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16.02.2016

14:39 Uhr

Verhütung

Absatz der „Pille danach“ seit Sommer stabil

Um die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ gab es heftige Diskussionen. Die Nebenwirkungen könnten erheblich sein, kritisierten die Gegner der Freigabe damals. Ein Jahr nach der Freigabe geben die Apotheker Entwarnung.

Mit der Rezeptfreiheit der „Pille danach“ ist die Nachfrage zwar deutlich gestiegen, hat sich aber rasch auf diesem Niveau eingependelt. dpa

Die „Pille danach“

Mit der Rezeptfreiheit der „Pille danach“ ist die Nachfrage zwar deutlich gestiegen, hat sich aber rasch auf diesem Niveau eingependelt.

BerlinMit der Rezeptfreiheit der „Pille danach“ ist die Nachfrage zwar deutlich gestiegen, hat sich aber rasch auf diesem Niveau eingependelt. Seit Sommer letzten Jahres liegt der Absatz ziemlich konstant bei etwa 60.000 Packungen (Einheiten) im Monat. Zu diesem Ergebnis kommt eine Statistik der ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände), die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Seit März 2015 können Frauen Präparate für die Verhütung nach Geschlechtsverkehr direkt in der Apotheke bekommen. Der Arzt muss sie nicht mehr extra verschreiben. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der sich lange gegen die Rezeptfreiheit gesperrt hatte und schließlich von EU-Vorgaben zu dem Schritt veranlasst wurde, setzt nun auf Beratung der häufig jungen Frauen und Mädchen durch die Apotheker.

Streit um Anti-Baby-Pille

Um was geht es in dem Prozess?

Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer aus Willstätt in Baden-Württemberg will nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von Bayer. Sie macht die Pille mit ihrem Wirkstoff Drospirenon für gesundheitliche Probleme verantwortlich. So erhöhe sie das Risiko von Thrombose (Blutgerinnsel).

Wie ist die Frau betroffen?

Nach der Einnahme der Pille hat sie im Juni 2009 nach eigenen Angaben durch Thrombose eine lebensbedrohliche Lungenembolie erlitten und sei daran fast gestorben. Nur durch eine Notoperation sei sie gerettet worden. Seither kämpft sie gegen Bayer und die unter Verdacht der Gesundheitsgefährdung stehende Pille.

Aus welchem Grund?

Bis heute leide sie unter gesundheitlichen Folgeschäden. Die Pille, sagt Rohrer, habe ihr Leben zerstört. Sie ist demnach körperlich dauerhaft eingeschränkt und kann keine Kinder bekommen.

Was möchte sie erreichen?

Sie will, dass Bayer die umstrittene Pille vom Markt nimmt. Der Konzern, so ihre Begründung, mache nicht auf die gefährlichen Nebenwirkungen aufmerksam und gefährde damit Menschenleben. Mit der Pille mache Bayer international ein Milliardengeschäft.

Was sagt Bayer dazu?

Der Pharmakonzern hält die Ansprüche nach Angaben eines Sprechers für unbegründet und setzt sich gegen die Klage zur Wehr. Durch wissenschaftliche Daten sei bestätigt, dass von der Anti-Baby-Pille und dem Wirkstoff bei korrekter Einnahme und ordnungsgemäßer, ärztlicher Verschreibung keine Gefahr ausgehe.

Ist die Klägerin ein Einzelfall?

Es haben sich weltweit Frauen zu Wort gemeldet, die das Verhütungspräparat eingenommen haben und gesundheitliche Probleme darauf zurückführen. Der Anwalt der Klägerin in Waldshut-Tiengen, Martin Jensch, vertritt nach eigenen Angaben weitere Frauen mit dieser Problematik. Einige von ihnen haben Klage eingereicht oder wollen dies tun.

Gab es bereits juristische Auseinandersetzungen?

In der Schweiz kam es 2009 zu einem spektakulären Fall. Wenige Wochen, nachdem eine damals 16-Jährige mit der Einnahme der von Bayer stammenden Anti-Baby-Pille „Yaz“ begonnen hatte, erlitt sie eine Lungenembolie und ist seither schwerbehindert. „Yaz“ hat ähnliche Wirkstoffe wie „Yasminelle“. Die Familie der Betroffenen klagte auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Doch das Schweizer Bundesgericht wies diese Forderungen im Januar 2015 zurück. Andere Schweizer Gerichte der Vorinstanz hatten mit gleichem Ergebnis geurteilt.

Was sagen die deutschen Behörden?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hat im März 2014 verkündet, dass von einigen Anti-Baby-Pillen ein erhöhtes Thrombose-Risiko ausgehe und die Hersteller darauf aufmerksam machen müssten. Vor allem der Wirkstoff Drospirenon sei für das Risiko verantwortlich. Dies trifft nicht nur Bayer, sondern auch andere Hersteller. Gleichzeitig ordnete es neue Studien an. Vom Markt genommen werden müssen Pillen nach Einschätzung des Bundesinstitutes deshalb nicht.

Gibt es weitere Erkenntnisse?

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Anfang Dezember 2015 veröffentlichten „Pillenreport“ darauf hingewiesen, dass Präparate der so genannten dritten und vierten Generation, also vergleichsweise neue Arzneimittel, häufig ein wesentlich größeres Thrombose-Risiko haben als Pillen der zweiten Generation. Dennoch werden die riskanteren Pillen häufiger verschrieben. Die Kasse rät, Pillen der früheren Generationen zu verwenden. Diese schützen genauso gut vor ungewollter Schwangerschaft, haben laut TK aber ein geringeres Thrombose-Risiko.

Was raten Experten?

Frauen, die mit Anti-Baby-Pille verhüten wollen, sollten das Gespräch mit dem Arzt suchen und diesen gezielt nach möglichen Risiken fragen. Zudem die Packungsbeilage lesen. Raucher, Übergewichtige sowie Frauen, die eine eigene oder familiäre Vorbelastung mit Thrombose haben, sollten den Arzt, der ihnen die Pile verschreibt, auf jeden Fall darauf hinweisen, rät die Bundesärztekammer. Im Zweifel verschreibe der Mediziner dann ein anderes, sichereres Präparat.
Quelle: dpa

Einen Absatz-Höchststand erreichten die Notfall-Verhütungsmittel im vergangenen August mit mehr als 62.000 Packungen. Im September ging er dagegen wieder deutlich zurück auf gut 55.800, um bis Ende des Jahres wieder auf etwas mehr als 61.000 zu steigen. Im Februar 2015, dem Monat vor der Rezeptfreiheit, hatte der Absatz noch bei etwas mehr als 38.000 Einheiten gelegen.

Erhältlich sind die Präparate Ellaone, PiDaNa, Unofem Hexal, Pastinor und Levonoraristo. Ellaone war als erstes Präparat im März am Start und konnte seine Umsätze entsprechend steigern. Da es aber das mit Abstand teuerste Präparat ist, konnten die Anderen am rezeptfreien Markt zulegen.

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