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07.07.2015

06:13 Uhr

Unternehmen in Griechenland

„Hotelketten haben noch Lebensmittel für zehn Tage“

VonMartin Tofern

Nach dem Referendum brauche die griechische Wirtschaft eine schnelle Lösung, fordert der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen. Ende der Woche drohen sonst Entlassungen.

Bank-Run

Haben die Griechen bald eine Tauschwirtschaft?

Bank-Run: Haben die Griechen bald eine Tauschwirtschaft?

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Athanassios Kelemis ist Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen. Der 55-Jährige ist am Wochenende nach Thessaloniki gereist, um in seinem Heimatort beim Referendum seine Stimme abzugeben. Er wirbt um Geduld und Solidarität mit den griechischen Unternehmen.

Herr Kelemis, hat Sie der Ausgang des Referendums überrascht?
Ja, absolut. Die gesamte griechische Wirtschaft ist überrascht, vor allem auch wegen der Höhe des Stimmenanteils für ein Nein. Ich hatte eher eine knappe Mehrheit für ein Ja erwartet. Die Menschen in Griechenland haben ein starkes Signal ins eigene Land geschickt, es ist keine Entscheidung gegen Europa. Aber sie wollen mit dem alten politischen System nichts mehr zu tun haben.
Das hatte sich schon in den Umfragen abgezeichnet, deshalb ist Oppositionsführer Samaras auch zurückgetreten. Ministerpräsident Tsipras hat einen sehr guten Wahlkampf gemacht, vor allem mit der Aussage, nach dem Referendum binnen 48 Stunden für eine Lösung sorgen zu können.

Griechenland vor der Pleite – die entscheidenden Termine

1. August

177 Millionen Euro Rückzahlung an den IWF

7. und 14. August

1,0 und 1,4 Milliarden Euro Rückzahlungen an T-Bills (kurzfristige Staatsanleihen)

20. August

3,2 Milliarden Euro Rückzahlung an EZB

4. September

305 Millionen Euro Rückzahlung an IWF

4. September

1,4 Milliarden Euro Rückzahlung an T-Bills (kurzfristige Staatsanleihen)

14., 16. und 21. September

343 Millionen Euro, 572 Millionen Euro und 343 Millionen Euro Rückzahlung an IWF

Wie geht es jetzt weiter?
Die Wirtschaft braucht eine schnelle Lösung, nehmen Sie zum Beispiel die Tourismus-Industrie. Die großen Hotelketten haben vielleicht noch Lebensmittelvorräte für zehn Tage, dann kommen sie in Schwierigkeiten. Europa und Griechenland müssen jetzt an einem Strang ziehen. Durch die Entlassung von Varoufakis hat Tsipras signalisiert, dass er einen Neuanfang bei den Verhandlungen machen will.
Wenn es keine schnelle Lösung gibt, dann haben wir bald Kurzarbeit und am Ende der Woche vielleicht schon erste Entlassungen. Anders als große Unternehmen haben mittelständische Unternehmen nicht mehr viel Cash, die halten nicht mehr lange durch. Ich habe zwar Verständnis wenn deutsche Partner jetzt sagen: Was ist das für ein Zustand, lasst uns woanders umschauen. Aber gut finde ich das natürlich nicht.

Was raten Sie deutschen Unternehmen, die mit griechischen Partnern Geschäfte machen?
Ruhe bewahren und die Situation beobachten. Ich rechne noch in dieser Woche mit einer Lösung. Die deutschen Unternehmen sollten Vertrauen und Solidarität zeigen. Wir stehen auch jederzeit mit Informationen über die griechischen Partner zur Verfügung.

Die Pressestimmen zum Griechenland-Referendum

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz)

„Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion kann nicht erzwungen werden, ist aber die logische Konsequenz aus dem Volksnein. Die Syriza-Truppe soll ohne den 'reichen Onkel' aus Brüssel ihre Wege suchen müssen, um Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen. Auch die Griechen dürften dabei früher oder später erkennen, dass nichts daran vorbeiführt, wirtschaftlich wettbewerbsfähiger zu werden. Mit einem Grexit wird dies eher zu bewerkstelligen sein. Regionalpolitische und humanitäre Hilfen für das EU-Mitgliedsland mögen dazu beitragen, dass es nicht im Chaos versinkt. Aber Athen muss jetzt seinen eigenen, schwierigen Weg gehen - je konsequenter, desto besser. Europa wird das nicht schaden.“

Die Presse (Österreich)

„Die Frage ist jetzt, wie die Eurozone und die EZB darauf reagieren. Eine Zeit lang werden diverse Hilfen auch ohne offizielles Rettungsschirmprogramm noch weitergehen, das ist klar. Man hat ja auch die Kapitalflucht aus Griechenland abseits der traditionellen Programme mit Hilfskrediten finanziert. Aber irgendwann muss Schluss sein: Entweder die Griechen setzen jetzt im eigenen Land strukturelle Schritte, die vermuten lassen, dass sie mittelfristig wieder auf eigenen Beinen stehen können. Oder die Eurozone muss zusehen, wie sie möglichst rasch und unter Schadensminimierung aus der Sache herauskommt. Die konsequenzenlose Daueralimentation eines von Korruption und Vetternwirtschaft geplagten dysfunktionalen Staatswesens ist jedenfalls keine Option.“

Le Figaro (Frankreich)

„(Ministerpräsident) Alexis Tsipras fordert einen Verbleib seines Landes im Euro. Er hat den Griechen allerdings nicht gesagt, dass ihm die Mittel dazu fehlen. Von einem verpassten Zahlungstermin zum anderen wird sich ein schrecklicher finanzieller Schraubstock um Griechenland schließen. Und wenn kein Wunder passiert, wird der so gefürchtete Grexit ganz von allein seinen Lauf nehmen - nicht weil die Europäer das gewollt haben, denn sie haben alles unternommen, um den Grexit zu verhindern, sondern weil die Wahl des griechischen Volkes eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die wohl nicht aufzuhalten ist.“

Libération (Frankreich)

„Griechenland wird sich in eine einsame Odyssee stürzen, die eines Odysseus würdig ist ... Wollen wir ein Volk zurückweisen, das seine Rebellion mit seinem Leid rechtfertigt? Wollen wir den langen Traum von einem vereinten Europa zerbrechen, der seit Ende des letzten Weltkriegs von mehreren Generationen getragen wurde? Den Traum von einem Europa, das auf humanistischen Werten basiert und alleine in der Lage ist, auf der globalisierten Bühne eine Rolle zu spielen? Es gibt einen anderen Ausweg, als diese Tragödie. Austeritätspolitik oder politische Zersetzung der EU - das ist nun die Wahl.“

Guardian (Großbritannien)

„Europäische Regierungschefs, die sich daran gewöhnt haben, sich durchzusetzen, werden in Zukunft nicht mehr davon ausgehen können. Sie müssen sich in Bescheidenheit üben und ein Ohr für das griechische Volk haben, das zu diesem Sprung ins Ungewisse angetrieben wurde. Unmittelbar müssen die Politiker so ehrlich sein und zugeben, dass die Schulden der Griechen nicht vollständig zurückgezahlt werden. Sie müssen jetzt die Bereitschaft zeigen, eine realistische Vereinbarung auszuhandeln.“

Gazeta Wyborcza (Polen)

„Schulden müssen eingeholt werden, aber nicht so, dass eine Gesellschaft in Verzweiflung getrieben und unberechenbar gemacht wird. Und das mit großem Risiko für die gesamte Union. In dem griechischen Thriller, den wir erleben, können am meisten nicht nur die Griechen verlieren, sondern auch die, deren Weg ein einiges und vereintes Europa ist. Wir erleben gerade seine beispiellose Krise, die entstanden ist als Ergebnis von Egoismus der Entscheider, Mangel an Mut und Vorstellungskraft und fehlerhafter Kalkulation. Seitens der Union und Griechenlands.“

The Times (Großbritannien)

„Athen stehen chaotische Tage bevor. Die Länder, die sich für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone eingesetzt haben, müssen sich jetzt dringend mit dieser großen politischen Herausforderung befassen. Sie müssen entscheiden, ob die Regeln falsch waren, oder ob die griechischen Banken eingebrochen sind, weil man gegen die Regeln verstoßen hat. Die Euro-Idealisten, besonders die in Deutschland, könnten selbst jetzt immer noch darauf bestehen, Griechenland zu retten. Doch die Euro-Verbraucher, in erster Linie die deutschen Wähler, werden wohl nicht mehr damit einverstanden sein.“

De Standaard (Belgien)

„Ministerpräsident Alexis Tsipras hat sein gewagtes Spiel gewonnen. Aber ein Grund zur Freude ist das nicht, denn der Preis dafür ist schrecklich hoch. Wie hoch genau, weiß bislang noch niemand genau. Für die Eurozone und die gesamte Europäische Union ist dies ein dramatischer Schlag. Wenn ein Mitgliedstaat lieber untergeht, als sich einer Politik zu beugen, die er als aussichtslos erachtet, wird dem europäischen Projekt damit das moralische Fundament entzogen. Juristisch gesehen kann nun nichts mehr verhindern, dass die Gläubiger der griechischen Nation den Gerichtsvollzieher schicken und sie damit an den Bettelstab bringen. Das ist ihr Recht, denn so sind die Regeln. Doch wenn dies das Ergebnis dieses Kräftemessens ist, hat niemand etwas davon. Griechenland nicht, die Gläubiger nicht und Europa erst recht nicht.“

De Telegraaf (Niederlande)

„Das Referendum ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal hat die Bevölkerung eines Landes sich gegen die Währung gewandt, die viele europäische Staaten miteinander verbindet. So eine Verbindung kann nur Bestand haben, wenn sich alle an Absprachen für gesunde Staatsfinanzen halten und für eine Volkswirtschaft arbeiten, die in der Lage ist, ausreichend Geld zur Begleichung von Schulden zu generieren. (.) Deshalb ist ein Austritt aus der Eurozone für das Land das beste Szenario. Das ist schmerzlich für Griechenlands Gläubiger. Der Prozess des Austretens muss dennoch so flexibel gestaltet werden, dass Griechenland Teil Europas bleibt und nicht anderen Mächten in die Arme getrieben wird. Ruhe an Europas Ostgrenze ist ein wichtiges Gut.“

El Mundo (Spanien)

„Der Sieg von Tsipras ist eine Ohrfeige für Deutschland und für den harten Euro-Kern. Diese werden den Druck der öffentlichen Meinung, die gegen weitere Hilfen für die Griechen ist, kaum in Einklang bringen können mit den Forderungen der Regierung in Athen, die sich zum Beispiel weigert, das Rentenalter zu erhöhen, obwohl das derzeitige System aus finanzieller Sicht unhaltbar ist.“

Politiken (Dänemark)

„Das griechische Nein ist ein soziales Aufbegehren gegen die Sparpolitik, das sich auf Spanien, Italien und selbst EU-Kernländer wie Frankreich ausbreiten kann. Das wirft die Währungsunion und die EU als Ganzes in unbekanntes Fahrwasser, das in keinen Verträgen oder Abkommen vorhergesehen wurde.“

Rossijskaja Gaseta (Russische Regierungszeitung)

„Das kleine, aber stolze südeuropäische Land hat in dem Referendum sowohl über seine nahe Zukunft als auch über das Schicksal der ganzen Eurozone entschieden. (...) Und doch: Falls die wirtschaftlichen Probleme des Landes nach dem Referendum bleiben, können die Sympathiewerte der Regierung Tsipras schnell fallen.“

Sme (Slowakei)

„Das griechische Volk hat sich am Sonntag für einen unkontrollierten Bankrott entschieden, für das Ende der Euro-Währung im Land und für ein neues Kapitel der Europäischen Union, deren Geschichte ab jetzt in die Zeit vor und nach dem griechischen Referendum eingeteilt werden wird.“

Kapital Daily (Bulgarien)

„Griechenland machte einen weiteren Schritt zum Austritt aus der Eurozone. Nach dem Nein beim Referendum wird ein Abkommen mit den Gläubigern sehr schwierig zustande kommen.“

Haben Sie persönlich eine solche Ausnahmesituation schon einmal erlebt?
Nein. Ich musste mich selbst am Bankautomaten anstellen und habe erlebt, wie ältere Menschen dort zusammengebrochen sind. Das ist eine noch nie dagewesene Erfahrung. Dass Rentner in einer Woche mit 120 Euro auskommen müssen, das ist schon erniedrigend. Auch im Handel ist die Situation schlimm: Euler Hermes greift nicht mehr, Waren gibt es nur noch gegen Vorkasse.

Herr Kelemis, vielen Dank für das Gespräch.

Kommentare (66)

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Herr Fred Meisenkaiser

07.07.2015, 07:29 Uhr

So ein dummer Artikel, zunehmend typisch für die Medien.
Den Bürgern in Griechenland steht das Wasser bis zum Hals, sie sind wirtschaftlich am Ende. Ein anderes Abstimmungsverhalten war kaum zu erwarten, zumal die Griechen auch noch sehr gebildet sind – einem hervorragenden Bildungssystem sei Dank.
Die perfide Politik der Troika bezweckte die Zerstörung der griechischen Kleinunternehmen, um großen, nichtgriechischen Konzernen den Zugriff auf das Land zu ermöglichen. Der Gipfel dieser Perversion war die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuern für kleine Tavernen und Bars, während der Steuersatz für die – meist in ausländischer Hand befindlichen – Hotelketten unverändert bleiben sollte. Von den Hotelketten profitieren nur die Parasiten im Ausland, selbst die Arbeitskräfte für die Hotels holen sie aus Osteuropa. Den Griechen bleibt nur die Arbeitslosigkeit, die seit der Troika extrem stieg.
Gebracht hat die verbrecherische Politik der EU in Zusammenhang mit der ehemaligen korrupten konservativen griechischen Regierung nichts, die Schulden haben sich in dem Zeitraum verdoppelt.
Gleichzeitig wurde durch die angestrebte Zwangsprivatisierung von Eigentum des griechischen Staates die Möglichkeit höherer Einnahmen verbaut. So nutzt dass Verramschen von Häfen zwar den ausländischen Parasiten, verbaut jedoch den griechischen Kommunen die Möglichkeit ihre Einnahmeseite zu verbessern, beispielsweise durch Erhöhung von Liegegebühren für Kreuzfahrtschiffen.
Um den Artikel zu korrigieren: Die ausländischen Hotelketten haben vielleicht noch für 10Tage ihren Import-Billigfraß, danach können sie jederzeit auf die qualitativ weit hochwertigeren Lebensmittel der griechischen Landwirtschaft zurückgreifen. Diese kosten zwar etwas mehr, schmälern zwar den Profit der [...] Investoren [...] sind aber qualitativ in keiner Weise mit dem Dreck zu vergleichen, der auch hierzulande verkauft wird! Lebensmittelskandale wir im giergesteuerten Deutschland fehlen in Griechenland.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Peter Noack

07.07.2015, 07:33 Uhr

Was soll das denn heißen, dass die großen Hotelketten nur noch für zehn Tage Lebensmittel hätten? Kann man in Griechenland mit Euros nichts mehr kaufen? Ist der Euro dann als Kaufmittel und Zahlungsmittel unbrauchbar und wertlos? Dann muss ich wohl auf meinen Urlaub mit Halbpension Mitte Juli auf Korfu verzichten? Kann das HB mal recherchiern . ob das wirtlich so gemeint war, wie es im HB geschrieben steht?

Herr Thomas Melber

07.07.2015, 07:34 Uhr

Herr Meisenkaiser, Sie wissen aber schon, daß GR auf Lebensmittelimporte angewiesen ist?

Davon ab: GR war /& ist nicht verpflichtet, den Vorgaben von "Troika" und / oder IWF zu folgen sondern muß "einfach" Ausgaben und Einnahmen in ein gesundes Verhältnis bringen. Hierzu wurden Vorschläge gemacht; wenn man denen nicht folgen möchte muß man tragfähige Alternativen aufzeigen.

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