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29.04.2013

15:14 Uhr

Urabstimmung

Streik in Amazon-Zentrallager beschlossen

Tausende Pakete werden täglich im bundesweit größten Amazon-Verteilzentrum in Bad Hersfeld gepackt. Auf den schnellen Weg zum Kunden legt der Versandhändler großen Wert. Aber jetzt wollen die Pakete-Packer streiken.

Warnstreiks hat es in Bad Hersfeld schon gegeben. dpa

Warnstreiks hat es in Bad Hersfeld schon gegeben.

Bad HersfeldNach Ärger mit den Wettbewerbsprüfern und einer hitzigen Debatte um Leiharbeiter stehen die Zeichen beim Versandhändler Amazon nun auf Streik. Neben den Amazon-Mitarbeitern in Leipzig haben sich auch die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten im größten deutschen Verteilzentrum im hessischen Bad Hersfeld mit deutlicher Mehrheit für einen Arbeitskampf ausgesprochen. Hintergrund ist ihre Forderung nach einem Tarifvertrag gemäß den Konditionen der Einzel- und Versandhandelsbranche, was das Unternehmen bisher ablehnt.

Rund 97,6 Prozent der Mitglieder seien zum Streik bereit, teilte die Gewerkschaft Verdi nach der Urabstimmung mit. Bereits in der ersten Mai-Hälfte soll die Arbeit in Osthessen niedergelegt werden, hieß es. Einen genauen Termin nannte die Gewerkschaft nicht, Verdi-Verhandlungsführer Bernhard Schiederig hält die zweite Mai-Woche aber für wahrscheinlich.

Größte Einzelhändler weltweit (Umsatz 2012)

Platz 10

Best Buy (USA)

Die US-Amerikaner aus Richfield, Minnesota, sind einer der führenden Anbieter für Unterhaltungselektronik. Der Umsatz im Jahr 2012 betrug 50,7 Milliarden Dollar.

Platz 9

Walgreens (USA)

Mit rund 7.000 Filialen in den USA und Puerto Rico, von denen ein Drittel 24 Stunden am Tag geöffnet sind, schafft es Walgreens unter die zehn größten Einzelhändler. Am Hauptsitz in Deerfield, Illinois, konnte man sich 2012 über einen Umsatz von 71,6 Milliarden Dollar freuen.

Platz 8

Home Depot (USA)

Die Amerikaner bezeichnen sich selbst als größte Baumarktkette der Welt. Was den Umsatz angeht, haben sie recht. Mit rund 74,8 Milliarden Dollar kann keine andere Baumarktkette mitthalten.

Platz 7

Tesco (Großbritannien)

Die blau-weiße Handelskette aus Cheshunt gehört schon seit Jahren zu den größten Supermarktkonzernen. Weltweit beschäftigen die Briten 520.000 Mitarbeiter und machten 2012 einen Umsatz in Höhe von 83,5 Milliarden Dollar. Das US-Geschäft mit 5.000 Beschäftigen will Tesco abstoßen.

Platz 6

Metro (Deutschland)

Der deutsche Handelsriese aus Düsseldorf ist der drittgrößte Einzelhändler Europas. International erreicht der Dax-Konzern mit einem Umsatz von 87,8 Milliarden Dollar im Jahr 2012 ebenfalls einen Spitzenplatz, auch wenn das Unternehmen mit Schwierigkeiten kämpft.

Platz 5

Kroger

Was als kleiner Lebensmittelladen in Cincinnati begann, ist mittlerweile einer der größten Supermarktketten der Welt. Im Jahr 2012 setzte der Lebensmittelhändler 96,8 Milliarden Dollar um.

Platz 4

Costco Wholesale (USA)

Die 500 Cash&Carry-Märkte der US-Großhandelskette sind in den USA weit verbreitet. Der Hauptsitz liegt in der Kleinstadt Issaquah bei Seattle im Bundesstaat Washington. Mit 99,1 Milliarden Dollar fiel der Umsatz auch 2012 gigantisch aus.

Platz 3

Carrefour (Frankreich)

Kein europäischer Einzelhändler ist größer als Carrefour. Mit fast 500.000 Mitarbeitern weltweit machten die Franzosen im Jahr 2011 einen Umsatz von 104 Milliarden Dollar.

Platz 2

CVS Caremark (USA)

In der Kleinstadt Woonsocket im US-Bundesstaat Rhode Island ist die drittgrößte Handelskette der Welt beheimatet. Der Drogerie- und Pharmahändler setzten im Jahr 2012 rund 123 Milliarden Dollar um.

Platz 1

Walmart (USA)

Unangefochten an der Spitze bleibt der Handelsgigant aus Bentonville, Arkansas. Gigantische 443,85 Milliarden Dollar setzte der Konzern 2012 um - bei einem Gewinn von 15,7 Milliarden Dollar. Weltweit beschäftigt der Konzern mehr als zwei Millionen Mitarbeiter.

Quelle: Eigene Recherche.

Amazon weigere sich, im Tarifstreit am Verhandlungstisch Platz zu nehmen, sagte Schiederig am Montagmorgen. „Wenn die Geschäftsführung auch diese Zeichen nicht verstehen will, sind Streiks in absehbarer Zeit nicht mehr zu vermeiden.“

Amazon-Sprecherin Christine Höger wies die Kritik der Gewerkschaft am Montag zurück und sagte, das Unternehmen sei zu weiteren informellen Gesprächen mit Verdi bereit. Allerdings gebe es „derzeit zu wenige Gemeinsamkeiten, um Verhandlungen aufzunehmen“.

Die Beschäftigten würden bei Amazon vergleichsweise gut bezahlt: „Mitarbeiter der deutschen Logistikzentren liegen mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikindustrie üblich ist“, sagte Höger. „Über 10 Euro nach einem Jahr, 9,30 Euro davor, plus Boni.“

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Teuer expandieren, auf hohe Gewinnspanne verzichten – aber am Ende viele neue Kunden gewinnen: Das ist die Formel von Amazon-Chef Jeff Bezos. Wie die Zahlen aus dem ersten Quartal zeigen, zahlt sich das offenbar aus.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat den Beschäftigte in Bad Hersfeld den Rücken gestärkt. „Ich bin ein Befürworter, dass es zu Tarifverträgen kommt, in denen das Spielfeld gemeinsam geregelt wird“, sagte Steinbrück am Montag zum Auftakt einer zweitägigen Wahlkampftour durch Hessen. Er habe den Eindruck, dass die Tarifpartnerschaft oder die Tarifautonomie im Fall Amazon angemahnt werden dürfe.

Verdi verlangt von dem Unternehmen, den Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel anzuerkennen. Für die einzelnen Beschäftigten würde das laut Gewerkschaft bis zu 9000 Euro brutto im Jahr ausmachen. An den beiden Amazon-Standorten in Bad Hersfeld arbeiten rund 3300 Menschen, es handelt sich laut Amazon um ein reines Versandzentrum. „Unsere Mitarbeiter dort leisten logistische Tätigkeiten - Kommissionierung, Verpackung und Versendung von Waren“, sagte Höger. Deshalb laufe die Verdi-Argumentation ins Leere.

Anfang April hatten schon Amazon-Mitarbeiter in Leipzig für einen Streik gestimmt, aber noch keinen Termin für einen Ausstand festgelegt. An den Standorten in Graben und Rheinberg gibt es laut Verdi ebenfalls Bestrebungen für entsprechende Abstimmungen. „Wir arbeiten natürlich an einer Vernetzungsstrategie“, sagte Heiner Reimann von Verdi. Zunächst müssten sich aber die dortigen neuen Betriebsräte einarbeiten.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Reimann rechnet allerdings nicht damit, dass Amazon-Kunden allein wegen des Streiks wesentlich länger auf ihre Bestellungen warten müssen: „Solange nicht alle Standorte mitziehen, wird es Amazon gelingen, allein durch Volumenverlagerung größere Auswirkungen zu umgehen“, sagte er.

Das in der deutschen Öffentlichkeit eher zurückhaltende Unternehmen stand zuletzt mehrfach im Fokus: Zu Jahresbeginn war Amazon in Deutschland wegen der Behandlung von Leiharbeitern in die Kritik geraten. Auslöser der Debatte war eine ARD-Dokumentation. Zudem hatte das Bundeskartellamt angekündigt, die Rechtmäßigkeit von Preisauflagen für Händler zu prüfen, die Waren über Amazon anbieten.

Von

dpa

Kommentare (5)

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sdfsdf

29.04.2013, 07:46 Uhr

Soweit ich weiss muss nur jeder Deutsche Amazon Lagerarbeiter 2000€/anno mehr bekommen und der Gewinn von Amazon ist a.A..

Bin mal gespannt wohin das führt. Jetzt wo die Umsätze im Onlinehandel ohnehin sich etwas verlagern ist das kein guter Zeitpunkt. Und obwohl amazon gut zahlt (was man so hört) für Lagerarbeiter ist dieser Weg der nun eingeschlagen wird hoch interessant. Ich frage mich welche Kraft hier interveniert?

Account gelöscht!

29.04.2013, 09:10 Uhr

Soweit ich weiß muss Mr. Amazon nicht am Hungertuch nagen ...

Account gelöscht!

29.04.2013, 09:13 Uhr

PS
Die machen immerhin so viel Gewinn,
dass sie sich genötigt sieht die Kohle auf die Konten irgendwelcher Auslandstöchter zu verschieben um möglichst minimale Steuern zu sparen !

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