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01.08.2013

11:09 Uhr

Umstrittene Zucker-Bomben

Hipp verkauft über Umweg weiter gesüßten Kinder-Tee

VonCarina Kontio

Nach heftiger Kritik hatte Hipp vor einem Jahr seine Tees für Kleinkinder aus den Regalen geholt – doch unter anderem Namen verkauft der Konzern solche Produkte, die zu 94 Prozent aus Zucker bestehen, bis heute weiter.

DüsseldorfNach heftiger Verbraucherkritik hatte Hipp seine Zuckergranulat-Tees für Kleinkinder 2012 vom Markt genommen. Ein fantastischer Erfolg des Verbraucherprotests – dachten die Verbraucherschützer von Foodwatch... Doch unter anderem Namen verkauft das Unternehmen solche Produkte bis heute weiter. Für Bebivita, eine 100-prozentige Tochterfirma, hat Hipp offenbar die eigenen Maßstäbe außer Kraft gesetzt: Der Instant-„Kinder-Früchtetee“ widerspricht allen gängigen Ernährungsempfehlungen und ist auch noch mit einem Zusatzstoff versehen, den Hipp selbst als „zahnschädlich“ bezeichnet. Mit einem Brief und einer E-Mail-Aktion unter www.abgespeist.de fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch Firmenchef Claus Hipp auf, die Produkte einzustellen.

Unter der Marke Bebivita, die viele Verbraucher gar nicht kennen, vertreibt Hipp für Kinder ab 12 Monaten Früchtetees aus Granulat, das zu 94 Prozent aus Zucker besteht. Auf der Webseite werden die umstrittenen Zucker-Bomben angepriesen: „Unsere Bebivita Tees sind wohltuend, schmecken gut und sind bekömmlich“, heißt es dort.

Das widerspricht dem oft postulierten Anspruch von Hipp, „kindgerechte“ und „gesunde“ Produkte für Kinder anzubieten: Allen gängigen Ernährungsempfehlungen zufolge sollten Kinder Tee nur ungesüßt trinken. Da Tee ganz einfach klassisch mit Teebeuteln zubereitet werden kann, besteht auch keine Notwendigkeit eines Zuckerzusatzes.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen

Obst und Gemüse schützt vor Krebs

Wer sich gesund ernährt und mehr Gemüse als Fleisch isst, der tut seinem Körper etwas Gutes. Doch ein konkreter Schutz vor Krebs ist das nicht. Das ergab eine Studie von Hsin-Chia Hung und Walter Willet, Harvard University Boston/"Journal of the National Cancer Institute". Die Probanden, die mehr Obst und Gemüse aßen, hatten jedoch ein geringeres Herzinfarktrisiko.

Dunkle Schokolade macht weniger dick

Das stimmt leider nicht. Egal, wie dunkel die Schokolade ist, sie besteht in erster Linie aus Kakaobutter, Zucker und Kakaomasse. Im Gegensatz zu Milchschokolade enthält dunkle Schokolade keine Milch, folglich auch keinen Milchzucker. Die Kalorienzahl ist aber vergleichbar mit der der Milchschokolade.

Kaffee trocknet den Körper aus

Nein, Kaffee entzieht dem Körper kein Wasser. Koffein wirkt allerdings harntreibend: Wer viel Kaffee trinkt, muss also öfter die Toilette aufsuchen. Das bedeutet aber nicht, dass er dabei mehr Flüssigkeit verliert, als er mit dem Bürokaffee aufgenommen hat.

Pro Tag zwei Liter Wasser trinken

Es ist richtig, dass der Mensch "ausreichend" Flüssigkeit braucht. Er muss aber nicht zwangsläufig zwei Liter in Form von Wasser trinken. Auch Obst, Gemüse und Milchprodukte enthalten Flüssigkeit. Außerdem hängt der Flüssigkeitsbedarf davon ab, wie heiß es ist, wie viel der Mensch wiegt und ob man sich körperlich stark anstrengt. Pauschal eine Menge von zwei Litern zu empfehlen ist wenig sinnvoll. Zu viel Wasser kann dem Körper auch schaden. Wer ein normales Durstgefühl hat, nimmt automatisch genug Flüssigkeit zu sich.

Salat hat viele Vitamine

Das stimmt nicht. Salat hat viel Folsäure, die der Körper braucht, aber Vitamin C etwa findet sich in der doppelten bis achtfachen Menge in Tomaten oder Paprika.

Eier erhöhen den Cholesterinspiegel

Cholesterin ist ein lebensnotwendiger, natürlicher Stoff und kein Schadstoff. Der Körper produziert selbst Cholesterin und stoppt die Produktion, wenn zu viel Cholesterin in Form von Nahrung aufgenommen wird. Nur wer eine Cholesterin-Stoffwechselstörung hat muss auf seine Ernährung achten. Alle anderen können so viele Frühstückseier essen, wie sie wollen.

Salz ist ungesund

Das stimmt nur, wenn Sie zu den so genannten salzsensitiven Menschen zählen. Bei denen kann der häufige Genuss von stark gesalzenen Speisen zu einem Anstieg des Blutdrucks führen. Da die Mehrheit der Menschen aber nicht salzsensitiv isst, müssen sie auch nicht auf Salz verzichten.

Mehrere Mahlzeiten sind besser

Immer wieder hört man, es sei besser fünf kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen, als die drei großen Klassiker Frühstück – Mittag – und Abendessen. Im Grunde ist es völlig egal, wann man isst. Wer mit fünf „kleinen“ Mahlzeiten am Tag abnehmen möchte, läuft jedoch schnell Gefahr, zu viele Kalorien aufzunehmen. Wer sich an feste Mahlzeiten hält, behält besser den Überblick über die Gesamtmenge der aufgenommenen Kalorien.

Am Abend essen macht dick

Ob wir zu- oder abnehmen liegt an der Menge der Kalorien, die wir zu uns nehmen und nicht am Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme. Mehrere Studien haben widerlegt, dass Stoffwechselvorgänge am Abend ruhen und daher, wer abends mehr isst, schneller dick wird.

Der Mensch nutzt nur einen Bruchteil des Gehirns

Zwar keine Ernährungsweisheit, aber ein Gesundheitsmythos ist, dass der Mensch gar nicht die volle Leistung des Gehirns ausschöpfe. Einmal heißt es 10 Prozent, ein andermal 25 Prozent. Mehr unserer Hirnkapazitäten nutzen wir nicht? Doch, tatsächlich nutzt der Mensch alle Bereiche seines Gehirns. Untersuchungen haben gezeigt, dass es keine inaktiven Teile gibt. So verführerisch der Gedanke an noch ungenutzte Areale und Möglichkeiten wie Telepathie und Telekinese sein mag, sie bleiben Fantasterei.

Außerdem, das kritisieren die Verbraucherschützer, enthalten die Bebivita-Tees das Säuerungsmittel Zitronensäure (E 330), das bei der Marke Hipp unter Verweis auf gesundheitliche Gründe nicht eingesetzt wird: In der Öffentlichkeit rühmte sich das Unternehmen, dass die Hipp-Produkte „keinerlei zahnschädliche Zitronensäure“ enthielten. Bei Bebivita gelten diese Bedenken offensichtlich nicht. Auf den Etiketten der Tochterfirma findet sich kein Hinweis, dass die Produkte tatsächlich von Hipp hergestellt und vertrieben werden. Handelsblatt Online hat das im bayerischen Pfaffenhofen ansässige Unternehmen für eine Stellungnahme angefragt.

„Es gibt Produkte, für die Claus Hipp nicht mit seinem Namen stehen will – die verkauft er dann eben einfach unter dem Namen Bebivita“, erklärte Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelwerbung bei Foodwatch. „Man möchte es Herrn Hipp so gern abnehmen, dass es nicht nur um Profit, sondern wirklich auch um die Gesundheit der Kinder geht – die Produktpolitik bei der Tochterfirma Bebivita legt eher den gegenteiligen Eindruck nahe. Klar ist: Tee braucht gar keinen Zucker – da hilft es auch nicht, wenn sich Hipp mit Apfelschorle oder Limonade vergleicht.“

Foodwatch hatte die Hipp-Instanttees im Mai 2012 erstmals kritisiert. Innerhalb weniger Tage hatten bereits 10.000 Verbraucher eine Beschwerde-E-Mail an das Unternehmen unterzeichnet. Im Juni verlieh die Organisation dem Unternehmen den Goldenen Windbeutel 2012 als Negativpreis für die Werbelüge des Jahres 2012. Kurz zuvor hatte Hipp bereits angekündigt, die Zuckergranulat-Tees vom Markt zu nehmen und durch „zuckerfreien Tee“ zu ersetzen – seit Ende des Jahres 2012 sind tatsächlich einfache Teebeutel ohne Zuckerzusatz als Ersatzprodukt im Handel.

Die Baby- und Kindernahrung der Firma Bebivita kommen aus konventioneller Landwirtschaft und sind deutlich günstiger als die Bio-Produkte des Mutterkonzerns. Laut „Spiegel Online“ verzichtet Bebivita, soweit es möglich ist, eigenen Angaben zufolge auf den Zusatz von Zitronensäure, im Früchtetee seien nur geringe Spuren enthalten. Für die Zukunft werde nach Wegen gesucht, auf den Zusatzstoff komplett verzichten zu können.

Kommentare (20)

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Wolfsfreund

01.08.2013, 11:36 Uhr

Wer braucht denn diesen süßen, überteuerten Dreck? Ich kann mich noch an meine Kinderzeit erinnern, da gab's Mineralwasser, echtes Leitungsheimer oder Schwarzen Tee mit ein wenig Zitrone. Beliebt war im Sommer auch Buttermilch. Das Zeug ging literweise weg. Aber heute muß es ja ständig "Kinder-Irgendwas" heißen, sonst gehört man ja nicht zum Mainstream. Was würden denn die Nachbarn oder gar der Kinderschutzbund sagen, wenn Kinder einfaches Wasser trinken müßten? Lächerlich!
Übrigens hat das Trinkverhalten als Kind Auswirkungen auf's Erwachenenleben. Ich trinke heute noch an heißen Tagen am liebsten simples Wasser, manchmal mit einem kleinen Schuß Fruchtsaft. Süße oder gar überzuckerte Getränke sind mir zutiefst zuwider.

Account gelöscht!

01.08.2013, 11:42 Uhr

Hipp handelt kriminell, und dies ist mit erheblicher krimineller Energie unterlegt.

Freidenker

01.08.2013, 11:49 Uhr

Im Kapitalismus gibt es ein ganz eifaches Prinzip...Abhängigkeiten schaffen...

Die Lebesnmittelindustrie macht einen krank...die Pharmaindustrie ABHÄNGIG! So funktioniert "Marktwirtschaft", in der es NUR UM PROFIT GEHT!!

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