Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.06.2012

12:18 Uhr

Wirtschaft gegen Wutbürger

Der unendliche Krach um den Fluglärm

VonLukas Bay

Der Streit um den Fluglärm zieht sich quer durch Deutschland. Damit der Konflikt zwischen Wirtschaft und Wutbürgern nicht weiter eskaliert, müsste die Politik eine Grundsatzentscheidung fällen. Doch die bleibt aus.

Bekommt der Flughafen München eine dritte Startbahn? Dieses Wochenende stimmen die Bayern ab. dpa

Bekommt der Flughafen München eine dritte Startbahn? Dieses Wochenende stimmen die Bayern ab.

DüsseldorfWer gegen Lärm ist, machte Krach an diesem Tag im März: Es sollte ein Warnschuss sein, den Deutschlands Fluglärmgegner in Frankfurt, Berlin, München und Köln abgeben wollten. Rund 10.000 demonstrieren gegen Fluglärm und gegen den Ausbau von Flughäfen. Es ist eine heterogene Allianz aus Hausbesitzern, Bauern, Umweltschützern und Berufsdemonstranten, die deutschlandweit mobil gegen den Ausbau der Luftfahrt macht. Eine Allianz, die künftig geschlossen auftreten will und damit zur Gefahr für die deutschen Luftfahrt wird. Auf der anderen Seite werben Wirtschaftsverbände, Luftfahrtunternehmen und Flughafenbetreiber mit all ihrer Macht für den Ausbau der Flughäfen und für Nachtflüge. Sie sprechen von Logistikketten und Urlaubsflügen, nennen ihre Gegner "Wachstumsverhinderer".

Es ist ein Konflikt, in dem es um grundsätzliche Fragen geht: Die Politik müsste entscheiden - zwischen Nachtruhe und Milliardeninvestitionen, zwischen Arbeitsplätzen und Anwohnerschutz, zwischen Wachstum und Umweltschutz. Es ist ein Konflikt, in dem es einen Verlierer geben muss. Und genau das ist der Grund, warum sich die Politik um eine Entscheidung drückt - oder einmal getroffene Entscheidungen nach wenigen Jahren revidiert. Die Politiker wissen nicht, wen sie mehr fürchten sollen: Den Wutbürger oder die Wirtschaft.  

Die wichtigsten Antworten zum Thema Nachtflugverbot

Welche Vorgaben gelten für Nachtflüge?

Allgemein-gültige Vorgaben gibt es bei nicht. Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, wir es vom Umweltbundesamt empfohlen wird,  gibt es nur in Dortmund und Memmingen. In Leipzig dürfen ab Mitternacht nur Frachtflugzeuge starten und landen. In Hannover, Erfurt, Münster, Köln, Hahn und Nürnberg darf bisher uneingeschränkt geflogen werden. Alle anderen Flughäfen in Deutschland sind von 0 bis 5 Uhr geschlossen. Es gibt aber begrenzte Ausnahmen in den so genannten angrenzenden Schulterstunden.

Wie häufig wird nachts geflogen?

Von den Start- und Landeanflügen auf deutsche Flughäfen entfallen neun Prozent auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr.  Am Flughafen Köln ist der Anteil besonders hoch: Dort machen Nachtflüge etwa ein Viertel aller Flüge aus.  Bei einem kompletten Verbot von Nachtflügen müssten 19 Millionen Passagiere und 1,6 Millionen Tonnen Fracht verschoben werden, sagt der Verband der Fluglinien.

Gibt es gesetzliche Grenzwerte für die nächtliche Lärmbelastung?

Ja, die gibt es. An alten Flughäfen dürfen nachts die 55 Dezibel nicht überschritten werden, bei neuen Startbahnen gilt ein Grenzwert von 50 Dezibel. Allerdings darf dieser Grenzwert sechsmal pro Nacht bis zu doppelt so laut werden. Werden die Grenzwerte dauerhaft überschritten, haben die Anwohner einen Anspruch auf Schallschutzfenster.

Schädigt Fluglärm die Gesundheit?

An erster Stelle in der Argumentation stehen die Gesundheitsschäden durch nächtliche Ruhestörung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt Verkehrslärm hinter Luftverschmutzung auf dem zweiten Platz der Umweltfaktoren, die Leiden verursachen.  Im Durchschnitt sollten 40 Dezibel nachts nicht überschritten werden, empfiehlt die WHO und das Umweltbundesamt. Wenn Lärm plötzlich anschwillt, reagiert der Körper mit der Ausschüttung von Stresshormonen, der  Blutdruck steigt und der Pulsschlag erhöht sich. Mögliche Folgen: Depressionen, Schlaflosigkeit, erhöhtes Risiko für  Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Was unternehmen die Flughäfen gegen Fluglärm?

Laut Flughafenverband wurden in den vergangenen Jahren 470 Millionen Euro in Schallschutzfenster investiert - weitere 400 bis 600 Millionen Euro sind für die kommenden Jahre eingeplant. Außerdem setzt der Verband auf emissionsärmere Landeanflüge und den Einsatz leiserer Flugzeuge.

Ein weiterer Höhepunkt ist an diesem Wochenende in der bayerischen Landeshauptstadt München zu erwarten, wo am Sonntag per Bürgerentscheid über den Bau einer dritten Landebahn am Flughafen „Franz Josef Strauß“ abgestimmt wird. Im Münchner Umland regiert die Wut. Denn nur die Bürger der benachbarten bayrischen Landeshauptstadt München dürfen abstimmen, ob die Stadt als Mitgesellschafter dem Bau zustimmen soll. Sie hält 23 Prozent am Flughafen. Genug um den Bau zu blockieren, denn die Entscheidung der Gesellschafter muss einstimmig getroffen werden.

SPD, CSU und FDP befürworten den Bau, die Grünen, die Freien Wähler und die Linkspartei lehnen ihn ab. Obwohl die demokratischen Mehrheiten im Rat eindeutig sind, haben die Minderheitsfraktionen die zusätzliche Volksabstimmung erzwungen. Symptomatisch für eine Politik, die sich ihrer Aufgabe entziehen will, Entscheidungen zu fällen. 

Im Rat sind die Mehrheiten klar, auf der Straße aber nicht. Ob der Bürgerentscheid erfolgreich ist oder nicht, kann niemand eindeutig voraussagen. Prognosen über die Stimmung in der Bevölkerung sind so vielfältig wie widersprüchlich. 

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

wil

15.06.2012, 12:39 Uhr

Ihr Hierarchie-Ansatz ist bereits falsch.
Oberste Priorität genießt unsere Erde, heißt Natur bzw. Umwelt.
Danach folgt der Mensch, sein Leib und Leben, bzw. seine Gesundheit.
Zuletzt die Wirtschaft, funktionierend, wenn beide oberen Prioritäten eingehalten werden.
Das lernt man i.ü. im ersten Semester VWL.

RalphFischer

15.06.2012, 12:43 Uhr

Es gibt 2 Gründe für den Streit:
1.: Die Flughafenbetreiber wohnen nicht in der Einflugschneise
2.: Die Anwohner dürfen keine FLAK in den Garten stellen.

Wenn einer dieser Punkte erfüllt ist, hört der Streit sofort auf.

Sebbe

15.06.2012, 12:54 Uhr

Jammerlappen!
Warum hat Frankfurt knapp 700.000 Einwohner? Dank des Flughafens!
Wer in Frankfurt Stadt wohnt, bekommt vom Fluglärm wenig mit, dort ist es eh immer laut. Auch zwingt mich niemand, meine Wohnung direkt unter der Einflugschneise zu errichten!Wer es doch tut, ist sich über die Konsequenzen hoffentlich im vorhinein bewusst.
Mein Standpunkt ist: Flughafen ausbauen bis es nicht mehr geht und somit Deutschland bzw. Frankfurt zum Dreh- und Angelpunkt Europas ausbauen, bevor dies andere tun!
Wohngebiete fernab des Flughafens erschließen, dort Wohnungen bauen. Durch die Technik werden Flugzeuge auch bald leiser werden...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×