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20.01.2012

16:24 Uhr

Unternehmen geht in Planinsolvenz

Schlecker ist pleite

Zuletzt war es ein Kampf ums Überleben: Jetzt schickte eine geplatzte Zwischenfinanzierung das Unternehmen in die Insolvenz. Schlecker musste zuletzt hunderte Filialen schließen. Doch es gibt einen Rettungsplan.

Logo der Drogeriemarktkette Schlecker auf einem Laden-Fenster in Berlin. dpa

Logo der Drogeriemarktkette Schlecker auf einem Laden-Fenster in Berlin.

Ehingen/UlmDer Drogeriekonzern Schlecker geht in die Planinsolvenz. Das bestätigte das Unternehmen am Freitag. Der Insolvenzantrag werde „kurzfristig“ eingereicht. Ziel sei der Erhalt eines großen Teils des tausende Läden umfassenden Filialnetzes und damit auch der etwa 30 000 Jobs in Deutschland. Der Geschäftsbetrieb werde unverändert weiterlaufen. Ein Insolvenzantrag werde spätestens am Montag eingereicht. Ein Sprecher des Amtsgerichts Ulm sagte Handelsblatt Online, noch seien keine Unterlagen eingetroffen.

In der Mitteilung von Schlecker heißt es: "Folgen die Gläubiger dem Plan, bleibt die alte Geschäftsführung im Amt und der bestellte Insolvenzverwalter wird begleitend tätig. Ziel ist der Erhalt eines großen Teils des Filialnetzes und damit auch der Arbeitsplätze."

Aktuell habe eine geplante Zwischenfinanzierung nicht sichergestellt werden können, erklärte Schlecker. Daher könnten die weiteren Maßnahmen der aktuell laufenden Restrukturierung nicht so umgesetzt werden, wie geplant. Um welchen Betrag es geht, wollte ein Sprecher nicht sagen. Nach Medienberichten kam die geplatzte Geldspritze für die Geschäftsführung sehr überraschend.

Stichwort Planinsolvenz

Was ist eine Planinsolvenz?

Die sogenannte Planinsolvenz, die die Drogeriekette Schlecker anstrebt, ist ein Spezialfall des Insolvenzverfahrens. Ziel ist der Insolvenzordnung (InsO) zufolge der Erhalt des Unternehmens.

Was geschieht bei einer Planinsolvenz?

Bei einer Planinsolvenz wird beim zuständigen Amtsgericht neben dem Insolvenzantrag auch ein Vorschlag für ein Insolvenzplanverfahren und einem bereits erstellter Insolvenzplan eingereicht.

Was ist der Unterschied zur "normalen" Insolvenz?

Bei der Planinsolvenz oder strukturierten Insolvenz bleibt - abweichend vom „normalen“ Insolvenzverfahren - die alte Geschäftsführung im Amt, der bestellte Insolvenzverwalter tritt nur beratend auf. Die Planinsolvenz wird in der Regel von einem Sanierer begleitet, der zusammen mit der Unternehmensführung vor der Antragstellung den Insolvenzplan ausarbeitet. Über den zusammen mit dem Insolvenzantrag beim Amtsgericht eingereichten Plan entscheiden dann die Gläubiger.

Wie kann eine Planinsolvenz enden?

Wenn es eine Perspektive für den Fortbestand des Unternehmens gibt, soll es den Verfahrensbeteiligten durch diesen Plan ermöglicht werden, im Insolvenzverfahren ganz oder teilweise von der Insolvenzordnung abzuweichen. Der Plan soll vor allen Dingen ermöglichen, zumindest überlebensfähige Unternehmensteile zu erhalten, statt das Unternehmen zu zerschlagen.

In seinem Insolvenzantrag will Schlecker nun auch direkt den Gläubigern Vorschläge unterbreiten, wie es mit dem Konzern weitergehen kann. Die Mitarbeiter wurden ebenfalls am Freitag informiert. „Wir glauben an die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens“, sagte der Sprecher.

Nach dem Insolvenzantrag übernimmt die Arbeitsagentur die Löhne für bis zu drei Monate. Der Geschäftsbetrieb laufe „unverändert weiter, und auch die Zahlung der Mitarbeitergehälter (...) ist gesichert“, teilte Schlecker mit.

Die Gewerkschaft Verdi fordert vom Eigentümer „volles Engagement“ zur Rettung der mehr als 30 000 Arbeitsplätze. „Anton Schlecker trägt als Eigentümer persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigten“, stellte Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger fest. Besonders in einem solchen Falle gelte, dass Eigentum verpflichte.

Gemeinsam mit den Betriebsräten und den Betroffenen werde die Gewerkschaft nun beraten, „welche konkreten Schritte kurzfristig eingeleitet werden müssen“. Schlecker sei im Dezember mit der Bitte um Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag an Verdi herangetreten, teilte die Gewerkschaft mit.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Berichte über Lieferengpässe und Zahlungsschwierigkeiten hatte Schlecker zuletzt immer wieder dementiert. Die Unternehmenserben Meike und Lars Schlecker hatten auch daran festgehalten, nach jahrelang roten Zahlen dieses Jahr wieder Gewinn machen zu wollen.

Schlecker war in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck geraten. Zuletzt hatte das Unternehmen über 1000 Filialen zugemacht und begonnen, sein altes Filialnetz zu sanieren. Ziel ist es, mit attraktiveren Läden mit den Konkurrenten dm und Rossmann mithalten zu können.

Kommentare (18)

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kpmg

20.01.2012, 14:28 Uhr

Das Schlecker sich nich halten konnte ist kein Wunder...
Ich selbst bin vielleich 10 mal in einem schlecker gewesen.
Finde da Rossmann, DM oder auch Müller besser als Schlecker.

Und ich hoffe das die Verkäuferinen besser Arbeitsbedinungen beim nächsten Unternehmen finden als bei der Fa. Anton Schlecker

Account gelöscht!

20.01.2012, 14:35 Uhr

Seit XXX-Schlecker bin ich da auch nicht mehr hingegangen. Betroffen macht es dennoch. Die Pleiten in Deutschland nehmen dramatische Züge an.

Bedingt durch die sinkenden Einkommen geht die Kaufkraft in Deutschland eben immer mehr den Bach runter, das merken Binnenhändler als erste.

Aber Schlecker hat durch seine eigene Entlohnung mit zur Misere beigetragen.

Mein Mitgefühl gilt den Mitarbeitern!!! Bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage sieht es bescheiden aus.

Account gelöscht!

20.01.2012, 14:50 Uhr

Ich habe mich immer gewundert wie diese Filialen mit oft nur 1 Personal ueberleben konnten. Preislich waren sie nicht sehr guenstig. Aber ich sehe auch in DM etc. keine Alternative. Ich bin aber auch keine Frau und brauche deren Produkte eher wenig.

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