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30.12.2015

15:29 Uhr

Umstrittene Gemeinschaftsflüge

Air Berlin und Etihad erleiden schwere Schlappe

VonJens Koenen

Ein Gericht könnte zum Totengräber für einen Teil der Kooperation von Air Berlin und Etihad werden. Mehr als 30 Gemeinschaftsflüge werden verboten. Der Streit geht in die nächste Runde – und verunsichert die Kunden.

Für die Fluggesellschaft und Geldgeber Etihad ist das Urteil ein Rückschlag. Reuters

Air-Berlin-Maschine in Tegel

Für die Fluggesellschaft und Geldgeber Etihad ist das Urteil ein Rückschlag.

FrankfurtBöse Überraschung kurz vor dem Jahreswechsel: Das Verwaltungsgericht in Braunschweig untersagte Gemeinschaftsflüge von Air Berlin und dem Golf-Anbieter Etihad auf 31 Verbindungen im Winterflugplan. Damit dürfen die beiden Fluggesellschaften diese Flüge ab dem 16. Januar und bis zum Ende des Winterflugplans am 26. März nicht mehr gemeinsam vermarkten.

Geflogen werden die Strecken weiter, allerdings ausschließlich unter der Flugnummer von Air Berlin. Von der Gerichtsentscheidung nicht betroffen sind 52 andere Codeshare-Flüge, die das Luftfahrtbundesamt genehmigt hatte.

Neuer Sanierungsplan für Air Berlin

Pichlers großer Wurf?

Bei den heikelsten Fragen wird Vorstandschef Stefan Pichler zum Basta-Manager. Kann Air Berlin den kommenden Winter überstehen? „Unsere Finanzierung ist gesichert. Punkt“, antwortet er ohne Details. Gibt es einen Plan B, wenn die Gemeinschaftsflüge mit dem Partner Etihad nicht dauerhaft genehmigt werden? Pichler: „Das wird so weitergehen. Punkt.“ Der Spitzenmann der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft legte am 11. November Quartalszahlen vor und das lange erwartete Konzept für die nächsten Jahre – neun Monate nach seinem Amtsantritt.

Wie will Pichler den Umschwung schaffen?

Ein Maßnahmenpaket mit 14 Elementen soll Air Berlin aus der Dauerkrise führen. Pichler will den Verkehr dort ausbauen, wo es lukrativ erscheint, etwa auf Transatlantik-Routen, und neue Kundengruppen gewinnen. Bei Flotte, Organisation und Personal will er weiter sparen.

Wie will Air Berlin wachsen?

Auf langen Strecken lässt sich mehr verdienen. Weil das so ist, baut Air Berlin am Drehkreuz Düsseldorf im Mai 2016 sein Flugangebot in die USA und die Karibik aus. Es sind dann insgesamt bis zu 62 Langstreckenflüge wöchentlich ab Düsseldorf. Zum Vergleich: Ab Berlin-Tegel sind es 28 Interkontinentalflüge pro Woche. Eine engere Zusammenarbeit mit Alitalia soll mehr Fluggäste von Deutschland und Österreich nach Italien bringen. Geplant ist außerdem eine Vertriebsinitiative, um mehr Firmenkunden an Air Berlin zu binden.

Was ist mit dem Standort Berlin?

Auch die Basis Berlin soll erweitert werden, zunächst mit weiteren Europa-Verbindungen und später auch Langstrecken. Noch gibt es dazu nichts Konkretes. Pichler will aber mit der Expansion nach eigenen Worten nicht warten, bis der Hauptstadtflughafen (BER) voraussichtlich Ende 2017 eröffnet wird.

Wo will die Fluggesellschaft sparen?

Wie schon zuletzt, sollen Verbindungen „teilweise ausgedünnt“ werden, also Einsatz von weniger oder kleineren Flugzeugen dort, wo die Nachfrage schwach ist. Künftig soll die konzerneigene Flotte nur noch aus Airbus-Maschinen bestehen, um Kosten etwa bei der Wartung zu senken. Auch Personal soll abgebaut werden, überwiegend in der Verwaltung. Wie viele der rund 8000 Stellen wegfallen, ist noch nicht bekannt.

Was ist neu an den Plänen Pichlers?

Pichler sagt jetzt ausdrücklich, dass sein Konzern eine „Netz-Airline“ werden soll wie Lufthansa oder British Airways. Air Berlin könne aber die gleiche Leistung zu geringen Kosten pro Passagier verwirklichen - ein Wettbewerbsvorteil nach Meinung des Vorstandschefs. „Die strategische Ausrichtung ist relativ klar und eindeutig“. Doch der Weg dorthin brauche Zeit. Air Berlin könne seine anderen Standbeine wie das Tourismus-Geschäft „nicht einfach wegwerfen“. Air Berlin wird seit langem von Experten vorgeworfen, dass ein klares Geschäftsmodell nicht erkennbar sei.

Was ist Pichlers Ziel und bis wann will er es erreichen?

In 12 bis 18 Monaten soll der „Turning Point“ (Wendepunkt) erreicht sein, von dem an das Unternehmen wieder profitabel sein soll. Die frühere Ankündigung, Air Berlin wolle im Gesamtjahr 2016 wieder ein positives operatives Ergebnis (Ebit) erreichen, hat Pichler nicht wiederholt. Nun heißt es, das Ebit solle bis Ende 2018 um 310 Millionen Euro verbessert werden. Das würde für ein kleines Plus reichen. Im Jahr 2014 lag das Ebit bei minus 294 Millionen Euro.

Wie ist Air Berlin im Wettbewerb positioniert?

Zu den größten Konkurrenten gehören im Europageschäft Ryanair und Easyjet, die auch weiterhin ihr Angebot ausweiten und den Preisdruck auf vielen Strecken hochhalten. Interkontinental muss sich Air Berlin mit einer Reihe großer Gesellschaften messen, unter anderem der Lufthansa. Der Partner Etihad Airways aus Abu Dhabi verhilft zu Anschlüssen nach Asien und Australien. Die gemeinsame Vermarktung von Flügen ist für beide Partner ein wichtiger Pfeiler des Geschäfts.

Quelle: dpa

Das Gericht verwies in seiner Begründung darauf, dass die Voraussetzungen der erforderlichen Betriebsgenehmigung für die umstrittenen Flugstrecken nicht erfüllt seien. Beim Codesharing werden Flüge von zwei Airlines unter eigenen Flugnummern verkauft. Der Vorteil: Air Berlin erhöht damit die Auslastung der Flugzeuge, dafür kann Etihad ein großes und attraktives Netz anbieten.

Für Air Berlin und Etihad ist das Urteil ein Rückschlag. Beide Unternehmen hatten noch im Herbst vor dem gleichen Gericht eine Einstweilige Verfügung erreicht, mit der das Luftfahrtbundesamt gezwungen wurde, die umstrittenen Flüge zumindest bis zum 15. Januar zu erlauben – mit Rücksicht auf die damals bereits seit Wochen laufende Vermarktung der Flüge und den Schutz der Passagiere, die dafür schon Tickets erworben hatten. Im Hauptsache-Verfahren entschied das Gericht nun gänzlich anders.

Wie es nun nach dem 15. Januar weitergeht, ist unklar. Air Berlin und Etihad erklärten in einer ersten Stellungnahme, dass "alle bisher gebuchten Codeshare-Flüge von Etihad Airways und Air Berlin wie geplant durchgeführt" würden. Der gemeinsame Flugplan bleibe unverändert buchbar. Man bedauere die Entscheidung des Gerichts.

Doch fest steht, dass das Urteil Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Rücken stärkt. Er hatte die Rechtmäßigkeit der Gemeinschaftsflüge immer wieder angezweifelt. Es geht dabei vor allem um die Frage, ob Etihad das Recht hat, Air-Berlin-Flüge etwa von Berlin ins Ausland unter einer eigenen Flugnummer zu verkaufen. Entsprechend fällt das Statement des Ministeriums aus: „In seiner Begründung hat das Gericht festgestellt, dass der von Etihad Airways vorgetragene Vertrauensschutz keine Grundlage für eine Genehmigung darstellt, da sich Air Berlin seit August 2014 auf die Genehmigungspraxis hatte vorbereiten können“, heißt es dort kurz und knapp.

Damit wird der Druck auf die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erhöht, endlich mit der Bundesregierung eine Neuregelung des bilateralen Luftverkehrsabkommens zu erreichen. Doch bis zum 15. Januar wird das sicher nicht möglich sein. Denn die VAE müssen für zwei große Fluggesellschaften sprechen: Etihad und Emirates. Beide verfolgen aber sehr unterschiedliche Interessen und Strategien.

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