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08.05.2012

14:29 Uhr

Willy-Brandt-Airport

Berliner Großflughafen kurz vor dem Start gestoppt

Die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg verschiebt sich um voraussichtlich zwei Monate. Brandschutzanlagen können nicht rechtzeitig getestet werden. Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck ist „stocksauer“.

Neue Runde im Flughafen-Desaster

Video: Neue Runde im Flughafen-Desaster

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BerlinDie für Anfang Juni geplante Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg (BER) verzögert sich um unbestimmte Zeit. Der Termin lasse sich wegen noch nötiger Tests bei den Brandschutzanlagen nicht halten, teilte der Chef der Flughafengesellschaft, Rainer Schwarz, am Dienstag in Schönefeld bei Berlin mit. Ein neuer Termin zur Inbetriebnahme solle nach der Sommerpause in Angriff genommen werden. Gedacht sei an ein Datum nach dem Ende der Sommerschulferien am 3. August. Zuvor hatten die „Bild“-Zeitung und der „Tagesspiegel“ darüber berichtet.

Probleme seien der Brand- und Katastrophenschutz, die Meldewege sowie Türabsperrungen. „Es kann also keine Abnahme vom TÜV geben. Sie sind noch nicht so weit“, sagte der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD). „Es gibt keine abnahmefähigen Unterlagen.“ Die Verzögerung wird laut „Tagesspiegel“ pro Monat Kosten in Höhe von 15 Millionen Euro verursachen.


Der Weg zum neuen Berliner Flughafen

Dezember 1991

Gründung der Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF). Gesellschafter sind die Länder Berlin und Brandenburg.

Januar 1992

Beginn der Planungen für den Flughafen mit dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.

Juni 1996

Die Gesellschafter entscheiden sich für den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof.

August 2004

Zum Abschluss des Genehmigungsverfahrens gibt der Planfeststellungsbeschluss grünes Licht: Der BBI darf unter Auflagen gebaut werden. Im Oktober reichen tausende Gegner beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klagen ein.

April 2005

Das Gericht gibt Eilanträgen mehrerer Anwohner statt und verhängt einen weitgehenden Baustopp bis zu seiner endgültigen Entscheidung. Zulässig sind nur Bauvorbereitungen.

März 2006

Das Gericht genehmigt in letzter Instanz den Bau des BBI unter verschärften Lärmschutzauflagen.

Juli 2008

Erster Spatenstich für die Inbetriebnahme des Flughafens.

Oktober 2009

Das Brandenburger Verkehrsministerium erlässt eine neue Nachtflugregelung: Keine Starts und Landungen von Mitternacht bis 5.00 Uhr, Ausnahme Post- und Regierungsmaschinen, Notfälle. In den Randzeiten davor und danach ist die Zahl begrenzt.

Juni 2010

Wegen der Pleite einer Planungsfirma und verschärften Sicherheitsbestimmungen wird die für November 2011 geplante Eröffnung des Flughafens auf den 3. Juni 2012 verschoben.

September 2010

Die Deutsche Flugsicherung legt einen ersten Flugrouten-Vorschlag vor. Tausende Betroffene gehen dagegen auf die Straße. Es gibt neue Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss.

Juli 2011

Nach monatelangen Beratungen in der Fluglärmkommission folgt die Flugsicherung mit einem neuen Vorschlag dem Kompromiss des Gremiums. Rund um den Berliner Müggelsee geht der Protest weiter.

Oktober 2011

Das Bundesverwaltungsgericht gibt grünes Licht für nächtliche Flüge in den Randzeiten. Der Airport kann ohne weitere Einschränkungen an den Start gehen.

Januar 2012

Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung legt die Flugkorridore fest. Bürgerinitiativen kündigen weitere Klagen an.

Mai 2012

Wegen Problemen beim Brandschutz wird die Anfang Juni geplante Eröffnung des Flughafens erneut verschoben.

In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz sprach Flughafenchef Rainer Schwarz von einer „bitteren Enttäuschung“ für alle Beteiligten. Er könne sich für die entstandene Lage „nur entschuldigen“. Schwarz sagte, er hoffe, dass das am neuen Flughafen erwartete Verkehrswachstum zunächst von Tegel und dem alten Schönefelder Airport bewältigt werden könne.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagte, die Entscheidung zur Verschiebung sei „mehr als eine böse Überraschung“. „Ich verhehle nicht, dass ich stocksauer bin, so eine Überraschung darf nicht kurz vorher passieren.“ Platzeck betonte, dass niemand Bedenken haben müsse, seinen Urlaubsflug nicht antreten zu können. „Da wird es wohl keine Einschränkungen geben.“

Die Grünen nannten den verzögerten Start des Flughafens in Schönefeld eine „Posse“. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, Ramona Pop, sagte, die Entscheidung sei ein Schlag ins Gesicht des Regierenden Bürgermeisters Wowereit (SPD). Wowereit ist Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft. Sie passe zu den „jahrelangen Täuschungen“ der Anwohner durch den Senat über die Flugrouten.

Die Lufthansa will die betroffenen Flüge über den Airport Tegel abwickeln. Die Fluggesellschaft befinde sich in Gesprächen mit dem Flughafenbetreiber über entsprechende Zeitfenster für Starts und Landungen, sagte ein Lufthansa-Sprecher am Dienstag in Frankfurt am Main. Die Lufthansa halte an dem Ziel fest, mehr Flüge von und nach Berlin anzubieten.

„Wir bedauern, dass es zu der Verschiebung kommt“, sagte der Lufthansa-Sprecher. Mit dem neuen Airport hätte Deutschlands größte Fluggesellschaft ihren Fluggästen den Service eines hochmodernen Flughafens bieten können.

Die Bahn sieht für sich keine Probleme durch die spätere Eröffnung des Hauptstadtflughafens. „Wir sind auf Standby und können jederzeit starten“, sagte ein Sprecher am Dienstag. „Unser Bahnhof ist fertig, die Züge stehen bereit.“ Derzeit läuft der Probebetrieb in der Regional- und Fernbahnstation unter dem Abfertigungsgebäude. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg müsse nun sagen, wie er sich den Zugverkehr ab dem 3. Juni vorstelle.

Kommentare (6)

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demutstille

08.05.2012, 12:47 Uhr

Bleiben die Anwohner also noch einige Monate länger vor der zukünftigen Lärmbombe "Airport-Willi" verschont. Willi selbst musste nicht so brüllen! Im Gegenteil übte er einen historischen Kniefall aus, der mancher Gier (Institition/Person) unserer flachen Tage sehr gut tun würde. Berliner, haltet uns Außenstehende auf dem Laufenden, wie es mit der Lärmentwicklung über der Bundeshauptstadt weitergeht. Kann man da überhaupt noch ohne Fluglärm WOHNEN? LEBEN? Oder ist es Frankfurt-2 schon heute?

BERliner

08.05.2012, 13:02 Uhr

Kommunikationsdesaster und Managementversagen ersten Grades: Wer so offenkundig und fahrlässig eine Planung in den Sand setzt, gehört umgehend entlassen. Doch nicht nur die Geschäftsführung des BER sollte mit einem One-Way Ticket ohne Abfindung verabschiedet werden, es müssen auch endlich politische Konsequenzen folgen, in Stadt, Land und beim Bund: Hier werden Steuergelder vermogelt und das Image einer ganzen Region bis auf die Knochen blamiert.

Numismatiker

08.05.2012, 13:48 Uhr

Wetten, daß Stuttgart 21 genauso ein Desaster (deutlich teurer als geplant und erfüllt seinen Zweck nicht) wird?

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