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30.04.2014

12:27 Uhr

Undercover-Reporterin Lobig

„Die Zalando-Mitarbeiter sind skeptisch“

VonLukas Bay

Zwei Monate recherchierte die Reporterin Caro Lobig verdeckt in einem Logistikzentrum von Zalando. Im Interview spricht sie über ihre Zusammenarbeit mit Günter Wallraff und die Reaktion von Zalando auf den Bericht.

Die Reporterin Caro Lobig hat zwei Monate lang verdeckt in einem Logistiklager von Zalando. Klaus Landry

Die Reporterin Caro Lobig hat zwei Monate lang verdeckt in einem Logistiklager von Zalando.

Druck von Vorgesetzten, Arbeiten an der Schmerzgrenze, Überwachung von Lagerarbeitern – die Enthüllungen der 21-jährigen Reporterin Caro Lobig über die Zustände im Erfurter Logistikzentrum vom Zalando wiegen schwer. Nun reagiert der Online-Händler mit mehreren Maßnahmen auf die Vorwürfe in der RTL-Sendung "Extra". Im Interview mit Handelsblatt Online erzählt die junge Journalistin, wie sie die Reaktionen auf Ihre Enthüllungen erlebt hat und verrät, wie sie ihr Videomaterial vor Zalando gerettet hat.

Handelsblatt: Ihre Recherche in einem Zalando-Logistiklager bei Erfurt hat bundesweit hohe Wellen geschlagen. Hat Sie das selbst überrascht?

Lobig: Ich hatte schon damit gerechnet, dass es eine Reaktion auf die aufgedeckten Missstände geben wird. Mit dieser Flut an Reaktionen – und zwar auf allen Kanälen - habe ich aber nicht gerechnet. Auch viele aktuelle und ehemalige Zalando-Mitarbeiter haben mich angeschrieben.

Gab es auch Kritik an Ihrer Arbeit?

Bei der Masse an Kommentaren gab es sicherlich auch einige negative Reaktionen auf die Reportage. Doch die wurden nicht direkt an mich herangetragen. Im Großen und Ganzen war die Reaktion positiv.

Mit Günter Wallraff hatten Sie einen prominenten Paten für Ihre Recherche. Wieviel Wallraff steckt hinter Ihrer Arbeit?

Die Idee für die Recherche bei Zalando hatte ich selbst. Da ich mich für ein Recherchestipendium bei Günter Wallraff beworben hatte, habe ich mir aber natürlich auch im Vorfeld seinen Rat eingeholt. Er hat mir einige Kontakte hergestellt und auch im Nachhinein hat er mich unterstützt. Gänzlich unerfahren bin ich in diesem Bereich allerdings nicht: Ich habe schon vorher beispielweise über Flüchtlinge in Deutschland verdeckt recherchiert und sie dafür drei Monate begleitet.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Zwei Monate waren Sie als Lageristin Julia Lobig im Zalando-Lager unterwegs. Wie schnell gewöhnt man sich an die neue Rolle?

Das ging eigentlich relativ schnell. Sobald ich das Werkstor passiert hatte, war ich Julia Lobig. Es war mir besonders wichtig, den anderen Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen. Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass die Leute mir gegenüber viel verschlossener sein würden. Groß nachfragen musste ich dann allerdings gar nicht mehr, die schlechten Arbeitsbedingungen waren hinter vorgehaltener Hand sowieso jeden Tag ein Thema.

Hatten Sie nie Angst, mit Ihrer versteckten Kamera aufzufliegen?

Natürlich gab es da schon knifflige Situationen. Beispielsweise wenn wir bei der Diebstahlkontrolle mit einem Metalldetektor untersucht wurden. Aber ich habe es immer wieder geschafft, die Kontrollen zu passieren. Wie kann ich natürlich nicht verraten.

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