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06.07.2017

09:25 Uhr

ZDFzoom „Lufthansa in Turbulenzen“

Der vermeintliche Chaos-Kranich

VonRoman Tyborski

Das ZDF geht in einem Bericht mit Deutschlands größter Airline hart ins Gericht. Die Lufthansa vernachlässige die Sicherheit an Bord und behandele Mitarbeiter schlecht, um Kosten zu senken. Was ist dran an den Vorwürfen?

Die Vorwürfe gegen Deutschlands größte Fluggesellschaft wiegen schwer. dpa

Lufthansa

Die Vorwürfe gegen Deutschlands größte Fluggesellschaft wiegen schwer.

1. Mai 2017: Die Piloten einer Lufthansa-Maschine des Typs Bombardier CRJ 900 rufen die Luftnotlage aus. Das Flugzeug muss kurz nach dem Start in München wieder landen, weil sich im Cockpit Rauch gebildet hat. Ein dramatischer Zwischenfall während eines Lufthansa-Flugs – und das ist nicht der einzige in den vergangenen Jahren.

Dieser Vorfall wirft die Frage nach der Sicherheit bei Deutschlands größter Fluggesellschaft auf. ZDFzoom-Reporter Detlef Schwarz hat in seiner Reportage „Lufthansa in Turbulenzen“, die am späten Mittwochabend ausgestrahlt wurde, die Airline genauer unter die Lupe genommen. Wie ist es um die Lufthansa bestellt?

Schwarz' Bilanz: Um im internationalen Wettbewerb mit anderen Fluggesellschaften mithalten zu können, vernachlässige die Airline aus Kostengründen die Sicherheit, den Service und die Arbeitsbedingungen. Es klingt niederschmetternd. Nur: Das Ergebnis des ZDF-Reporters stimmt nicht ganz.

Die Reportage beginnt mit einem Protest der Mitarbeiter von Lufthansa Technik in Hamburg. Der Standort mit 400 Mitarbeitern steht kurz vor der Schließung. Die Generalüberholungen der Flugzeuge soll nun überwiegend in ausländischen Zweigstellen auf den Philippinen oder in Bulgarien durchgeführt werden. 60 Jahre lang war das die Aufgabe der Hamburger Lufthansa-Mitarbeiter. Doch im globalen Wettbewerb sind die hochqualifizierten Techniker aus Deutschland schlichtweg zu teuer.

„Brisante Dokumente“, die dem Reporter zugespielt werden, legen allerdings nahe, dass die Arbeitsqualität der Generalüberholungen im philippinischen Manila nicht annähernd mit denen in Deutschland zu vergleichen wären. Ein Protokoll des Abschluss-Checks eines Airbus A380 weist auf gravierende Mängel hin, die noch nach der Generalüberholung bestanden hätten.

Bei einem Testflug habe sich wegen eines fehlerhaften Stellmotors des Höhenleitwerks ein „sehr schwerer Vorfall ereignet“. Schwarz behauptet, dass die schlechte Qualität der Flugzeug-Instandhaltung in den ausländischen Zweigstellen ein „streng gehütetes Geheimnis der Lufthansa“ sei.

Also ein Komplott der Lufthansa-Führung? Hier dramatisiert Schwarz schlichtweg die Fakten. Denn laut dem Protokoll bestanden zwar noch diverse Mängel, wodurch die Maschine nicht voll flugtauglich gewesen sei. In diesem Zustand hat der A380 der Lufthansa jedoch nie den Linienbetrieb aufgenommen. Der gravierende Mangel am Höhenleitwerk wurde noch in Manila erkannt und behoben. Die restlichen – weniger schwerwiegenden – Fehler wurden im Lufthansa-Hangar in Frankfurt am Main repariert.

Was verdient ein Pilot?

Grundgehalt

Lufthansa-Piloten gehören zu den bestbezahlten Angestellten in Deutschland. Nach Unternehmensangaben steigen junge Flugoffiziere nach der zweijährigen, teils selbstbezahlten Flugschule mit einem Brutto-Grundgehalt von 55.500 Euro ein, das inklusive Zulagen für Schichtdienst und Flugstunden über das vereinbarte Maß hinaus ein realistisches Anfangsgehalt von rund 73.000 Euro ergibt.

Das „Senioritätsprinzip“

Nahezu jedes Jahr folgt nun nach dem „Senioritätsprinzip“ die nächste Gehaltsstufe. Nach derzeit 23 Schritten ist die oberste Kapitänsstufe mit einem Grundgehalt von 193.000 Euro erreicht, inklusive Zulagen können das pro Jahr mehr als 255.000 Euro brutto werden.

Im europäischen Vergleich

Ähnliche Gehälter werden bei europäischen Ex-Staatsfluglinien wie der Air France-KLM auch bezahlt. Etwas unter diesem Niveau liegen nach einer Aufstellung der Website Airliners.de die British Airways und Easjet, die von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) in der Vergangenheit schon als Messlatte für einen möglichen Low-Cost-Tarifvertrag im Lufthansa-Konzern genannt worden ist.

Zulagen-Modell

Das untere Marktende markieren kleinere Gesellschaften wie die Air-Berlin-Tochter Niki, bei der ein Kapitän laut dem Portal Pilotjobsnetwork bis zu 74.000 Euro im Jahr verdienen kann. Allerdings locken hier vergleichsweise hohe Zulagen für tatsächlich geleistete Flugstunden.

Vorwurf Sozialdumping

Der irische Billigflieger Ryanair wehrt sich gegen den Vorwurf des Sozialdumpings. Bei der Airline könnten Kapitäne bis zu 170.000 Euro verdienen, erklärte noch am Donnerstag ein Unternehmensvertreter. In Branchenvergleichen ist hingegen von 85.000 Euro Höchstgehalt und 25.000 Euro Einstiegssalär die Rede.

Man kann sich nun darüber streiten, ob eine solche vermeidbare Arbeitsteilung wirtschaftlich sinnvoll ist. Der Vorwurf, die Lufthansa vernachlässige die Sicherheit, ist jedoch nicht haltbar. Der letzte Zwischenfall einer Lufthansa-Maschine im Linienbetrieb liegt mittlerweile 24 Jahre zurück.

Auch das jährliche Sicherheitsranking der Jacdec-Flugunfallforscher zeichnet ein anderes Bild. Hier landet die Lufthansa auf dem zwölften Platz. Nur die niederländische Airline KLM schneidet im europäischen Vergleich besser ab. Weit abgeschlagen hinter der Lufthansa befinden sich Turkish Airlines (Platz 50), Air France (Platz 42) und Ryanair (Platz 34).

Die deutschen Lufthansa-Techniker kommen in der Reportage auffällig gut weg. So würde eine Generalüberholung in Deutschland lediglich 86 Tage dauern und weitestgehend fehlerfrei verlaufen. In Manila dauere sie 110 Tage. Allerdings lassen Zitate wie zum Beispiel „man weiß bei der Geschäftsführung wohl sehr genau, was die deutschen Techniker können“ oder „die hochqualifizierten deutschen Techniker mussten die Fehler ausbügeln, die in der ausländischen Zweigstelle Manila gemacht wurden“ den Verdacht aufkommen, dass Reporter Schwarz ein wenig die Distanz zum Thema abhandengekommen ist. Die Hamburger Technikarbeiter werden als Opfer der Konzernführung dargestellt, die nur noch die Kostenreduktion im Kopf habe, obwohl die Airline im Vorjahr einen Rekordgewinn in Höhe von 1,75 Milliarden Euro erzielt hat. Hier greift die Analyse zu kurz.

Kommentare (2)

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Frau Stephanie Maurer

06.07.2017, 11:22 Uhr

Gute Analyse. Allerdings hat uns als LH Aktionäre die einseitige "Schwarzmalerei" sehr irritiert, Es sind gerade nicht Technik und Sicherheit, die bei der Lufthansa AG für Schwierigkeiten sorgen, sondern die Streiks der besagten Mitarbeiter. Auch die Annahm im Film, alle Mitarbeiter in Deutschland verfügen grundsätzlich über bessere Qualifikationen, stimmt leider nicht. Der Wettbewerb ist international. Und der Lufthansa Vorstand hat die Aufgabe, Gewinn zu erwirtschaften. Nur so fliegt der Kranich weiter!

Herr Alexander Cute

06.07.2017, 14:30 Uhr

Das richtige Wort ist eher TRAURIG! Mitarbeiter die zu diesem Ergebnis beigetragen haben, werden erpresst und entlassen. Es wäre irgendwie noch nachzuvollziehen, wenn es der Airline schlecht gehen würde. Aber bei diesem Milliardengewinn, ist es nur ein Gewinn für die Aktionäre. Letztendlich wurde dieser Gewinn durch die Pensionsfond Auflösung herbeigeführt. Über 600 Mio Euro bezgl der LH Kabine. Nächstes Jahr wird ebenso wieder ein fetter Gewinn ausgewiesen, indem wohl der gleiche Betrag wieder durch Pensionsfond Auflösung bezgl des Cockpits durchgeführt wird. Das wertvollste Kapital was es gibt sind die Mitarbeiter und deren Motivation. Bei LH dürfte diese bald im Keller sein! Alles hervorgerufen durch die Geiz ist Geil Mentalität der Passagiere. Ich kann nur hoffen, dass die Leute die gegen das LH Personal wettern, auch durch diese Billig Mentalität ins Strudeln geraten damit sie mal sehen, wie es sich anfühlt!

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