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10.04.2013

10:14 Uhr

Unsere Aldi-Erinnerungen

Maus in der Bohnendose!

Das Discount-Imperium Aldi wird heute 100 Jahre alt. Handelsblatt Online hat sich erinnert an den Geschmack der Jugend – und an grausame Fundstücke in einer kleinen Bohnendose.

„Edelpils Karlsquell“: Der Discounter entschied im Zuge der Einführung des Dosenpfandes, Karlsquell aus dem Sortiment zu streichen. dpa

„Edelpils Karlsquell“: Der Discounter entschied im Zuge der Einführung des Dosenpfandes, Karlsquell aus dem Sortiment zu streichen.

DüsseldorfKarlsquell war ein Teil meiner Jugend – kein besonders wohlschmeckender, aber kultig und vor allem effizient im Hinblick auf das karge Gesamtbudget eines Jugendlichen. K39, wie der Stoff in den blau-weißen Dosen im Fachjargon hieß, war unter den vielen Billig-Bieren am ehesten genießbar. Erstrecht für unsere jungen, nicht verwöhnten Schlunde.

Egal ob beim Zelten am Lagerfeuer, auf Wiesen-Konzerten oder im dunklen Kellerzimmer beim PC-Spielen: Das Edelpils für 39 Pfennig war ein treuer Begleiter. Karlsquell und mit Abstrichen auch Hansa-Pils waren in den 90er-Jahren das flüssige Gold – erstrecht für Freunde des Punkrock oder Heavy Metal.

Erfolgsgeschichte

100 Jahre Aldi

Erfolgsgeschichte: 100 Jahre Aldi

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Ende 2002 war meine Karlsquell-Zeit zwar weitgehend überstanden. Aber dennoch kann ich Aldis Entscheidung bis heute nicht nachvollziehen: Der Discounter entschied im Zuge der Einführung des Dosenpfandes, Karlsquell aus dem Sortiment zu streichen. Bis heute ist es nur in Belgien, Spanien oder Frankreich erhältlich.

Wie Aldi groß wurde

Die Idee

Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.

Wiege im Hinterstübchen

Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.

Es reicht nicht

Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.

Das geniale Gespann

Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.

Die Aufgabenteilung

Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.

Der Aufstieg

1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.

Die Lebensweise der Brüder

Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.

Der einzige Luxus

Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.

In dubio pro Theo

Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.

Strategische Grundsatzentscheidung

Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.

Die Aldi-Burka

Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.

Selbstverordnete Kasteiung

Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.

Zurückhaltung aus gutem Grund

Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.

Der Verwaltungsrat

Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.

Der Mustermitarbeiter

Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.

 

Das Aldianer Stellenprofil

Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.

Hauseigene Führungskräfte

Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.

Zeitmanagement und Prämien

Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.

Die Handbücher

Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.

Wenig zu lachen

Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.

Der Autor

Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern.

 

Bibliografie:

Eberhard Fedtke

Aldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sich

NWB Verlag, Herne 2011

296 Seiten

Ich kann mich gut an mein letztes Mal erinnern: Die Dosen mussten raus. Statt K39 hieß es plötzlich K5: Für fünf Pfennig wurde das „Edelpils“ verschleudert. Wir fuhren mit drei Autos los, klapperten alle Aldi-Filialen in der Umgebung ab. Nach drei Enttäuschungen hatten wir Glück: Diese Filiale hatte noch Restbestände.

Es waren tumultartige Zustände: Am liebsten hätten einige „Fans“ den Hubwagen geklaut und die Europaletten als ganze verladen. So war jeder im Vorteil, der genug Mark-Stücke dabei hatte und sich genug Einkaufswagen leisten konnte, die es dann natürlich auch zu bewachen galt.

Jürgens Weinlese: Die besten Tröpfchen von Aldi und Co.

Jürgens Weinlese

Die besten Tröpfchen von Aldi und Co.

Cordula Eich hat einen unkonventionellen Führer für Weine im Supermarkt herausgebracht. Wer Geld sparen und trotzdem einen guten Tropfen erwischen will, für den ist es genau das richtige. Kennern wird etwas fehlen.

Gefühlte Tonnen an Dosen schafften wir so unter Einsatz unserer körperlichen Unversehrtheit an die frische Luft und zu unseren Autos. Eine Palette für 1,20 Mark. Wir schworen uns, den Kassenbon mit den 17 Paletten, die wir ergattern konnten, nie zu verlieren. Das haben wir nicht geschafft. Aber nicht zuletzt auf so mancher Karlsquell-Party blieb in den folgenden Monaten keine Dose ungeleert und wanderte ohne Reue in den gelben Sack.

Heute gibt es wieder verbreitet Dosenbier. Aber es ist nicht mehr dasselbe. Vor allem, weil die Dosen im Gegensatz zur guten K39-Zeit nun 0,5 Liter groß sind und nicht mehr 0,33 Liter. Und auch Aldi verkauft wieder Karlsquell, wenn auch in PET-Flaschen und unter dem Namen Maternus. Es wird nie wieder dasselbe sein, keine Frage. Auch weil ich inzwischen begriffen habe, dass das Leben zu kurz ist, um mittelmäßiges Bier zu trinken. (Thorsten Giersch)

Kommentare (4)

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alexander

10.04.2013, 11:17 Uhr

Hohe und interne Qualität- Sicherung der Waren,korrekte Preise.
Was will man mehr.
Ein Danke an die Aldi-Brüder

Alexander Reznak

Account gelöscht!

10.04.2013, 12:15 Uhr

Da fragen sie mal die Zulieferer.
Was glauben sie wohl, wie die "korrekten Preise" zustande kommen.
Ein Hohn.

scharfschuetze

10.04.2013, 14:51 Uhr

Mein Mitleid gilt all denen, die mit Fertig-Gerichten, ob von Aldi oder von wem auch immer, aufwachsen mussten (müssen). Weil die Mamis zu dumm oder zu faul waren (sind), selbst zu kochen.

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