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19.02.2013

15:42 Uhr

WHU-Otto Beisheim School

„Wir mögen Menschen nicht, die sich in den Vordergrund spielen“

VonCarina Kontio

Der unerwartete Tod des Metro-Gründers Otto Beisheim hat auch die private WHU-Hochschule völlig überrascht. Rektor Michael Frenkel im Gespräch über den schlitzohrigen Kaufmann, der sich stets rar gemacht hat.

Michael Frenkel leitet die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU).

Michael Frenkel leitet die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU).

Ein Kolumnist beschrieb Otto Beisheim mal als „meisterhaft tiefstapelnden 'Mr. Metro'“, als „Otto Beisheim, den keiner kennt, bei dem aber alle einkaufen“. Bis ins hohe Alter hat er sich rar gemacht. Der Legende nach soll er sich auf Metro-Hauptversammlungen schon mal verkleidet unter die Aktionäre gemischt haben. Was hatte der Multi-Milliardär zu fürchten?

Michael Frenkel: Es gibt Menschen, die es bewusst bevorzugen, eher zurückgezogen zu leben. Hierzu gehörte auch Otto Beisheim. Die Gründe hierfür mögen für ihn vielfältig gewesen sein; wir sind diesen Gründen an der WHU nicht nachgegangen, sondern haben diese Haltung stets respektiert. Gerade an der WHU stehen wir der gegenteiligen Haltung eher kritisch gegenüber. Wir mögen Menschen nicht so sehr, die sich immer in den Vordergrund spielen.

Otto Beisheims Name tauchte in der Öffentlichkeit nur selten auf, häufiger aber gab es Negativ-Schlagzeilen über seine angebliche Mitgliedschaft während des Zweiten Weltkriegs in der „Leibstandarte Adolf Hitler“ und der Waffen-SS. Statt Stellung zu beziehen, tauchte er in die Anonymität ab und verweigerte Interviews – die richtige Kommunikationsstrategie oder ein Fehler?

Ich denke nicht, dass es sich hierbei um Fehler in der Kommunikationsstrategie handelte. Otto Beisheim hat so viele Auszeichnungen erhalten, in deren Vorfeld seine Rolle im zweiten Weltkrieg immer wieder geprüft wurde, so auch vor der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Hierbei ist nie etwas herausgekommen. Dennoch scheint dieses Thema immer wieder medial aufgegriffen zu werden. Hiergegen kann man sich offenbar nicht wehren.

Das Leben von Otto Beisheim

Sohn eines Gutsverwalters

Otto Beisheim wird am 3. Jan. 1924 als Sohn eines Gutsverwalters in Vossnacken bei Essen geboren.

(Quelle: Munziger.de)

Ausbildung und Waffen-SS

Er galt als ausgesprochen guter Schüler, doch fehlten der Familie die Mittel für den Besuch eines Gymnasiums. Wie die Beisheim-Stiftung 2006 bekannt gab, gehörte er während des Krieges als Gefreiter einer Division der Waffen-SS an. Danach war Beisheim in britischer Kriegsgefangenschaft. Nähere Angaben machte er nicht. Seine kaufmännische Ausbildung absolvierte er in der Lederindustrie.

Das Prinzip Cash & Carry

Um 1960 lernte Beisheim in den USA den Großhandel nach dem Prinzip Cash-and-Carry (C&C) kennen, eine Handelsform, bei der Einzelhändler ihre Waren nicht mehr per Rechnung geliefert bekommen, sondern selbst abholen und sofort bezahlen.

Der erste Metro-C&C-Markt

1964 machte Beisheim sich selbstständig und gründete in Mülheim/Ruhr unter der Marke Metro den ersten deutschen C&C-Markt. Das Konzept erwies sich als eine der wenigen Innovationen im Großhandel und eröffnete dem Pionier enorme Chancen, zumal er sich als glänzender Organisator erwies. Er konzipierte seine Märkte so, dass diese auf über 10.000 qm Verkaufsfläche - getrennt in Lebensmittel- und Non-Food-Bereich - bei Öffnungszeiten bis 21 Uhr ein Sortiment für unterschiedliche Wiederverkäufer anboten.

Expansion

1971 expandierte die Metro Zweitmarke Makro nach Frankreich und Österreich sowie später nach Dänemark und Italien. 1970 erzielte Metro Umsätze von rund 1 Mrd. DM, 1975 von 3 Mrd. DM.

Führungsstil

Kennzeichnend für Beisheims Führungsstil wurde, dass er sich kaum in das operative Geschäft seiner Tochter- und Beteiligungsfirmen einmischte und den Direktoren weitgehend freie Hand ließ. 1985 setzten 68 Metro- und 34 Makro-Märkte 18 Mrd. DM um.

Internet-Aktivitäten

Als weniger erfolgreich hatten sich Beisheims Internet-Aktivitäten erwiesen. So hatte er über Metro-Tochterfirmen ab 1995 diverse Online-Projekte zur Verbesserung von Logistik und Vertrieb lanciert und auch an Vertriebsformen über das Internet gearbeitet. Diese Aktivitäten bündelte Beisheim 2000 in der Metro Online AG. Allerdings gab Körber 2002 das Online-Endkundengeschäft mit Verkauf der Primus-Online auf.

Die Pelikan AG

Beisheim selbst hatte sich seit den 80er Jahren weitere unternehmerische Ziele über die Metro hinaus gesteckt. Basis hierfür bildete die Beisheim Holding GmbH. So erwarb diese 1983 die Mehrheit am existenziell bedrohten Büro- und Schreibmaschinenhersteller Pelikan AG. Nach der Sanierung folgte 1986 ein Teilbörsengang, und nach dem Verkauf des Hardcopy-Geschäfts gab Beisheim 1996 die verbliebenen 70 % an der Pelikan Holding für 80 Mio. sfr an die malaiische Goodace Sdn Bhd. ab.

Leo Kirch

Den mit ihm gut bekannten Medienunternehmer Leo Kirch befreite er 1990 aus finanzieller Bedrängnis, indem er über die Metro-Tochter Medien-Handels AG 2.500 Filme erwarb, die er an andere TV-Sender weiterverkaufte. Beisheim unterstützte Kirch 1991 auch, als dieser über seine Privat-Fernseh-Gruppe Pro Sieben den Sender Kabel 1 gründete. Beisheim hielt an Kabel 1 anfangs 45 % und gab diese Anteile nach Stabilisierung des Senders an Pro Sieben ab.

Vermögen

1999 bezifferte Forbes Beisheim Vermögen auf umgerechnet 6,8 Mrd. US-Dollar, laut Manager Magazin waren es 2006 rund 3,4 Mrd. Euro. Das Privatvermögen Beisheims ist für Stiftungen bestimmt. Seit den 80er Jahren trat Beisheim häufig als Mäzen hervor. So erhöhte er 1993 das Stiftungskapital der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) bei Koblenz um 50 Mio. DM, weshalb diese den Zweitnamen Otto Beisheim School of Management annahm.

Soziales Engagement

Zudem finanzierte er neben Universitätsorchestern und Golfclubs insbesondere im Raum seines Zweitwohnsitzes am Tegernsee Kindergärten, Schulprojekte und Spielplätze. Allerdings zerschlugen sich dort auch einige ehrgeizige kulturelle und sportliche Projekte. Für Aufsehen sorgte 2006, dass Beisheim die Stiftung für ein Gymnasium zurückzog. Hintergrund bildete Kritik, die an der Schule hinsichtlich einer Umbenennung und hinsichtlich der Rolle Beisheims vor 1945 laut geworden war.

Auszeichnungen

Auszeichnungen: Ehrendoktor der Technischen Universität Dresden (93), Bundesverdienstkreuz (94), Bayerischer Verdienstorden (00), Ehrensenator der WHU (04), Ehrenbürger des Tegernseer Tals. Für den von Beisheim geführten Titel Professor ist die verleihende Hochschule nicht bekannt.

Familie

Beisheim und seine Frau Inge, die bis um 1970 die Schmuckabteilung der Düsseldorfer Metro geleitet hatte, waren fast 50 Jahre kinderlos verheiratet. Sie verstarb 1999. Beisheim unterhält Wohnsitze in Lugano, Paris, Rottach-Egern, in Kalifornien sowie in Baar und schätzt Rudern und Golfen. Beisheim, der 1988 Schweizer Staatsbürger wurde, war über Jahrzehnte öffentlich kaum bekannt und nahm oft unerkannt an den Hauptversammlungen seiner Firmen teil. Mit der Zahl der Stiftungen unter seinem Namen stieg seine Bekanntheit, auch wenn er die Medien weiter mied.

Otto Beisheim wurde von seiner Umgebung oft als schlitzohriger, aber umgänglicher Kaufmann beschrieben. Wie haben Sie den Metro-Mann erlebt?

Wir haben ihn als jemanden erlebt, der vor allem an der Qualität der Lehre und der Forschung an der WHU interessiert war. Er hat sich nie in das Mikromanagement der Hochschule eingemischt, sondern war immer an den großen Entwicklungslinien der WHU interessiert.

Der Autor Ulrich Viehöver schreibt über Beisheim, dass er bis ins hohe Alter eine „eiserne Sparsamkeit“ pflegte und für billige Lebensmittel meilenweit gefahren ist. Verbirgt sich hinter dieser „Macke“ auch ein Grund für den geschäftlichen Erfolg des Cash-and-carry-Pioniers?

Dass er in seiner unternehmerischen Laufbahn ein sehr kostenbewusster Mensch war, ist sicherlich unbestritten; in hart umkämpften Märkten ist dies sicherlich keine nachteilige Einstellung.

Sechs Fakten über die Metro Group

Bedeutung

Die Metro Group ist Deutschlands größter Handelskonzern.

Aufbau

Zum Unternehmen gehören die Metro-Großhandelsmärkte, die Warenhauskette Kaufhof, die Real-Supermärkte und die Elektronikfachmärkte von Media Markt und Saturn.

Umsatz

Metro erzielte 2010 einen Nettoumsatz von 67,3 Milliarden Euro.

Gewinn

Der Gewinn des Handelskonzerns belief sich 2010 auf 936 Millionen Euro.

Filialnetz

Der Konzern verfügt über mehr als 2100 Filialen in 33 Ländern.

Mitarbeiter

Weltweit beschäftigt Metro mehr als 283.000 Mitarbeiter.

Wie viele Superreiche hatte Otto Beisheim seinen Hauptwohnsitz im Schweizer Kanton Zug. Hatte er seine Wurzeln verloren oder ging es dem reichen Kaufmann darum, Steuern zu sparen?

So gut kannte ich ihn persönlich nicht, dass ich dies beurteilen kann. Mein Eindruck ist jedoch, dass für die Wahl seines Wohnsitzes verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

19.02.2013, 21:02 Uhr

Studium - zu 95% bezahlt von Papa/Mama,

Praktika in 7 verschiedenen Unternehmen auf 8 Kontinenten, natürlich nur bei blue chips (L'Oreal läßt grüßen) und max. 4-6 Wochen pro Location, alles supererfolgreich

3-5 Sprachen, keinesfalls die üblichen verdächtigen, alle Niveau Muttersprache

2-3 Unternehmen gegründet, alle mindestens in Größe der Metro

Diplomarbeit, die die "strategische Neuausrichtung eines DAX-Konzerns" zum Inhalt hat

Das alles in 4 Jahren.

Ein typischer Lebenslauf aus Vallendar, dutzendweise auf meinem Tisch.

Die Vorredner haben natürlich recht, wo bleibt da auch nur der Hauch von Selbstdarstellung oder Oberflächlichkeit?

Ich bevorzuge Kölner und Mannheimer, wenns um Spitzenjobs geht.

stef.

19.02.2013, 21:03 Uhr

"Der unerwartete Tod...hat völlig überrascht..."


Plötzlich und unerwartet (im Alter von 89 )

Bei solchen Aussagen (oder Worten in Todesannoncen) muss ich als Bestatter mehr als schmunzeln.

Im hohen, fortgeschrittenem Alter tritt der Tod nicht plötzlich und unerwartet ein - damit muss man rechnen, jederzeit, täglich.

Da stellt auch ein Herr Beisheim keine Ausnahme dar.

Bei solchen Aussagen (und damit die Gedankengänge der Menschen entlarvend), sieht man, wie unfähig die Leute doch eigentlich, sich mit der Thematik Tod auseinanderzusetzen.


(Und bitte bei der nächsten Todesanzeige vom Symbol der Rose mit dem abgeknickten Kopf Abstand nehmen - insbesondere, wenn es sich dabei um Verstorbene jenseits der Fünfzig handelt. Der abgeknickte Rosenkopf symbolisiert den Bruch in der Blüte des Lebens, also vor der Verwelkung - solche Symbole waren dereinst für jungen Menschen angedacht, die wirklich plötzlich und unerwartet diese Welt verließen ;-)

Julian

19.02.2013, 21:37 Uhr

Es will Ihnen sicherlich niemand vorschreiben, wen sie einzustellen haben, jedoch sind die Fakten, die sie gerade aufgezählt haben doch durchweg ein guter Indikator der Leistungsbereitschaft eines jeden einzelnen WHU'lers. Diese Leistungsbereitschaft zeichnet uns eben aus und sollte uns meiner Meinung nach eher angerechnet werden, als nachgetragen werden. Gott sei Dank passiert genau das in den meisten Fällen in der Wirtschaft auch und somit lohnt es sich weiterhin diese Leistungsbereitschaft zu zeigen. Zumal die Aussage mit der Studienfinanzierung durch die Eltern nach 5 Minuten Recherche hinsichtlich geklärt zu sein scheint. Viele der WHU'ler finanzieren ihr Studium selbst.

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