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14.10.2012

22:17 Uhr

Verkorkste Verkehrspolitik

Deutschland im Flughafen-Wahn

VonSebastian Kirsch, Jens Koenen

Die Bundesrepublik hat zu viele Flughäfen. Das liegt vor allem an der verkorksten Verkehrspolitik: Denn über neue Airports entscheiden Landespolitiker. Und die haben meist nur ihre Region im Blick. Ein Ortsbesuch.

Der Flughafen Hahn im Hunsrück: „Landratspisten“ werden sie von Spöttern genannt. dpa

Der Flughafen Hahn im Hunsrück: „Landratspisten“ werden sie von Spöttern genannt.

Frankfurt„Wenn ich gewusst hätte, dass an unserem Info-Point so viel los ist, hätte ich da 'ne Pommesbude hingesetzt“, sagt Tobias Busch. Er ist Leiter des Verkehrsdienstes am Flughafen Kassel-Calden, also für das Management des Luftverkehrs zuständig. Der neue Flughafen soll ein Kristallisationspunkt für die nordhessische Metropole werden. Und ist es schon, bevor er überhaupt fertig ist. Familien, Interessierte schauen regelmäßig vorbei.

Doch der Airport ist auch ein Streitpunkt - wie so viele deutsche Regionalflughäfen. „Landratspisten“ werden sie von Spöttern genannt. Weil sich Regionalpolitiker so häufig und gerne mit eigenen Flughäfen schmücken, finanziert mit Steuergeldern. Viele dieser Flughäfen verdienen noch nicht einmal die Kosten ihres operativen Betriebs, geschweige denn die Finanzierungskosten. Von den 17 größten deutschen Flughäfen haben nach Recherchen des Handelsblatts nur sieben zuletzt einen Gewinn erwirtschaftet. Der Rest schreibt rote Zahlen.

Deutschland hat zu viele Flughäfen. Die USA ist 27-mal größer als Deutschland. Das riesige Land hat aber nur gut viermal mehr Flughäfen. 162 Verkehrsflughäfen werden dort gelistet, hierzulande sind es 39. Das ist auch eine Folge einer verkorksten Verkehrspolitik. Über neue Flughäfen entscheiden Landespolitiker. Die haben aber vor allem die Interessen ihrer Region im Auge, stellen sich nicht die Frage, wie viele Flughäfen wirklich nötig sind.

Und so wird munter weitergebaut, etwa in Kassel-Calden. Seit wenigen Wochen ist hier Maria Muller Geschäftsführerin des Flughafens. Sie freut sich schon auf ihr neues Büro am künftigen Flughafen. Doch auch in dem alten hat sie es sich gemütlich gemacht. Bilder von befreundeten Piloten hängen an der Wand. Der Blick durch die offene Balkontür ist weit, reicht bis zu den grünen Hügeln vor Kassel.

„Die Region Kassel boomt, auch wenn der Nordhesse das in seiner Zurückhaltung nicht so direkt vermarktet. Mit mehr ankommenden Flügen müssen wir den Geschäftsstandort stärken“, kontert sie selbstbewusst Zweifel am neuen Airport. Muller kennt sich aus im Geschäft, hat schon in Rostock-Laage den Flughafen durch eine Krise geführt und Frankfurt-Hahn mit aufgebaut.

Doch sie weiß: Das Argument der wirtschaftlichen Förderung hat es immer schwerer. Die Kommunen sind klamm. Auch die Luftfahrtbranche steckt in der Krise. Die Kerosinpreise klettern und damit auch die Kosten für die Fluggesellschaften. Zusatzbelastungen etwa aus dem Emissionsrechtehandel oder der deutschen Ticketsteuer drücken auf die sowieso schon schwachen Margen der Airlines. Anbieter wie Lufthansa, Air Berlin und Ryanair kappen deshalb ihre Flugpläne zusammen, zulasten vor allem der kleineren Flughäfen.

Da nützen alle Prognosen über weiter steigende Passagierzahlen wenig. Das hat dramatische Folgen. Am Hunsrückflughafen Hahn haben rückläufige Fracht- und Passagierzahlen so tiefrote Zahlen verursacht, dass der hessische CDU-Abgeordnete und Hahn-Aufsichtsrat Jochen Riebel jüngst zum Ärger der Geschäftsführung vor einer drohenden Pleite des Airports warnte. Erst Ende vergangener Woche wurde der Streit beigelegt, die Liquidität des Flughafens „politisch“ gesichert.

Kommentare (9)

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DEUFRA2011

15.10.2012, 09:51 Uhr

Die Rechnung der Flughäfen stimmt nicht.
Am Beispiel Frankfurt kann man sehen was falsch läuft. Die Städte und Gemeinden der Region müssen jetzt auf eigene Kosten riesige Summen in den Schallschutz von Kitas, Schulen, Altenheimen, Krankenhäusern usw. stecken. Private Haus- und Wohnungseigentümer im Süden Frankfurts werden regelrecht teilenteignet. Die Krankenkassen werden mit den Folgen der gefährlichen Lärm- und Schadstoffbelastung belaste. Diese volkswirtschaftlichen Verluste werden nicht eingerechnet, sonst wäre auch der Flughafen von Frankfurt hoch defizitär. Das Schienennetz sollte ausgebaut werden, dann brauchen wir diese ganzen Flughäfen nicht.

silber

15.10.2012, 10:09 Uhr

Die USA haben weniger als 4mal so viele Einwohner wie D - da passt doch die Rechnung wieder. Der Rest ist nicht sachliche Information sondern polemische Meinungsmache - wie immer öfter in deutschen Tageszeitungen. Die Abstimmung allerdings ist tatsächlich verbesserungswürdig - und vielleicht wäre ein Miteinander der Länder und damit ein Flughafen auf der Landesgrenze besser als zwei nebeneinander, die sich Konkurrenz machen. Dennoch gebe ich Frau Muller recht: der Erfolg eines Flughafens ist nicht nur messbar am Ergebnis des Flughafens selbst, sondern im gesamten Einfluss des Flughafens auf den volkswirtschaftlichen Erfolg der Region. Und dafür ist die Region da - oder messen wir auch den wirtschaftlichen Erfolg des Strassenbaus?

micha3233

15.10.2012, 11:12 Uhr

Leider ist der Beitrag nur halbherzig und schlecht recherchiert. Vor allem der Vergleich mit den USA hingt völlig. In den USA mag es auf die Fläche umgerechnet im Vergleich zu Deutschland weniger Verkehrsflughäfen geben, aber man sollte bedenken, dass es mehr als 800 Flugplätze (nicht Flughäfen - und da gibt es Unterschiede) gibt bei denen ein Instrumentenanflug möglich ist. Das ist in Deutschland und Europa nicht so und somit sind Verkehrsflughäfen in der Regel notwendig, um für den Geschäftsflugverkehr erreichbar zu sein. Ein Geschäftsmann kann nicht auf schönes Wetter warten. Würden mehr kleinere Flugplätze in Deutschland Instrumentenanflug bekommen, dann wären nicht immer große Verkehrsflughäfen notwendig.
Weiterhin ist ein Flughafen und ein Flugplatz eine Infrastruktur bei der man nicht immer auf den Gewinn schielen sollte. Welche Straße wird denn nach diesem Maßstab betrachtet? Schade, dass das Handelblatt auch nur auf Sensationen aus ist und das Thema verfehlt hat.

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