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28.11.2012

21:14 Uhr

Versteigerung

Schleckers letzte Schnäppchen

VonFabian Gartmann

Die Reste von Anton Schleckers Drogeriereich landeten am Mittwoch unter dem Hammer. Viel ist von seinem Imperium nicht geblieben. Ein Besuch bei Schleckers letztem großen Ausverkauf.

EhingenKeine zwei Kilometer von Anton Schleckers ehemaligem Büro wurden gestern die letzten Überreste seines Drogerie-Imperiums verhökert. Im schwäbischen Herbstniesel stehen die riesigen Hallen des Zentrallagers dort auf der grünen Wiese in Ehingen-Berg. Ruinen eines Drogerie-Reiches, das sich bis Januar diesen Jahres über ganz Europa zog, mit 11.000 Filialen, die alle von hier aus beliefert wurden.

Die Hanseatische Industrie-Consult wurde von Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz beauftragt, alle Gegenstände, die noch verkäuflich waren, zu versteigern. Und so saß Holger Haun auf einem Podium gestapelt aus Europaletten und haute nach jedem der 1.429 Gegenstände aus dem Versteigerungskatalog mit einem winzigen Holzhammer auf den Tisch.

Zum ersten, zweiten und dritten. Gegenstand Nummer eins: „Akku-Aufbruchhammer von Würth, Startgebot 10 Euro. Wer bietet mehr? Nur nicht so scheu“, ruft Haun.

Es ist keine glorreiche Atmosphäre, kein Glanz kein Glamour. Eine kahle Versandhalle, gestapelte Europaletten, die Tore für die Lastwagen, durchnummeriert von eins bis 30. An der Decke die alten Schilder: Le Muy, Pöchlarn, La Almunia, Portguaro, Sisante. Die Namen der anderen Lagerhallen von Schlecker. Hier wurden die Waren verpackt, von hier wurden sie hinaus geschickt in Schleckers Reich aus Seife und Waschpulver.

Alles was davon geblieben ist: die Größe. Riesige Hallen, von außen grau, von innen grau. Neonlicht, so wie in den Läden und den Büros der Firmenzentrale. Schleckers Devise, Schleckers Geiz, auch in den Hallen mit der Kieselfassade hat er sich niedergeschlagen.

Warum Schlecker Pleite ging

Der Fachmann

Roland Alter hat das erste Buch über die Schlecker-Pleite geschrieben. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. In seinem Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“ (Rotbuch Verlag) fasst er die Gründe für den Niedergang zusammen.  Es folgen die wesentlichen Punkte...

Der Geizhals

Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner übertriebenen Sparsamkeit gescheitert. „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht  zu Fall gebracht hat: Geiz.“

Die Mitarbeiter

Und dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Der Autor fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“

Die Neonröhre

Keine andere Kette im Einzelhandel hat seine Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Filialen, wie Roland Alter es nennt.

Die Filialen

Die Röhren stehen auch für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben müssen – die Filialen verschönern müssen. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes.

Die Konkurrenten

Hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten.

Das Informationsdefizit

Als die Krise 2004 auch in der Bilanz abzulesen ist, sind die massiven strukturellen Defizite längst da. Vermutlich wusste Anton Schlecker lange Zeit nicht einmal, wie ernst die Lage genau ist. Es trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären.  Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.

Kauf von Ihr Platz

2007 kauft Schlecker „Ihr Platz“. 150 Millionen Euro zahlt man für die fünftgrößte Drogeriekette Deutschlands. Doch dadurch stieg nur Schleckers Umsatz – in der Sache half der Kauf kein Stück weiter. Das Geld hätte viel besser für Modernisierungsmaßnahmen in den bisherigen Schlecker-Filialen gesteckt werden müssen.

Die Hoffnung

2008 wird für Schlecker zum Schicksalsjahr. Der Tanker dreht aber viel zu langsam: Größere Filialen sollen die Rettung bringen. Und tatsächlich halten Experten das Konzept des Konzeptes „Schlecker XL“ für gut. Läden mit bis zu 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 13.000 Artikeln können mit denen der Konkurrenz mithalten. Aber bei Schlecker gibt es zu wenige der großen Filialen.

Der Kostenfaktor

In dieser Phase rächte sich am meisten, dass Anton Schlecker die Mitarbeiter nicht als Erfolgs-, sondern als Kostenfaktoren ansah. Sie waren für ihn nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So kann kein Comeback

gelingen.

Der Imageschaden

Und so kam es zur Unzeit – 2009 und 2010 – auch noch zur öffentlichen Debatte über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Der Patriarch verhindere die Gründungen von Betriebsräten und das Maß an Kontrolle sei untragbar. Für viele Kunden war der Skandal ein weiterer Grund, die blau-weißen Filialen zu meiden.

Die Liquidität

In diesen Jahren baut Schlecker kräftig um: kleine Filialen werden geschlossen, große XL-Läden eröffnet. Das Thema Liquiditätssicherung spielt noch keine Rolle. In einem Interview betont Schlecker 2010 die solide Finanzbasis. Dabei ist es längst ein Schneeballsystem, die Schlecker noch über Wasser hält.

Der Widerspruch

Schleckers Strategie ist widersprüchlich: Zum einen schließt die Kette viele kleine Filialen, auf der anderen Seite steht im Firmenslogan „For you – vor Ort.“ Doch vor Ort ist Schlecker eben immer seltener. Dabei  plädiert Fachmann Alter dafür, dass Schlecker viel konsequenter das Nachbarschaftsprinzip hätte aufgeben müssen. 

Die Selbstständigkeit

Zudem hielt Anton Schlecker viel zu lange am Prinzip der Selbstständigkeit fest – vermutlich aus falschem Stolz. Dabei hätte das Unternehmen externe Hilfe viel eher gebraucht, seien es Berater oder Finanzinvestoren gewesen.

Der Abschied

Damit hängt auch zusammen, dass Anton Schlecker und seine Frau Christa viel zu lange an der Firmenführung festgehalten haben. Sie hätten es mit einem rechtzeitigen Rückzug nicht nur den Kindern leichter gemacht, sondern auch ermöglicht, dass Finanziers das benötigte Vertrauen bekommen hätten. So war kein wirksames Change Management möglich.

Man kann es sich vorstellen, wie hier einmal alles überquoll mit Shampoo und Klopapier, Malheften und Heftpflastern. Und es erschreckt umso mehr, wenn man jetzt die leeren Hochregalreihen sieht, mindestens zehn Meter hoch, bis knapp unter die Decke, die Fahrlinien für die Gabelstapler auf dem Boden. Nunmehr bedeutungslose Striche, stille Zeugen einer Zeit, als Schlecker groß war, der größte in Europa im Drogeriehandel.

„Kommen wir zu Gegenstand 297. Ein Hand-Winkelschleifer von Metabo für 20 Euro. 30 Euro. 40 Euro. 50 Euro hier vorne. Da hinten sind 60. Zum ersten, zweiten und dritten. An die Nummer 52“, ruft Haun durch die Halle. Die neue Besitzerin freut sich mit der kleinen Runde, in der sie steht. Sie hat es ersteigert, das höchste Gebot. „Das ist alles so aufregend“, prustet sie. Viele der Menschen, die heute die Reste einer großen Unternehmergeschichte aufsammeln, sind Privatmenschen, die eine billige Bohrmaschine abstauben wollen.

Kommentare (4)

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leser

29.11.2012, 03:48 Uhr

Alles im Fett könnte man meinen.
Und bei "Schleckers letztes Schnäppchen" könnte einem deswegen der Hut hochgehen, weil alle davon profitiert zu haben scheinen, bis, eben auch die MA.
Das kann nur als beschämend erscheinen, setzt indes die "Tradition" des Hauses fort ad infinitum, wie man annehmen könnte nach dieser fein wirken wollenden Siegesmeldung.
Wie so etwas auf die Menschen wirkt, darüber braucht man vmtl auch nicht weiter zu spekulieren: es dürfte auf der Hand liegen.
Fein?
weniger.

btw

29.11.2012, 03:59 Uhr

Und was dieser sogenannte Insolvenzverwalter da hingelegt hat, das mag ihn für mehr nutto vom bretto empfehlen.

Eine Empfehlung für seine Leistung kann das nicht sein.

binario

29.11.2012, 10:06 Uhr

Jetzt muss ich doch mal gegen den allgemeinen Tenor posaunen. Letztendlich hat Herr Schlecker über Jahrzehnte vielend Tausend Mitmenschen, die sicherlich mehrheitlich keine optimale Ausbildung hatten, einen Arbeitsplatz gegeben. Auch wenn die Löhne sicherlich nicht noch waren, so war die Bezahlung wohl besser als so manche Niedriglöhne heute. Und es war ja wohl keine Zwangsarbeit, jeder konnte sich frei entscheiden ob er bei Schlecker arbeiten möchte.
Ich finde es nicht nur für die Mitarbeiter sondern auch für die Familie Schlecker tragisch, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben, eventuell beratungsresistent waren oder auch die falschen Berater hatten.
Einem Unternehmer, der jahrzehntelang tausenden Mitarbeitern sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geboten hat und viel Millionen (evtl. auch Milliarden, ich kenne die Steuererklärungen der Schelckergruppe nicht) Steuern erwirtschaftet hat, nach seinem Scheitern mit Häme und Spott zu überhäufen finde ich auf alle Fälle erbärmlich. Da sollten sich doch alle Publizisten und Journalisten erstmal fragen, wieviele Arbeitsplätze sie selber geschaffen haben.

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