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24.06.2013

08:59 Uhr

Zalando und Fruchtsaft

Wie Tengelmann sich neu erfindet

Ein Traditionsunternehmen plant den Neuanfang. Als Wagniskapitalgeber investiert Tengelmann in innovative Start-Ups. Künftig verkauft der Konzern auch vegane Schokolade und probiotischen Fruchtsaft.

Karl-Erivan Haub, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Tengelmann, schaut nach Übernahmekandidaten im Internet. dpa

Karl-Erivan Haub, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Tengelmann, schaut nach Übernahmekandidaten im Internet.

Mülheim/RuhrDer Handelskonzern Tengelmann ist den meisten Verbrauchern vor allem durch seine Textilhandelskette KiK und die Obi-Baumärkte bekannt. Doch Konzernchef Karl-Erivan Haub ist dabei, dem Konzern neue Wege zu eröffnen. Das gut 145 Jahre alte Familienunternehmen profiliert sich immer stärker als Wagniskapitalgeber für Internet-Start-ups und Nischenunternehmen.

Erst in dieser Woche beteiligte sich Tengelmann an NextFoods, einem Hersteller probiotischer Fruchtsaftgetränke in den USA. Tengelmann gehe es „nicht darum, kurzfristige Gewinne zu genieren, sondern zusammen mit unseren Partnern langfristige Werte zu schaffen“, sagte Haub.

Auffallend ist, wie sehr der Unternehmer das Risiko streut. Unter den mehr als 30 E-Commerce-Beteiligungen des Familienunternehmens finden sich neben großen Namen wie dem Mode- und Schuhhändler Zalando auch Nischenanbieter wie olivenoel.com sowie Dienstleister, die Internet-Technologien etwa für Versandhändler anbieten.

Was den Deutschen beim Online-Shopping wichtig ist

Zahlungsmethode

„Die von mir bevorzugte Zahlungsmöglichkeit aus­wählen zu können“ nennt mit 87 Prozent eine über­wältigende Mehrheit der Deutschen als wesentliche Anforderung beim Online-Einkauf. Die klassische Rechnung ist dabei nach wie vor das beliebteste Zahlungsmittel. Paypal und Lastschrift/Bankeinzug stehen ebenfalls hoch im Kurs.

Retouren

Unkomplizierte Rücksendemöglichkeiten fordern 80 Prozent der Befragten von ihren Online-Händlern.

Tempo

Besonders geduldig sind die Deutschen nicht, wenn es um ihre Online-Einkäufe geht. Eine schnelle Lieferung ist 80 Prozent der Befragten wichtig.

Lieferkosten

Am besten umsonst: 77 Prozent der Befragten fordern eine kostenlose Lieferung ihrer Ware.

Schnäppchenjäger

Auf das Gefühl, den besten Preis gefunden zu haben, legen 77 Prozent der deutschen Online-Shopper Wert.

Transparenz

75 Prozent der Befragten in Deutschland ist eine transparente Darstellung der Lieferbedingungen wichtig.

Informationen

Die Auswahl an Produkten im Online-Handel ist enorm. Über das gesamte Angebotsspektrum wollen sich 74 Prozent der Befragten gut informiert fühlen.

Produktpräsentation

Vor allem wer viel Geld dafür ausgibt möchte sich die Ware vorher ganz genau ansehen – und das nicht nur im Laden sondern auch online. Eine anschauliche Darstellung des Produkts ist 64 Prozent der Befragten wichtig.

Versandunternehmen

Dass das Versandunternehmen ihm bekannt ist bzw. dass er es vertrauenswürdig findet, erwarten 62 Prozent der deutschen Online-Einkäufer. Elf Prozent der Befragten machen den Einkauf sogar vom Versandunternehmen abhängig. Konkret möchten 30 Prozent der Online-Shopper in Deutschland von DHL beliefert werden, 13 Prozent nannten Hermes.

Nachverfolgung

Sie wollen ganz genau wissen wann ihre Ware wo ist, und wann sie sie endlich in den Händen halten können. 61 Prozent der Befragten wollen daher die Möglichkeit haben, ihre Sendung online nachzuverfolgen.

Flexibilität

Flexible Lieferung ist für 51 Prozent der Befragten wichtig. Wunsch-Lieferkonzepte stehen dabei hoch im Kurs. Jeder Fünfte möch­te wählen können, wo und wann sein Paket zugestellt wird – beispiels­weise bei einem Nachbarn, einer Packstation oder an einem bestimmten Wunschtag. Jeder Vierte der befragten Online-Shopper ist als Kunde bei einer DHL-Packstation registriert.

Quelle: Studie im Auftrag der Deutschen Post: Einkaufen 4.0  - der Einfluss von E-Commerce auf Lebensqualität und Einkaufsverhalten

Und in den USA hat sich der Konzern auch als Wagniskapitalgeber für Unternehmen engagiert, die abseits des Internets versuchen, eigene Marktnischen zu finden. So beteiligte sich Tengelmann an BrightFarms, einem Unternehmen das in den USA Gewächshäuser an oder sogar auf Supermärkten errichtet, die die Ernte dann verkaufen. Ein anderes Jungunternehmen mit Tengelmann-Beteiligung veredelt Trinkwasser mit Essenzen aus australischen Wildblumen und verspricht seinen Kunden Entspannung und emotionale Stabilität. Auch ein Hersteller veganer Schokoladenprodukte findet sich im Portfolio.

Der Hintergrund der Tengelmann-Strategie ist für den Handelsexperten Joachim Zentes von der Universität Saarbrücken offensichtlich. Der Anteil des E-Commerce im Handel mit Nicht-Lebensmitteln werde bis 2022 massiv auf 20 bis 25 Prozent steigen, prognostiziert der Wissenschaftler. Und dies werde zu gewaltigen Verwerfungen im stationären Einzelhandel führen. Deshalb sei es für etablierte Unternehmen wie Tengelmann höchste Zeit, im E-Commerce „einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Tengelmann habe hier bisher offenbar „recht glücklich“ agiert.

Nicht ganz so enthusiastisch fällt allerdings das Urteil von Zentes bezüglich der US-Engagements wie BrightFarms aus. „Das bleiben absolute Nischenmärkte“, urteilt der Experte. „Das halte ich für Spielereien.“

Ohne Risiko sind die Versuche des Konzerns sich neue Märkte zu erschließen nicht. Zalando glänzte im vergangenen Geschäftsjahr zwar mit enormen Umsatzzuwächsen, schrieb aber dennoch weiterhin rote Zahlen. Doch Haub will offenbar langen Atem beweisen. „Wer ins Online-Geschäft geht, sollte nicht glauben, dass er morgen direkt Geld verdient„, betonte er vor einigen Monaten in einem Interview.

Von

dpa

Kommentare (2)

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butsch

25.06.2013, 09:39 Uhr

"Wer ins Online-Geschäft geht, sollte nicht glauben, dass er morgen direkt Geld verdient".
Das kommt wohl darauf an, was man anzubieten hat. Als Bauchladen-Retailer ist es in der Tat schwierig. Als Nischenanbieter mit einem Produkt, das tatsächlich gebraucht wird weniger.

UButschinek

25.06.2013, 10:08 Uhr

"Wer ins Online-Geschäft geht, sollte nicht glauben, dass er morgen direkt Geld verdient". Das kommt wohl darauf an, was man verkauft. Ein Bauchladen-Retailer hat es sicherlich schwerer, als ein Nischenanbieter mit einem tatsächlich gebrauchten Produkt.

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