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12.07.2012

14:39 Uhr

Versandunternehmen

Verdi bremst Neckermann-Sanierung aus

VonKirsten Ludowig

Neckermann rutscht immer tiefer in die Krise. Investor Sun Capital versucht mit radikalen Einschnitten, das Unternehmen zu retten. So sollen mehr als die Hälfte aller Jobs wegfallen. Doch dagegen wehrt sich Verdi.

Neckermann ein florierender Versandhandel? Das war einmal.

Neckermann ein florierender Versandhandel? Das war einmal.

Düsseldorf„Kenne die Zahlen“, lautet ein Arbeitsgrundsatz von Sun Capital. Und: „Liquidität, Liquidität, Liquidität.“ Das ist es, was der US-Finanzinvestor von Management und Belegschaft seiner Zukäufe erwartet. Doch um die Liquidität von Neckermann ist es nicht gut bestellt. Dem Versandhändler geht es schlechter denn je.

Das Unternehmen, das seit 2006 den Zusatz „.de“ im Namen führt, droht an dem Wandel vom klassischen Katalogversender zum Onlinehändler zu scheitern. Dabei war Neckermann mit seinen telefonbuchdicken Katalogen einst ein deutsches Vorzeigeunternehmen.

Doch die Kunden kaufen nicht erst seit gestern lieber im Internet, bevorzugt bei Amazon oder Otto. Neckermann hat es zu lange versäumt, das Geschäft konsequent auf das Netz zu trimmen. Wie gefährlich das sein kann, hat die Quelle-Insolvenz gezeigt.

Die Geschichte von Neckermann

Gründung

Neckermann.de gehört zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1950 in Frankfurt am Main als Neckermann Versand KG gegründet. 1995 startete es mit einem eigenen Online-Shop. Inzwischen erwirtschaftet Neckermann.de nach eigenen Angaben fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet. Im Jahr 2010 hatte das Unternehmen mit international 4000 Mitarbeitern - davon 2500 in Deutschland - einen Umsatz von 871 Millionen Euro.

Drittes Reich

Der Kaufmann Josef Neckermann hatte bereits in der Nazi-Zeit mit Hilfe des NS-Regimes mehrere Textilgeschäfte jüdischer Kaufleute übernommen. Wegen seiner Regimenähe durfte er in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst nicht wirtschaftlich aktiv sein.

„Neckermann macht's möglich“

Die nach der Gründung 1950 immer dicker werdenden Kataloge mit preisgünstigen Textilien, Radios und großen Elektrogeräten waren bald wie die der Konkurrenten Otto oder Quelle in fast jedem Haushalt zu finden. Der 1961 eingeführte Werbeslogan „Neckermann macht's möglich“ wurde zum geflügelten Wort.

Reisegeschäft

Neckermann stieg zudem ins Reisegeschäft ein, verkaufte Fertighäuser und Versicherungen und betrieb auch eine Kaufhauskette. In den 1970er Jahren geriet das Stammhaus in die Krise und wurde 1977 mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen, die später mit dem Versandhändler Quelle fusionierte. Die Umbenennung in neckermann.de 2006 stand für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.

Thomas Cook

Das Unternehmen wurde dann 2007 mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgte. Nach der Pleite des Karstadt-Quelle-Nachfolgers Arcandor übernahm Sun 2010 auch die übrigen Anteile. Wegen schwacher Geschäfte ist nun ein radikaler Personalabbau vorgesehen, der aber wegen eines Streits mit den Arbeitnehmervertretern auf Eis liegt. Neckermann-Reisen hat mit dem Versandhandel nichts mehr zu tun und gehört zum Tourismuskonzern Thomas Cook.

Das gleiche Schicksal droht nun auch Neckermann. Hintergrund sind nicht nur die Marktentwicklungen und hausgemachte Probleme, sondern vor allem ein erbitterter Streit zwischen dem Eigentümer Sun Capital und der Gewerkschaft Verdi.

Der Finanzinvestor will Neckermann sanieren und dafür 1380 von 2400 Arbeitsplätzen in Deutschland abbauen - allerdings ohne Abfindungen zu zahlen. Dagegen wehrt sich Verdi. „Die Menschen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten für Neckermann arbeiten, sehen es nicht ein, dass sie einfach so gehen sollen“, sagte Wolfgang Thurner, Verdi-Gewerkschafter und Mitglied im Aufsichtsrat von Neckermann.

Die Situation ist ernst. Die betriebliche Einigungsstelle, eine Art paritätisch besetztes Schiedsgericht, sollte es richten. Doch die Gespräche in dieser Woche sind gescheitert, teilte Neckermann gestern Abend mit. „Wenn sich beide Seiten nicht einigen, rückt die Gefahr einer Insolvenz immer näher“, heißt es in Kreisen der Verhandlungsführer.

Wie groß dieses Risiko tatsächlich ist, lässt sich schwer abschätzen. Im vergangenen Jahr, so ist im Umfeld von Neckermann zu hören, beliefen sich die Verluste auf 30 Millionen Euro. Sun Capital hat laut eigenen Angaben bislang mehr als 200 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt - und würde weitere 25 Millionen Euro investieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Kommentare (6)

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oeflingen

12.07.2012, 15:33 Uhr

Macht Verdi den gleichen Fehler wie bei Schlecker? Am Ende steht die Insolvenz!

Account gelöscht!

12.07.2012, 16:38 Uhr

Manche Dinos sterben eben schneller aus als andere - das wissen auch die Gewerkschaftsbosse. Aber ihrer Daseinsberechtigung willen sperren sie sich gegen die Veränderungen, die die Zeit und vor allem die Verbraucher verlangen. Die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer, denen man mit solchen Aktionen unnötige Luftschlösser baut.
Ist ja auch klar, die Gewerkschaftsbosse sind ja nicht diejenigen, die am Ende ohne Job da stehen...

holyowly

12.07.2012, 16:51 Uhr

Völlig egal was Verdi macht. Am Ende steht immer die Insolvenz, weil nicht wirtschaftlich arbeitende Firmen eben pleite gehen. Gepaart mit einer ruinösen Rechtssprechung bzgl. Widerruf und Verbraucher'schutz' sind eigentlich alle Versandhändler dem Untergang geweiht.
Sorry, aber wer Kunden hat, die 70% ihrer bestellten Ware (Quote im Versandhandel) wieder zurücksenden, hat keine Chance langfristig zu bestehen weil die Verarbeitungskosten der Rücksendungen die Gewinne bei den Verkäufen schmälern.

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