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12.08.2014

16:59 Uhr

Weinbau

Poker um den perfekten Wein

VonKatharina Matheis

Die Weinlese beginnt für die Winzer außergewöhnlich früh. Der Poker um den perfekten Zeitpunkt für die Ernte wird damit bereits im Spätsommer eingeläutet. Was das für den Jahrgang und Weinfreunde bedeutet.

Am vergangenen Freitag wurden in Rheinhessen die ersten Trauben gelesen. (Bildquelle: DWI)

Am vergangenen Freitag wurden in Rheinhessen die ersten Trauben gelesen. (Bildquelle: DWI)

DüsseldorfDer Herbst ist für viele Weintrinker die schönste Jahreszeit. Dann ist Zeit der Lese und es gibt neuen Wein, den sogenannten Federweißer. Dieser könnte es in diesem Jahr noch auf das ein oder andere Sommerfest schaffen. Denn die Winzer beginnen außergewöhnlich früh mit der Weinlese. Am vergangenen Freitag wurden bereits die ersten Trauben in Rheinhessen geerntet.

Die frühreife Rebsorte Solaris markiert damit den Beginn der Traubenerntezeit. Normalerweise ist der Start der Traubenernte deutlich später, im vergangenen Jahr war es Ende August. In den nächsten Wochen werden auch andere Weingüter mit der Lese früher Sorten starten, die Hauptsaison beginnt voraussichtlich Anfang September. Das ist drei Wochen früher als sonst. Rund 20.000 Weingüter gibt es in Deutschlands 13 Anbaugebieten, die dann ihre Trauben ernten. In der Regel dauert die Haupt-Lesezeit bis Mitte Oktober.

Die wichtigsten Weißwein-Rebsorten in Deutschland

Riesling

Riesling ist unbestritten die deutsche Vorzeige-Rebsorte und gehört zu den wirtschaftlichen Stützen der Weinwirtschaft. Mit einer Rebfläche von 23.700 Hektar (23,1 Prozent der gesamten Anbaufläche, Stand 2016) besitzt Deutschland die größte Rieslingrebfläche weltweit und verweist somit Australien und Frankreich mit großem Abstand auf die Plätze zwei und drei. Die Farbe des Rieslingweins ist grünlich gelb bis hell goldgelb. Sein Aroma erinnert an Äpfel, Pfirsiche oder Aprikosen. Geschmack: feinfruchtig, meist säurebetont. Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Müller-Thurgau (Rivaner)

2In der deutschen Weinlandschaft gab der Müller-Thurgau seine Führungsposition in den 1990er Jahren an den Riesling ab. Doch mit einem Flächenanteil von 12,3 Prozent (Stand 2016) hat der Rivaner nach wie vor eine überragende Bedeutung im deutschen Weinbau. Dass er heute auf ca. 12.623 Hektar wächst, verdankt er unter anderem seinen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und seiner Zugänglichkeit auf für Nichtweinkenner. Die unkomplizierten Müller-Thurgau-Weine sind geschmacklich leicht zugänglich. Meist sind es jugendliche. Leichte und frische Weine für jeden Tag. Farbe: helles Gelb, Aroma: erinnert an zarte Kräuter, Äpfel und Birnen. Geschmack: säuremild. Körper, Gehalt: mittelkräftig.

Grauburgunder

Grauburgunder zählt zu den besten Sorten in Deutschland. Hier hat die Rebsorte wieder zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im weltweiten Vergleich steht Deutschland nach Italien und den USA an dritter Stelle im Grauburgunderbereich. Zur Zeit sind mehr als 6170 Hektar – das entspricht sechs Prozent der deutschen Rebfläche (2016) – mit dieser Sorte bestockt. Farbe: farbintensiv, hell- bis goldgelb, Aroma: erinnert an Mangos, Nüsse, Mandeln. Der Geschmack ist mild bis säurebetont, der Körper (Gehalt) kräftig und gehaltvoll.

Weißburgunder

Weißburgunder zählt zusammen mit dem Grauburgunder zu den Weißweinsorten mit der derzeit größten Rebflächenzunahme. Mehr als 5160 Hektar oder fünf Prozent der deutschen Rebfläche sind montan mit der Sorte bestockt. Weißburgunder, trocken ausgebaut, mit frischer Säure und feiner Frucht sind ideale Menüweine, aber auch leichte Sommerweine. Farbe: hell- bis strohgelb. Geschmack: etwas säurebetont. Das Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen, Mangos, Nüsse und Quitten, der Körper (Gehalt) ist mittelkräftig.

Silvaner

,Silvaner galt bis Mitte des Jahrhunderts als wichtigste deutsche Rebsorte; mehr als jede zweite Rebe war ein Silvanerstock. Der kontinuierliche Anbaurückgang der letzten Jahrzehnte, insbesondere zugunsten des Müller-Thurgaus, ließ den Flächenanteil auf derzeit 4,8 Prozent (Jahr 2016) sinken. Insgesamt werden 4900 Hektar mit diesen Rebsorten bepflanzt. Silvanerreben liefern im Duft eher verhaltene Weine mit einer milden Säure. Farbe: sehr helles bis intensives Gelb, Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen oder frisches Heu, Geschmack: milde bis mittlere Säure, Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Grund für die außergewöhnlich frühe Lese in diesem Jahr: Der milde Winter und ein warmes Frühjahr haben die Reben schon Mai aufblühen lassen. Danach brauchen Trauben etwa 90 bis 100 Tage bis sie reif genug sind. Die Winzer sind optimistisch, dass die Ernte gut ausfällt. "Im Moment sind wir hochzufrieden, was die Situation in den deutschen Weinbergen betrifft", sagt Monika Reule, Geschäftsführerin vom Deutschen Weininstitut. Es hat im Sommer genug geregnet und in allen deutschen Anbaugebieten sind die Trauben derzeit in gesundem Zustand. Es zeichnet sich ab, dass 2014 ein ertragreiches Jahr wird.

Für die Winzer ist das in diesem Jahr ein besonders wichtiger Faktor. Die letzten drei Jahre waren unterdurchschnittlich in der Lesemenge: Nach einem historischen Tiefstwert im Jahr 2010 brachten auch die Jahre danach keine vollen Fässer: Im vergangenen Jahr lagen die Erntemengen teilweise bis zu 20 Prozent unterhalb des langjährigen Durchschnitts. Dies sorgte in vielen Betrieben für Lieferprobleme, die sie auch nicht mit Preissteigerungen auffangen konnten. Vor diesem Hintergrund ist es in diesem Jahr besonders wichtig, dass neben der Qualität auch die Quantität stimmt.

Die wichtigsten Rotwein-Rebsorten in Deutschland

Spätburgunder

Was der Riesling qualitativ für die Weißweine bedeutet, verkörpert der Spätburgunder oder Pinot Noir unter den Rotweinen: die Spitze. In Deutschland sind 11.787 Hektar Rebfläche (Stand 2016) mit der Sorte Spätburgunder bestockt, das entspricht einem Anteil von 11,5 Prozent an der Gesamtrebfläche. Traditionell werden die besten Spätburgunder aus hochreifen Trauben gewonnen. Der Anbau der Rebsorte verlangt sehr viel Sorgfalt und stellt hohe Ansprüche an Klima und Boden. Seine Farbe ist rubinrot bis granatrot. Sein Geschmack erinnert an Brombeeren, Kirschen, Erdbeeren, Holunder und Pfeffer. Der Geschmack ist etwas gerbstoffbetont, der Körper (Gehalt) gehaltvoll bis körperreich.

Dornfelder

Längst ist die Neuzüchtung von 1955 zu einem deutschen Rotweinklassiker gereift und erfreut sich seit Jahren einer immensen Nachfrage. Heute sind 7741 Hektar mit der roten Traube bestückt (Stand 2016), das sind 7,6 Prozent der deutschen Rebfläche. Es gibt zwei unterschiedlich Ausbaustile. Der ersten betont die Fruchtaromen und wird jung auf den Markt gebracht. Andere Winzer bauen den Dornfelder im großen oder kleinen Holzfass aus und betonen mehr die Gerbstoffe. Die Farbe ist violett bis schwarzrot und sehr farbdicht, das Aroma erinnert an Holunder und Brombeeren. Der Geschmack ist gerbstoffbetont, der Körper (Gehalt) gehaltvoll bis körperreich.

Portugieser

Der Portugieser gilt als unkomplizierter, fruchtiger und frischer Wein für jeden Tag. Die Trauben sind im Alkohol meist leichter als andere Rotweine. Bei deutlicher Ertragsreduzierung sind auch tiefrote, füllige und kraftvolle Rotweine möglich. Die Anbaufläche liegt bei 3064 Hektar, rund drei Prozent der gesamten deutschen Rebfläche. Die Farbe ist hell- bis rubinrot, das Aroma erinnert an Johannisbeeren und Erdbeeren. Der Geschmack ist gerbstoffmild, der Körper leicht bis mittelkräftig.

Trollinger

In Württemberg ist der Trollinger die meistangebaute Rotweinsorte und hat sich zu einem „schwäbischen Nationalgetränk“ entwickelt. Es ist ein frischer und unkomplizierter Wein für jeden Tag. Eine gewisse Restsüße verleiht den harmonischen Trinkweinen zusätzliche Süffigkeit. In der warmen Zeit sollte man Trollinger unbedingt leicht gekühlt servieren. Die Rebsorte wird auf einer Fläche von 2230 Hektar angepflanzt (Stand 2016, 2,2 Prozent der gesamten Anbaufläche). Die Farbe ist ziegelrot bis helles rubinrot, das Aroma erinnert an Erdbeeren, Johannisbeeren und Kirschen. Der Geschmack ist gerbstoffmild, der Körper (Gehalt) leicht bis mittelkräftig.

Schwarzriesling (Müllerrebe)

Insbesondere bei den Württembergern, aber nicht nur dort, erfreut sich der Schwarzriesling großer Beliebtheit. In offiziellen Rebsortenlisten findet man die Bezeichnung „Müllerrebe“. In Frankreich heißt die Müllerrebe „Pinot Meunier“ und gehört zu den drei Champagnerrebsorten. In Deutschland beschränkt sich der Schwarzriesling-Anbau weitgehend auf Baden-Württemberg. Dennoch erreicht die Sorte einen Anteil von zwei Prozent der deutschen Rebfläche (1995 Hektar).Die Farbe ist rubinrot, das Aroma erinnert an Johannisbeeren, Kirschen, Himbeeren und Brombeeren. Der Geschmack weist mittlere Gerbstoffe auf, der Körper ist mittelkräftig und gehaltvoll.

Wirklich entscheidend sind allerdings die Tage vor der Hauptlese im September. Das Verhältnis von Zucker, Säure und Wasser ändert sich dann täglich und entscheidet über die Weinqualität. Gerade, wenn die Trauben reif sind, beginnt für die Weingüter ein alljährliches Pokerspiel: Je länger sie warten, desto höher die Fruchtzuckerwerte und umso hochwertiger das Lesegut. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass die Trauben faulen oder Krankheiten bekommen. Außerdem besteht noch ein anderes Risiko: Ein Hagelschauer und ein Teil der Ernte kann zerstört sein oder ist durch Schäden besonders fäulnisgefährdet.

Valide Aussagen über den Jahrgang 2014 gibt es also erst, wenn die Trauben in den Keltern sind. "Für die Winzer wären jetzt warme Tage und kühle Nächte ideal", resümiert Reule. Während für Weinromantiker nun eine schöne Zeit beginnt, steigt also die Anspannung der Winzer. Doch ein Glas Federweißer beruhigt, und den gibt es schon in den nächsten Wochen.  

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