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14.01.2016

14:41 Uhr

Winter bremst ICE

Der Blitzkrieg der Bahn

VonDieter Fockenbrock

Vor dem erwarteten Wintereinbruch am Wochenende hat die Deutsche Bahn ihren ICE-Zügen ein Tempolimit verpasst. Was sich zunächst übertrieben anhört, könnte in Wirklichkeit ein genialer Schachzug von Bahnchef Grube sein.

Wegen der erwarteten Wetterverhältnisse verpasst die Bahn ihren Hochgeschwindigkeitszügen ein Tempolimit. obs

ICE vor winterlicher Landschaft

Wegen der erwarteten Wetterverhältnisse verpasst die Bahn ihren Hochgeschwindigkeitszügen ein Tempolimit.

DüsseldorfAb Freitag führt die Deutsche Bahn ihren ganz persönlichen Blitzkrieg. Und zwar gegen das Wetter. Auf neun Schnellfahrstrecken, auf denen die ICEs normalerweise mit bis zu 300 Kilometern in der Stunde rasen, wird mit Betriebsbeginn in der Nacht bis auf weiteres das Tempo der Züge auf 200 Stundenkilometer gedrosselt.

Grund ist die Vorhersage für das Wochenende mit Schneefällen und Eisregen, sagt die Bahn. Der Staatskonzern will damit Zugausfälle durch Schotterflug oder massive Verspätungen vermeiden. Für die Fahrgäste auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken im Fernverkehr ergeben sich dadurch Fahrzeitverlängerungen von zehn bis 35 Minuten.

IC 2203 der Bahn nach Köln: Pannenzug kommt mit 22 Stunden Verspätung an

IC 2203 der Bahn nach Köln

Pannenzug kommt mit 22 Stunden Verspätung an

Blitzeis in Norddeutschland hat die Rückfahrt zahlreicher Bahn-Reisender durcheinandergebracht – um einen ganzen Tag. Über 22 Stunden Verspätung kamen zusammen. Fazit eines Reisenden: „Es war eine richtige Odyssee.“

Das alles liest sich äußerst dramatisch. Als erwarte die Bahn ein regelrechtes Winter-Unwetter am Wochenende. Der Wetterdienst ist da viel gelassener. Schnee und Eis ja, in den Bergen und an der Küste auch Sturm. Aber von Unwetterwarnung keine Spur.

Offensichtlich steckt der Bahn noch die Odyssee eines Intercity am 4. Januar in den Gliedern. An diesem Tag hatte ein Zug aus Norddeich 22 Stunden Verspätung, weil plötzlicher Eisregen den Zugverkehr an der Küste massiv behinderte. Nun will die Bahn blitzartig reagieren. Das wäre eine naheliegende Erklärung.

Möglicherweise ist es aber auch eine neue Strategie der Bahn, Verspätungen vorzubeugen, indem drohende wetterbedingte Verspätungen vorhergeahnt werden. Sozusagen ein Schnee- und Eisregen-Fahrplan. Denn eines der Ziele mit höchster Priorität in den Sanierungsplänen des Bahnchefs Rüdiger Grube lautet: Pünktlichkeit. Die Bahn definiert sich angesichts der Witterungsunbilden einfach Verspätungen weg. Aber das ist hier jetzt nur eine kühne Vermutung.

Wie die Deutsche Bahn ihre Kundenfreundlichkeit verbessern will

Mehr Pünktlichkeit

Die Bahn will die Pünktlichkeit ihrer Züge „deutlich steigern“. Dazu sollen alle Betriebsabläufe optimiert werden – unter anderem durch den Einbau von größeren Zeitpuffern in den Fahrplänen an viel befahrenen Netzknotenpunkten und den Einsatz neuer mobiler Wartungsteams, die Störungen an Zügen flexibel beseitigen sollen. Ein neuer Schlepplok-Dienst soll liegengebliebene Züge schneller von den Schienen holen. Um Unwetterschäden zu vermeiden, wird die Baumpflege an den Strecken ausgebaut.

Bessere Internetverbindungen

Im kommenden Jahr will der Konzern den Telefon- und Internetempfang in ICE-Zügen nach eigenen Angaben „deutlich“ verbessern und dafür etwa die Empfangstechnik aufrüsten. Das WLAN-Netz der Bahn soll in den kommenden Jahren nach und nach entlang der Reisekette auf mehr Fernverkehrszüge, Bahnhöfe und auch auf S-Bahn- und Nahverkehrszüge ausgedehnt werden.

Aktuellere Reiseinformationen

Mit neuen Zuganzeigesystemen an den Bahnhöfen will die Bahn ab kommendem Jahr den Informationsfluss in Sachen Gleiswechsel, Ankunftszeitprognosen und Wagenreihenfolgen verbessern. „Mittelfristig“ will sie ein digitales „Live Ticket“ einführen, das sich aktualisiert und Reisende unterwegs mit den für sie relevanten Streckeninformationen versorgt. Wenn nötig, kann es auch Alternativrouten vorschlagen und Umbuchungen vornehmen.

Mehr Service im Zug

Mitarbeiter sollen in Kooperation mit Unternehmen etwa aus der Hotel- und Gaststättenbranche in puncto „Serviceorientierung“ ausgebildet werden. Reisende mit Smartphones und Online-Tickets sollen sich künftig selbst im Zug anmelden können, wodurch eine Fahrkartenkontrolle überflüssig wird („Self Check In“). Zugbegleiter sollen so mehr Zeit für Serviceaufgaben haben.

Komfortablere Bahnhöfe

Die Zuverlässigkeit von Aufzügen und Rolltreppen an den Bahnhöfen in Ballungszentren will die Bahn „signifikant“ auf weit über 90 Prozent steigern. Dazu sollen etwa Entstörbereitschaften auf Zweischichtdienste umstellen und an Wochenenden arbeiten. 31 S-Bahn-Stationen in Metropolen werden renoviert, zudem sollen bundesweit 21 Umsteigebahnhöfe „offener und einladender“ umgestaltet werden. Mit der sogenannten Stationsoffensive richtet der Konzern 350 neue Haltepunkte in ländlichen Gebieten ein.

Mehr Unterhaltung

Das in ICE-Zügen verfügbare kostenlose sogenannte Infotainment-Portal, das etwa Echtzeit-Reiseinformationen und bestimmte Nachrichtenangebote bietet, soll künftig auch in weiteren Zügen und an Bahnhöfen verfügbar sein. Ab Ende 2016 sollen Bahnkunden umsonst „umfangreiche Film- und Musikangebote“ abrufen können. Zusätzlich richtet das Unternehmen eine Datenbank mit „aktuellen Blockbustern“ ein, die Reisende im „Pay per View“-Verfahren gegen Bezahlung ansehen können.

Das ist neu, taktisch aber vielleicht gar nicht so unklug. Denn bislang mussten sich die Zugführer immer im Nachhinein bei ihren Fahrgästen entschuldigen, dass ihr Zug eine halbe Stunde zu spät am Zielbahnhof ankommt. Nun also entschuldigt sich die Bahn schon mal vorweg.

Ob sie dabei aber ein ganz neues Problem bedacht hat? Was macht die Bahn, wenn die Züge am Wochenende Wind und Wetter trotzen und pünktlich auf die Minute einrollen? Dann sind die Enkelkinder, die Oma abholen sollten, noch nicht einmal unterwegs. Und welcher Eisenbahner will sich schon dafür entschuldigen müssen, dass der Zug ausnahmsweise pünktlich eingelaufen ist?

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