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05.06.2015

18:13 Uhr

Verteilerzentren in Bad Hersfeld

Erneut Streik an Amazon-Standorten in Bad Hersfeld und Leipzig

Die Gewerkschaft Verdi will einen Tarifvertrag für Amazon-Mitarbeiter in Deutschland und erhöht wieder den Druck bei dem Kräftemessen. In Bad Hersfeld und Leipzig wird gestreikt. Der Branchen-Riese bleibt aber gelassen.

Streikende Mitarbeiter vor der Betriebsstätte des Online-Händlers Amazon in Leipzig (Archiv-Bild): „Kräftigte Lohnerhöhung.“ dpa

Verdi ruft bei Amazon zum Streik auf

Streikende Mitarbeiter vor der Betriebsstätte des Online-Händlers Amazon in Leipzig (Archiv-Bild): „Kräftigte Lohnerhöhung.“

Bad HersfeldIm Kampf um einen Tarifvertrag sind Mitarbeiter des Versandhändlers Amazon erneut in den Streik getreten. Der Ausstand am größten deutschen Standort im hessischen Bad Hersfeld soll von Freitagmorgen bis zu diesem Samstagabend dauern, wie die Gewerkschaft Verdi mitteilte. Auch in Leipzig legten am Freitag erneut Beschäftigte die Arbeit nieder. Dort gilt der Streik-Aufruf seit Donnerstag und noch bis Samstag.

Laut Verdi beteiligten sich im Tagesverlauf rund 500 Menschen am Streik in Bad Hersfeld und 450 in Leipzig. Nach Angaben von Amazon waren es hingegen insgesamt weniger als 630 Beschäftigte.

Amazon betrachtet den Ausstand gelassen und sprach von einer „verhaltenen Streikbeteiligung“ in dem seit mehr als zwei Jahren dauernden Tarifkonflikt. „Amazon sieht, dass die meisten Beschäftigten arbeiten“, erklärte Mechthild Middeke, hessische Verdi-Gewerkschaftssekretärin im Fachbereich Handel, die unterschiedlichen Bewertung. „Wir schaffen es nicht, den ganzen Laden lahmzulegen“, räumte sie ein.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

In Leipzig sagte Gewerkschaftssekretär Jörg Lauenroth-Mago: „Die Stimmung unter den Streikenden ist gut. Die Kollegen wissen, dass es eine lange Auseinandersetzung wird. Da neigt niemand zur Kurzatmigkeit. Wir wissen auch, dass wir Wirkung erzielen mit unseren Aktionen. Wir setzen die Streiks fort.“

Verdi bezieht Amazon derzeit in die allgemeine Tarifrunde im Einzel- und Versandhandel Hessen ein. Gefordert wird eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um 5,5 Prozent, mindestens jedoch 140 Euro. Für die rund 10 000 Amazon-Mitarbeiter in Deutschland will Verdi ebenfalls eine Bezahlung nach dem Einzelhandelstarif durchsetzen. Der Internetversandhändler sieht sich jedoch als Logistiker. „Wir bezahlen am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist“, sagte Amazon-Sprecherin Anette Nachbar.

Von

afp

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