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03.06.2013

15:37 Uhr

Versandhändler bleibt hart

Verdi setzt Proteste bei Amazon fort

„Wir ziehen durch“: Verdi macht weiter Ernst, der Streik bei Amazon geht in die nächste Runde. An gleich zwei Standorten legten Beschäftigte am Montag die Arbeit nieder. Doch Amazon bleibt auch weiterhin hart.

Streikende Beschäftigte des Internet-Versandhändlers Amazon blockieren die LKW-Zufahrt des Logistik-Centers in Bad Hersfeld (Hessen). Im Streit um einen Tarifvertrag sind erneut mehrere hundert Mitarbeiter des US-Unternehmens in den Streik getreten. dpa

Streikende Beschäftigte des Internet-Versandhändlers Amazon blockieren die LKW-Zufahrt des Logistik-Centers in Bad Hersfeld (Hessen). Im Streit um einen Tarifvertrag sind erneut mehrere hundert Mitarbeiter des US-Unternehmens in den Streik getreten.

DüsseldorfIm Streit um höhere Löhne beim weltgrößten Internet-Versandhändler Amazon hat die Gewerkschaft Verdi mit neuen Streiks den Druck erhöht. An den Standorten in Bad Hersfeld und Leipzig legten Verdi zufolge Hunderte von Beschäftigten ihre Arbeit am Montag erneut nieder. „Die Geschäftsführung muss sich bewegen“, forderte Verdi-Fachbereichsleiter Jörg Lauenroth-Mago in Leipzig. Andernfalls werde Verdi die Proteste fortsetzen: „Die Entschlossenheit in der Belegschaft ist groß, wir ziehen das durch.“ Auch im Logistikzentrum im nordhessischen Bad Hersfeld sind Gewerkschaftssekretär Heiner Reimann zufolge „definitiv weitere Aktionen geplant“. Die Proteste wirkten sich aus, viele Sendungen blieben liegen, unterstrich er. Amazon erklärte dagegen, die Mehrheit der Mitarbeiter habe sich nicht an den Aktionen beteiligt und „regulär gearbeitet“. Es gebe „keinerlei Auswirkungen auf den Versand an Kunden“.

In Bad Hersfeld beschäftigt Amazon rund 3300 Mitarbeiter, in Leipzig rund 1200 Festangestellte. Insgesamt hat der US-Konzern in seinen deutschen Logistikzentren mehr als 9000 Mitarbeiter.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Verdi fordert von Amazon tarifliche Regelungen, wie sie im Einzel- und Versandhandel üblich sind. „Amazon ist klassischer Versandhandel wie Neckermann und Otto auch und muss deshalb natürlich auch nach Versandhandelstarif bezahlen“, argumentiert die Gewerkschaft. Dann hätten die Beschäftigten in Deutschland unter anderem Anspruch auf einen Stundenlohn von über zwölf Euro sowie auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Mit den Streiks vom Montag traten die Mitarbeiter in Leipzig und Bad Hersfeld bereits zum dritten Mal in den Ausstand.

Die Fronten sind allerdings verhärtet - denn Amazon nimmt die Logistikbranche als Maßstab, in der niedrigere Löhne als im Handel gezahlt werden. In früheren Stellungnahmen hat Amazon darauf verwiesen, dass die Mitarbeiter mit ihren Einkommen am oberen Ende dessen lägen, was in der Logistikbranche üblich sei. „Daher sehen wir für Mitarbeiter keinen Vorteil in einem Tarifabschluss“, bekräftigte der Konzern.

Von

rtr

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