monat oder vierteljährlich wurde diese Propaganda von den harten belastbaren Daten zu den Einzelhandelsumsätzen (trotz enthaltenen potentiellen Beschönigungen) und den vierteljährlichen VGR-Daten zu den privaten Konsumausgaben als Lüge entlarvt. Das schiefe deutsche Wirtschaftsmodell, die einseitige Exportorientiertheit und auf der anderen Seite die viel zu schwache Binnennachfrage werden in der öffentlichen Wahrnehmung meist verdrängt, manchmal in der Wahrnehmung sogar ins Gegenteil verkehrt oder dieser Irrweg (Ungleichgewicht) wird als Zeichen des Erfolges umstilisiert!

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