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25.08.2015

07:53 Uhr

ZDF-Doku „Tierfabrik Deutschland“

Der Fluch des Billigfleischs

Die Massentierhaltung sorgt für billige Lebensmittel, quält aber Kühe, Schweine und Hühner. Eine ZDF-Dokumentation zeigt, wie die Agrarlobby bis heute systematisch den Tierschutz aufweicht.

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BerlinDer Durchschnitts-Verbraucher in Deutschland ist kostenbewusst. Zugleich verabscheut er natürlich jede Form von Massentierhaltung. Aber zu viel Geld dürfen Lebensmittel dann eben doch nicht kosten. Das zeigt der Erfolg der Billigdiscounter. Und dann wäre da noch das deutsche Tierschutzgesetz. Es besagt in Paragraf 1, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund „Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zufügen darf. Dass all das nicht so richtig zusammengehen kann, liegt auf der Hand. Dieser Zwiespalt ist Thema der Dokumentation „Tierfabrik Deutschland“, die an diesem Dienstag um 21 Uhr im ZDF zu sehen ist.

Zunächst werden einige wissenswerte Fakten geliefert: Der Durchschnittsdeutsche vertilgt in einem Jahr 59 Kilo Fleisch, 218 Eier und rund 84 Liter Milch. Nahezu jeder (sofern er nicht völlig vegan lebt) verspeist in seinem Leben vier Rinder, 46 Schweine und 945 Hühner. Die Deutschen geben im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn ziemlich wenig für Lebensmittel aus: Es sind gerade einmal zehn Prozent des Pro-Kopf-Einkommens. Dafür rufen sie umso lauter nach mehr Tierschutz und artgerechter Tierhaltung - ganz nach dem Motto: Schweine im Stroh, freilaufende Hühner mit Hahn auf dem Mist oder Kühe auf der Weide mit niedlichen herumtollenden Kälbchen.

Die größten Bio-Supermarktketten in Deutschland 2014

Platz 5

Ebl Naturkost betreibt 23 Läden in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1994 gegründet.

Platz 4

Mit 25 Filialen ist die Bio-Supermarktkette Basic auf dem vierten Platz.

Platz 3

Den dritten Platz belegt Bio Company mit 44 Läden.

Platz 2

Auf dem zweiten Platz befindet sich Alnatura mit seinen Super Natur Märkten. In Deutschland hat das Unternehmen mehr als 80 Filialen – und will noch weiter expandieren.

Platz 1

Die größte Bio-Supermarktkette Deutschlands heißt Denn's. Hierzulande betreibt das Unternehmen 143 Filialen.

80 Prozent der deutschen Verbraucher wollen angeblich mehr bezahlen für tierschutzgerechte Lebensmittel, doch zwischen Verbraucherwunsch und landwirtschaftlicher Produktionsrealität liegen Welten. Beispiel Ei: Seit der Industrialisierung der Eierproduktion werden Hühner entweder als Legehennen oder als Masthühner gezüchtet. Eine Folge davon: Die süßen männlichen Küken (nur sie sind gelb) der Legelinien werden direkt nach dem Schlüpfen millionenfach vergast - was sehr drastisch gezeigt wird. Seit Jahren ist das Problem ungelöst, obwohl es mittlerweile möglich ist, das Geschlecht im Ei zu erkennen, also vor dem Schlupf. Die Einführung dieser Technik ist allerdings teuer.

Beispiel Schwein: Die Tiere gebären mehr Ferkel als die Sauen Zitzen haben, sie sind weitaus größer, breiter und schwerer als noch vor 20 Jahren. Also werden überzählige oder zu kleine und schwache Ferkel einfach an der Stallwand totgeschlagen - was ebenfalls zu sehen ist. Die immer größeren Sauen müssen ihr halbes Leben in viel zu engen Kastenständen leben, eingepfercht hinter Gittern, die sie oft annagen. Auch das Abschneiden der Schwänze wird von vielen Behörden geduldet.

Schließlich das Beispiel Milch: Jahrzehntelange Hochleistungszucht hat nicht nur die jährliche Milchleistung auf mehr als 10 000 Liter gesteigert, sie hat die Kühe auch anfälliger gemacht für Krankheiten. Daher landen sie immer schneller beim Schlachthof.

Die Autoren Jörg Göbel und Christian Rohde nehmen kein Blatt vor den Mund, und sie zeigen drastische Bilder - daher sollten Kinder besser nicht zuschauen. Sie reisen quer durch die Republik und reden mit Milchbauern, Tierschutzbeauftragten und Tierärzten über die Schlachtung trächtiger Rinder, sie besuchen Schweinemäster und Hühnerzüchter - wobei einige zu Wort kommen, die zurückwollen zu einer Zucht wie sie früher üblich war, ohne dass die Hälfte der Tiere einfach in der Abfalltonne landet.

Die ZDF-Journalisten zeigen, wie die Agrarlobby es bis heute schafft, Tierschutzgesetze aufzuweichen und zu umgehen; und sie befragen den niedersächsischen Umweltminister (Grüne) und den Bundeslandwirtschaftsminister (CSU), warum Hochleistungszucht mit Todesfolge nicht längst verboten ist. Aber außer Lippenbekenntnissen wie „Das kann so nicht bleiben“ kommt da nicht viel.

Wie viel Tier verträgt der Planet?

Wie viel Fleisch isst die Menschheit?

Immer mehr. 2012 waren es rund 300 Millionen Tonnen, bis 2050 kommen etwa 50 Prozent hinzu, schätzt die Welternährungsorganisation, die bei ihrer Prognose allerdings davon ausgeht, dass der aktuelle Trend anhält. In den Industrieländern wächst der Verzehr nicht mehr, dafür greifen die Menschen in Schwellenländern immer häufiger zum Fleisch. Steigende Einkommen und Verstädterung tragen dort dazu bei. Ein Deutscher isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - in den 1980er Jahren waren es laut Bauernverband noch 67 Kilogramm.

Welche Folgen hat der wachsende Hunger?

Die Folgen sind vielfältig. Nur zwei Beispiele: In Ländern wie China wächst die industrialisierte Produktion - mit großen Ställen und Schlachthöfen, wie der „Fleischatlas“ beschreibt. Kleinproduzenten und die als Fotomotiv beliebten Händler auf Fahrrädern seien dagegen auf dem Rückzug, heißt es in der Zahlensammlung von Umweltschützern.

In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt werden soll.

Futtertrog versus Teller

Aus der Diskussion „Tank versus Teller“ wird der Streit „Trog versus Teller“: Auf 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche wachse inzwischen Tierfutter, kritisiert die Agrarexpertin der Umweltschutzorganisation BUND, Reinhild Benning. Sie gesteht aber zu, dass sich nicht jede Weide zu Ackerland umbrechen lässt - etwa in der Steppe. Dennoch: Auch Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“: „Sie wären effizienter direkt als Nahrung für die Menschen zu verwenden.“

Was hat das alles mit Deutschland zu tun?

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die steigende Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie in den vergangenen Jahren Millionen neuer Mastplätze gebaut - vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten.

Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand. Mehrere hundert Bürgerinitiativen wenden sich bundesweit gegen Güllegestank und den Verkehr, der von den Ställen ausgeht. Sie kritisieren auch die Haltungsbedingungen der Tiere. Niedriglöhne in Schlachthöfen beschäftigen inzwischen auch die Bundesregierung.

Exportland von Billigfleisch

Deutschland habe sich zum „Exportland von Billigfleisch“ entwickelt, kritisiert der Eberswalder Agrarökonom Bernhard Hörning im Januar 2014. „Billigfleisch aus Deutschland ist ein Mythos“, hält Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken dagegen. Die Preise lägen über dem EU-Durchschnitt. Zudem gingen drei Viertel der Exporte in EU-Länder.

Sollten wir weniger Fleisch essen?

Unter Medizinern gilt das als Gemeingut. Fleisch enthält zwar wertvolle Nährstoffe, wie es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt. 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es demnach aber nicht werden - was bedeuten würde, dass die Deutschen ihren Verbrauch mindestens halbieren müssten. Barbara Unmüßig, als Vorsitzende der Böll-Stiftung Mitinitiatorin des „Fleischatlas“, hält den Fleischkonsum einmal pro Woche für ausreichend und rät: „Zurück zum Sonntagsbraten.“ Die Ernährungsindustrie hält indes nichts von Vorgaben für die Verbraucher: „Sie entscheiden selbstbestimmt an den Kassen der Supermärkte, was sie essen möchten“, heißt es beim Branchenverband BVE.

Fazit: Eine Nutztierwende ist nicht in Sicht, die Verbraucher wollen ihr Fleisch auf dem Teller haben, und die Minister möchten ihre Wähler natürlich nicht vergraulen und gleichzeitig der Industrie nicht wehtun. Es bleibt also dabei: Wirtschaftlichkeit geht weiter contra Tierschutz. Schließlich ist die Landwirtschaft der fünftgrößte Industriezweig in Deutschland. Kühe stehen also weiter im Stall und nicht auf der Wiese, und das Töten von Eintags-Küken, Kälbern und Ferkeln geht weiter, weil offenbar weder die Bauern noch die Politiker wirklich an einer tiefgreifenden Veränderung interessiert sind. Ein Teufelskreis.

Von

dpa

Kommentare (22)

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Herr Lung Wong

25.08.2015, 08:30 Uhr

Eines fernen Tages wird man über die Qualen, die Menschen den Tieren angetan haben so sprechen, wie wir entsetzt über das Schicksal der Juden und den anderen, der Mehrheit der Deutschen missliebigen Bürgern sprechen. Wie konnte das geschehen. Ganz einfach, weil die Mehrheit der Leute es für richtig befunden hat.

Herr Thomas Ungläubig

25.08.2015, 10:22 Uhr

Die Lösung liegt klar auf der Hand – man muss nur wollen…

Herr Pascal Dick

25.08.2015, 10:44 Uhr

-"daher sollten Kinder besser nicht zuschauen" - wäre es nicht gerade mal wichtig Kinder zuschauen zu lassen, damit gerade diese Generation heutigem Fleischkonsum kritischer gegenübersteht?
Den Kindern schlussendlich die Realität vorzuenthalten ist sicherlich nicht der richtige Ansatz..

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