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24.04.2012

14:13 Uhr

Womans World

Frauenzonen in pink bei Media Markt

VonCarina Kontio

Laptop, Lockenstab und Friteuse: Europas größte Elektronikkette Media Markt bemüht sich intensiv darum, mehr Frauen in seine Märkte zu ziehen - in Österreich testet der Konzern eigens dafür eingerichtete Frauenzonen.

"Frauenzonen bei Mediamarkt: Das Geräusch, das ihr hört? Tausende von Frauenköpfen, die genervt auf den Tisch hauen", schreibt eine Twitter-Userin. AFP

"Frauenzonen bei Mediamarkt: Das Geräusch, das ihr hört? Tausende von Frauenköpfen, die genervt auf den Tisch hauen", schreibt eine Twitter-Userin.

DüsseldorfWo ist hier die Frauenzone? Geht es nach dem Willen von Europas größter Elektronikkette, muss Frau in Zukunft nicht mehr lange suchen, um beim Shoppen "artgerecht" mit allerlei Elektronikschnickschnack versorgt zu werden. Das verdankt die weibliche Kundschaft allein der Tatsache, dass es überwiegend Männer, nämlich 60 Prozent, in die Media-Markt-Filialen treibt. Das soll sich ändern, finden die Verantwortlichen. Seit vergangenen Donnerstag testet die Kette nun in allen 31 Märkten Österreichs eigens eingerichtete Frauenzonen, um mehr weibliche Kunden in die Filialen zu locken. Geht die Rechnung auf, soll das neue Konzept demnächst auch in Deutschland eingeführt werden.

Die Damen können sich in der sogenannten "Woman's World" neue Haushalts- und Elektronikgeräte anschauen. Bequeme Sessel sollen dafür sorgen, dass sich die Kundinnen vom Shopping erholen können. Sogar die Werbefotos werden für dieses Bereich extra angefertigt: Von den Plakaten lächeln Frauen mit pinkfarbenem Laptop oder Lockenstab im Haar.

Buch Martin Lindstrom: Warum klassische Werbung nicht mehr reicht

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Warum klassische Werbung nicht mehr reicht

Martin Lindstrom ist einer der profiliertesten Marketing-Gurus. In seinem neuen Buch "Brand Sense" beschreibt der Däne, wie Werbung in Zukunft funktionieren wird und warum dafür alle Sinne angesprochen werden sollten.

Laut Fachmagazin Channelpartner soll es auf der Verkaufsinsel jeden Monat andere Schwerpunktthemen geben. Zum Auftakt gilt das Motto "Wellness und Gesundheit". Die Produktpalette reicht von Lockenstäben über Friteusen bis hin zu unterschiedlichen Gadgets in der Farbe Rosa.

Feministische Beschwerden

Von den Frauenzonen verspricht sich die Handelskette gute Geschäfte: Studien hätten ergeben, dass Frauen zunehmend technikaffin sind und auch Kaufentscheidungen bei elektronischen Neuanschaffungen treffen, wie die Elektronikkette mitteilte.

Wie Konsumenten hinters Licht geführt werden

Die Illusion von Frische

Die Illusion von Sauberkeit und Frische ist ein sehr erfolgreicher Verführer. Fisch auf Eis wirkt frischer, als er ist und verkauft sich deutlich besser. Die Deckel von ewig haltbaren Marmeladengläschen werden mit Papier und Plastik zugeklebt. Gemüse wird in feuchtem Dunst gelagert, was sogar das schnellere Verderben begünstigt.

Der Trick mit dem Alter

Die Vernunft würde dazu tendieren, dass reelle Alter bei der Kaufentscheidung zu berücksichtigen. Doch geschicktes Marketing schafft es, das vermeintliche Alter in den Vordergrund zu rücken. Fachleute holen Bilder, Töne und Gerüche aus vergangenen Zeiten zurück, damit wir uns jünger fühlen und das Produkt aus Nostalgiegründen kaufen, weil es wir ein Überbleibsel unserer Jugend wirkt.

Das Geschäft mit der Panik

Marketingfachleute nutzen immer besser die Urinstinkte der Menschen für ihre Zwecke aus – und dazu gehört vor allem die Angst. Die Flut an Seifenspendern im Zuge der dann ja doch gar nicht zu schlimmen Ehec-Erkrankungen ist nur ein Beispiel.

Natürlich biologisch gut?

Umfragen haben ergeben, dass Konsumenten lieber Produkte mit dem Label „natürlich“ bevorzugen anstatt „biologisch“, weil das wie ein nicht reguliertes Marketing-Schlagwort erscheint. Tatsächlich ist es genau anders herum. Firmen werfen mit diesen Bezeichnungen um sich und sorgen für reichlich Verwirrung.

Prominente helfen - meistens

Auch Mitglieder der Königsfamilie oder Prominente sind eine Marke, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Volksnähe schön und gut, aber eine gewisse Barriere muss bleiben, damit diese Marke wirkt. Rituale, Mythen und Symbole helfen dann auch in der Werbung und tatsächlich hilft ein prominentes Gesicht, ein Produkt zu verkaufen – auch wenn wir uns das nicht eingestehen wollen.

Religion zu Geld machen

Unser Gehirn neigt dazu, mentale Abkürzungen zu nehmen. Wenn auf einer Haferflockenpackung ein Bild vom Himalaja prangert, dann denken wir an Einfachheit, Weisheit, Selbstlosigkeit und Entspannung. Gerade mit Religionen wie dem Buddhismus wirbt man gern. Für einige Produkte geben Konsumenten Unsummen aus, nur weil sie scheinbar „gesegnet“ sind.

Wir kaufen, um als Gutmenschen dazustehen

Psychologen nennen es den „kompetetiven Altruismus“: Menschen handeln sozial verantwortungsbewusst, weil sie ihr Gutmenschentum zur Schau stellen wollen. Werbefachleute zielen darauf perfekt ab. Umweltbewusste Verbraucher vermeiden es sogar oft, grüne Produkte zu kaufen, wenn niemand da ist, der ihr selbstloses Verhalten mitbekommt.

Kraft der Nostalgie

Unser Gehirn ist so programmiert, dass es vergangene Erfahrungen positiver scheinen lässt als sie waren. Psychologen nennen dies „rosigen Rückblick“ und das moderne Marketing nutzt dies mehr denn je aus. So wird die Vernunft bei  Kaufentscheidungen leicht in den Hintergrund gedrängt.

Aber wie reagiert die Zielgruppe auf die ungewöhnliche Offensive? Zumindest diejenigen, die sich im Internet dazu äußern, scheinen nicht ganz so begeistert von der Idee wie die Elektronikkette und überhäufen sich mit feministischen Beschwerden. "Das vermittelte Frauenbild löst Würgreflexe bei mir aus", schreibt etwa die Userin Jella aus Darmstadt. Andere nehmen es ironisch, so wie Lucie aus Berlin: "Frauen zunehmend technikaffin. Deswegen gibt's die Lockenstäbe und Friteusen jetzt mit Bluetooth". Userin Jenny fühlt sich offenbar an die Kinderbetreuung bei Ikea erinnert und twittert: "Die kleine Jenny möchte gerne in der Frauenzone abgeholt werden". Und Daniela Berger urteilt über Twitter: "Lieber Media-Markt, je technikaffiner Frau wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie irgendeinen Schrott im pinken Gehäuse kauft."

Auch die Männer kommen zu Wort und sind wenig begeistert von den Frauenzonen: "Sacht ma, erst de Herdprämie vonne Regierung, jetz de Frauenzone inne Media Märkte, ihr wisst schon datt wir 2012 habn oda?", findet etwa der User Fensterrentner, während sich ein Herr Bree darüber amüsiert, dass die Haushaltsabteilung ja demnächst vielleicht rosa Laminat bekommt.

Den Spott auf die Spitze treibt die Rhein-Zeitung aus Koblenz, die titelt: "Mediamagd gesucht?" Kurz: Es scheint momentan ganz so, als könnte die Aktion für Media Markt in die Hose gehen.

(Mit dpa)

Kommentare (4)

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eyab

26.04.2012, 09:24 Uhr

Um ein Zitat aus dem Artikel zu erweitern: "Lieber Media-Markt, je technikaffiner Frau wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie einen Fuß in einen Media Markt setzt."

Pupsnelke

26.04.2012, 18:11 Uhr

Das wahre Ziel der MM-Marketingexperten ist ein anderes: den Anteil lästiger Frauen im auf 0% reduzieren, damit Männer dort künftig ungestört einkaufen können! Mario Barth war nur der Anfang, jetzt folgt die Frauenzone - die Strategie scheint aufzugehen...man(n) ist schon runter auf 40%.
Schade nur, dass ich auch als Mann keinen Fuß in einen MediaMarkt setze...

ChilliVanilli

10.05.2012, 20:44 Uhr

Ich finde die Idee Klasse und hoffe,das sie sich im Raum Hamburg durchsetzt...da sind die Leute eh offener und ich muss nicht ewig nach Pinken Werkzeug etc. suchen ;)

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