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27.09.2011

12:42 Uhr

Wirtschaftsprüfer

Ins Schwarze getroffen

VonOliver Stock

So ziemlich alles haben die großen Wirtschaftsprüfer versucht, um die scharfen Auflagen durch die EU zu verhindern. Doch offenbar vergeblich. Die neuen Pläne dürften sie hart treffen. Völlig zurecht. Ein Kommentar.

KPMG und Co geht es an den Kragen. ap

KPMG und Co geht es an den Kragen.

Kein Zweifel: Genauso wenig wie Ratingagenturen nicht zuletzt wegen ihrer mangelnden Unabhängigkeit lange Zeit Finanzprodukte und Unternehmen nicht sachgerecht eingeschätzt haben, so haben auch Wirtschaftsprüfer zu lange geschwiegen, wenn sie in Bilanzen zu große Risiken feststellten. Beide zusammen haben damit jener Krise Vorschub geleistet, die erst eine Finanzkrise gewesen und jetzt eine Schuldenkrise geworden ist.

Gebüßt haben dafür zumindest in Maßen jedoch nur die Ratingagenturen, die einer schärferen Regulierung unterworfen wurden und beispielsweise nur noch da ihre Dienste anbieten dürfen, wo sie auch mit eigenen Niederlassungen aktiv sind. Die Konsequenzen für die Wirtschaftsprüfer stehen bislang aus. Dass sich das nun ändern soll, ist gut so. Es geht darum, die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer zu stärken, damit ihre Testate tatsächlich am Ende aussagen, wie es um das Unternehmen bestellt ist. Interessenskonflikte dürfen nicht länger vorkommen.

Genau das ist aber der Fall, wenn Wirtschaftsprüfer Prüfungsmandate hauptsächlich annehmen, um so an attraktive Beratungsmandate zu kommen.

Wirtschaftsprüfer unter Druck

„The Big Four“

„The Big Four“ werden sie genannt, die vier großen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsunternehmen, wie man sie exakt bezeichnet. Nun will die EU ihre Macht beschränken. Die vier großen Wirtschaftsprüfer beschäftigen allein in Deutschland über 30.000 Mitarbeiter.

PwC

Pricewaterhouse Coopers ist in Deutschland Marktführer. 1,34 Milliarden Euro macht der US-Konzern 2010 hierzulande an Umsatz – und das mit 8.637 Mitarbeitern.

PwC

PwC wurde 1848 in London gegründet, hat heute aber seinen Hauptsitz in New York. 2010 machte der Konzern weltweit einen Umsatz von 26,6 Milliarden Dollar und beschäftigte rund 160.000 Mitarbeiter.

KPMG

Auf Rang zwei liegt in Deutschland KPMG mit einem Umsatz von 1,19 Milliarden Euro. 8.270 Mitarbeiter beschäftigt KPMG hierzulande.

KPMG

KMPGs Sitz ist in der Schweiz, die Hauptverwaltung liegt allerdings im kanadischen Toronto. Weltweit gesehen liegt der Konzern mit 140.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 20,6 Milliarden Dollar auf Rang drei.

Ernst & Young

Denn Ernst & Young ist mit einem Umsatz von 21,3 Milliarden Dollar etwas größer. Die Mitarbeiterzahl liegt mit 141.000 praktisch gleichauf mit dem Konkurrenten KPMG. Ernst & Young hat seinen Hauptsitz in New York.

Ernst & Young

In Deutschland macht Ernst & Young einen Umsatz von 1,06 Milliarden Euro und liegt damit auf dem dritten Platz. 6.776 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen hierzulande.

Deloitte

Die Nummer vier folgt mit einigem Abstand: Deloitte kommt in Deutschland „nur“ auf einen Umsatz von 577 Millionen Euro und beschäftigt 4.602 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr wollte Deloitte Roland Berger kaufen, um das Beratungsgeschäft auszubauen. Aber der Deal scheitere am Widerstand der Berger-Partner.

Deloitte

Im weltweiten Vergleich ist Deloitte aber die Nummer zwei mit einem Umsatz von 26,6 Milliarden Dollar. 170.000 Mitarbeiter beschäftigt das US-Unternehmen.

BDO

Auf Platz fünf liegt in Deutschland BDO. Doch der Abstand ist enorm: BDO macht hierzulande einen Umsatz von 180 Millionen Euro.

Rödl & Partner

Auf Rang sechs folgt Rödl & Partner mit einem Umsatz von 135,5 Millionen Euro. Immerbin sind das acht Prozent mehr als 2009.

Ecovis

Ecovis konnte zulegen, und zwar um rund vier Prozent und kommt nun auf einen Umsatz von 107 Millionen Euro.

Ebner Stolz Mönning Bachem

Langer Name, großer Zuwachs: Ebner Stolz Mönning Bachem hat seinen Umsatz im Jahr 2010 um über zwölf Prozent auf 106 Millionen Euro gesteigert.

Rölfs

Auf Platz neun liegt Rölfs mit einem Deutschland-Umsatz von 84 Millionen Euro. Das bedeutet ein Minus von sieben Prozent im Vergleich zu 2009.

PKF Fasselt Schlage

In die Top Ten hat es auch PKF Fasselt Schlage. Das Unternehmen kommt in Deutschland auf einen Umsatz von 56 Millionen Euro.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barniers Vorschlag, Prüfungs- und  Beratungsunternehmen strikt zu trennen, trifft deswegen ins Schwarze. Und er trifft die Branche ins Mark, die sich bisher genau in diese falsche Richtung bewegt hat. Sie muss die Qualität ihrer Prüfungen verbessern, weil sie sonst ihre Existenzberechtigung verliert. Höhere Qualität heißt aber höhere Kosten. Um mehr zu verdienen, hatten die sogenannten Big Four-Gesellschaften -  also PWC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte -  die Flucht in die Beratung angetreten. Deloitte scheiterte zwar noch mit dem Versuch, sich mit den Beratern von Roland Berger zusammenzutun. Doch kleinere Fusionen sind längst unter Dach und Fach.

Damit könnte jetzt Schluss sein, wenn Barnier ernst macht. Ein Drama für die Prüfungsgesellschaften muss das nicht sein. Sie könnten vielmehr argumentieren, dass ihre Testate künftig mehr Geld wert seien, weil sie wirklich unabhängig von irgendwelchen Folgegeschäften in der Beratung und mit höherem Aufwand erstellt worden sind. Es wäre der ehrlichere Weg.

Kommentare (3)

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ein_wp

27.09.2011, 12:53 Uhr

Auch wenn ich Ihrer Meinung bin, Wirtschaftsprüfer sollten von ihrem Beratungsgeschäft getrennt werden, zeugt doch ihr Satz "so haben auch Wirtschaftsprüfer zu lange geschwiegen, wenn sie in Bilanzen zu große Risiken feststellten." von Unverständnis für das heute (zugegebenermaßen durch EMH und Neoklassik ideologisch verbrämte) Dogma, dessen Ausfluss WPs bilden: es ist gerade nicht Aufgabe einer Prüfung "zu große" Risiken zu erkennen, kommentieren oder kritisieren. Diese Aufgabe fällt dem Investor zu, dessen Risikoappetit darüber entscheidet, welche Risiken eingegangen werden. WPs müssen Risiken erkennen, die zu einer Verzerrung der Darstellung der "Realität" führen könnten. Sie prüfen also Prozesse, Governance und Steuerung von Unternehmen, und damit deren Fähigkeit, einen "fair and acurate" Bericht über die eigene Lage abzugeben.

evalena

28.09.2011, 09:44 Uhr

Ich habe mich ohnehin gewundert, dass die Wirtschaftsprüfer nicht früher in den Fokus durch die Bankenkrise gekommen sind. War es nicht diese Zunft, die die Bilanzen der Kreditinstitute geprüft und testiert hat? Gehörte zu diesem Prüfungsauftrag nicht mehr die Risikoeinschätzung von Engagements und gegebenfalls die Versagung des Testats bei ungenügender Wertberichtigung kritischer Engagements? Hätte man dies mit der notwendigen Sorgfalt getan, so wie ich es noch vor 10 Jahren erlebt habe, hätte es erst garnicht zur Bankenkrise kommen können. Die früher bewährten Grundsätze über das Eigenkapital und die Liquidität wurden ja ohnehin über Bord geworfen. Bilanzwahr- und Bilanzklarheit wurden teils auch durch den Gesetzgeber verwässert und es wurde gestattet, risikoreiche Geschäfte ausserhalb der Bilanz über windige Tochterunternehmen abzuwickeln. Hieran hat die Zunft der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften "segensreich" mitgewirkt. Die Internationalisierung und Globalisierung, auch der grossen WP-Gesellschaften, tat ein Übriges.
Eine unabhängige Beratung durch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ist deshalb nicht zu erwarten, da im Vordergrund immer der Ausbau und die Bewahrung des lukrativen Mandats stehen wird. Von daher ist es nachvollziehbar, dass über eine strkte Trennung nachgedacht wird.

Willi Enders
Heusweiler

Europaer

30.09.2011, 18:28 Uhr

Werter Kollege,

Ihre Aussagen sind schlichtweg falsch! Wir testieren folgendes:

"...der Jahresabschluss vermittelt unter der Beachtung der Buchführung ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Gesellschaft."

Wenn Sie aber jedes Jahr neu bestellt werden und das Mandat auch noch beraten besteht immer das Risiko, dass Sie bei Erfüllung der beruflichen Pflichen das Mandat verlieren. Deshalb gilt leider heute in unserer Branche:

"Der Pfuscher der hat Brot und der Meister der hat Not. Und der Pfuscher, das liegt in der Natur der Sache ist auch ein Vertuscher."

Wirtschaftsprüfer die ihrem Berufseid folgen und ihren Beruf nach den vorgeschriebenen Gesetzen ausführen sind nun mal arbeitslos. Währen die Big-Four-Pfuscher sich schamlos bereichern. 15 Mrd. Euro beträgt das Honorarvolumen in Deutschland in der Abschlussprüfer. Ehrliche und anständige Wirtschaftsprüfer sehen davon keinen einzigen Euro. Das ist die Realität.

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