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18.02.2013

17:54 Uhr

Zum Tod von Otto Beisheim

Abschied von Mister Metro

Metro-Gründer Otto Beisheim stieg vom Lehrling zum Milliardär auf. Ohne Abitur, ohne Studium, ohne Startkapital. Er wurde einer der bekanntesten Unternehmer Deutschlands und bedeutender Mäzen der Wissenschaft. Unumstritten aber war er nicht.

Otto Beisheim ist tot. dpa

Otto Beisheim ist tot.

DüsseldorfEs gab viele Otto Beisheims. Den, der penibel darauf achtete, die Öffentlichkeit zu meiden, und denjenigen, dem egal war, ob man ihn erkennt, der sich auf sein Elektrorad setzte und durchs Tegernseer Tal in die Eisdiele flitzte. Oder den, der seit Ewigkeiten mit dem Handelskonzern Metro verheiratet schien und niemals an Scheidung gedacht hatte. Er hing am Unternehmen, seinem Lebenswerk.

Nun ist der Mitbegründer des Firmenimperiums im Alter von 89 Jahren gestorben. Er wurde am Morgen in seinem Anwesen in Rottach-Egern am Tegernsee tot aufgefunden, aus dem Leben geschieden „aufgrund der Hoffnungslosigkeit seiner gesundheitlichen Lage“, wie die Otto Beisheim Gruppe mitteilte.

Management-Legende: Metro-Mitgründer Otto Beisheim ist tot

Management-Legende

Metro-Mitgründer Otto Beisheim ist tot

Der 89-jährige hatte an einer Krankheit gelitten – an der er aber nicht gestorben ist.

Otto Beisheim hat nie Abitur gemacht. Seine Eltern, Gutsverwalter, hatten kein Geld, den Junior aufs Gymnasium zu schicken. Also machte der eine Lehre in der Lederindustrie. Nachdem er im Elektrohandel bis zum Prokuristen aufgestiegen war, machte er sich schließlich 1964 mit einem Cash-and-carry-Großhandel selbstständig, Grundstock für das spätere Metro-Imperium. Die Idee brachte er von einer Dienstreise aus den USA mit.

Bis heute gibt es Diskussionen darüber, woher Beisheims Startkapital für die Metro stammt, das ihm laut "Forbes"-Liste einen Reichtum von rund vier Milliarden US-Dollar beschert hat. Angeblich belegt eine Krankenakte aus dem Jahr 1943, dass Beisheim Angehöriger der Waffen-SS und Scharführer bei der Leibstandarte Adolf Hitlers war. Beisheim hat die Anschuldigungen öffentlich nie kommentiert.

Das Leben von Otto Beisheim

Sohn eines Gutsverwalters

Otto Beisheim wird am 3. Jan. 1924 als Sohn eines Gutsverwalters in Vossnacken bei Essen geboren.

(Quelle: Munziger.de)

Ausbildung und Waffen-SS

Er galt als ausgesprochen guter Schüler, doch fehlten der Familie die Mittel für den Besuch eines Gymnasiums. Wie die Beisheim-Stiftung 2006 bekannt gab, gehörte er während des Krieges als Gefreiter einer Division der Waffen-SS an. Danach war Beisheim in britischer Kriegsgefangenschaft. Nähere Angaben machte er nicht. Seine kaufmännische Ausbildung absolvierte er in der Lederindustrie.

Das Prinzip Cash & Carry

Um 1960 lernte Beisheim in den USA den Großhandel nach dem Prinzip Cash-and-Carry (C&C) kennen, eine Handelsform, bei der Einzelhändler ihre Waren nicht mehr per Rechnung geliefert bekommen, sondern selbst abholen und sofort bezahlen.

Der erste Metro-C&C-Markt

1964 machte Beisheim sich selbstständig und gründete in Mülheim/Ruhr unter der Marke Metro den ersten deutschen C&C-Markt. Das Konzept erwies sich als eine der wenigen Innovationen im Großhandel und eröffnete dem Pionier enorme Chancen, zumal er sich als glänzender Organisator erwies. Er konzipierte seine Märkte so, dass diese auf über 10.000 qm Verkaufsfläche - getrennt in Lebensmittel- und Non-Food-Bereich - bei Öffnungszeiten bis 21 Uhr ein Sortiment für unterschiedliche Wiederverkäufer anboten.

Expansion

1971 expandierte die Metro Zweitmarke Makro nach Frankreich und Österreich sowie später nach Dänemark und Italien. 1970 erzielte Metro Umsätze von rund 1 Mrd. DM, 1975 von 3 Mrd. DM.

Führungsstil

Kennzeichnend für Beisheims Führungsstil wurde, dass er sich kaum in das operative Geschäft seiner Tochter- und Beteiligungsfirmen einmischte und den Direktoren weitgehend freie Hand ließ. 1985 setzten 68 Metro- und 34 Makro-Märkte 18 Mrd. DM um.

Internet-Aktivitäten

Als weniger erfolgreich hatten sich Beisheims Internet-Aktivitäten erwiesen. So hatte er über Metro-Tochterfirmen ab 1995 diverse Online-Projekte zur Verbesserung von Logistik und Vertrieb lanciert und auch an Vertriebsformen über das Internet gearbeitet. Diese Aktivitäten bündelte Beisheim 2000 in der Metro Online AG. Allerdings gab Körber 2002 das Online-Endkundengeschäft mit Verkauf der Primus-Online auf.

Die Pelikan AG

Beisheim selbst hatte sich seit den 80er Jahren weitere unternehmerische Ziele über die Metro hinaus gesteckt. Basis hierfür bildete die Beisheim Holding GmbH. So erwarb diese 1983 die Mehrheit am existenziell bedrohten Büro- und Schreibmaschinenhersteller Pelikan AG. Nach der Sanierung folgte 1986 ein Teilbörsengang, und nach dem Verkauf des Hardcopy-Geschäfts gab Beisheim 1996 die verbliebenen 70 % an der Pelikan Holding für 80 Mio. sfr an die malaiische Goodace Sdn Bhd. ab.

Leo Kirch

Den mit ihm gut bekannten Medienunternehmer Leo Kirch befreite er 1990 aus finanzieller Bedrängnis, indem er über die Metro-Tochter Medien-Handels AG 2.500 Filme erwarb, die er an andere TV-Sender weiterverkaufte. Beisheim unterstützte Kirch 1991 auch, als dieser über seine Privat-Fernseh-Gruppe Pro Sieben den Sender Kabel 1 gründete. Beisheim hielt an Kabel 1 anfangs 45 % und gab diese Anteile nach Stabilisierung des Senders an Pro Sieben ab.

Vermögen

1999 bezifferte Forbes Beisheim Vermögen auf umgerechnet 6,8 Mrd. US-Dollar, laut Manager Magazin waren es 2006 rund 3,4 Mrd. Euro. Das Privatvermögen Beisheims ist für Stiftungen bestimmt. Seit den 80er Jahren trat Beisheim häufig als Mäzen hervor. So erhöhte er 1993 das Stiftungskapital der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) bei Koblenz um 50 Mio. DM, weshalb diese den Zweitnamen Otto Beisheim School of Management annahm.

Soziales Engagement

Zudem finanzierte er neben Universitätsorchestern und Golfclubs insbesondere im Raum seines Zweitwohnsitzes am Tegernsee Kindergärten, Schulprojekte und Spielplätze. Allerdings zerschlugen sich dort auch einige ehrgeizige kulturelle und sportliche Projekte. Für Aufsehen sorgte 2006, dass Beisheim die Stiftung für ein Gymnasium zurückzog. Hintergrund bildete Kritik, die an der Schule hinsichtlich einer Umbenennung und hinsichtlich der Rolle Beisheims vor 1945 laut geworden war.

Auszeichnungen

Auszeichnungen: Ehrendoktor der Technischen Universität Dresden (93), Bundesverdienstkreuz (94), Bayerischer Verdienstorden (00), Ehrensenator der WHU (04), Ehrenbürger des Tegernseer Tals. Für den von Beisheim geführten Titel Professor ist die verleihende Hochschule nicht bekannt.

Familie

Beisheim und seine Frau Inge, die bis um 1970 die Schmuckabteilung der Düsseldorfer Metro geleitet hatte, waren fast 50 Jahre kinderlos verheiratet. Sie verstarb 1999. Beisheim unterhält Wohnsitze in Lugano, Paris, Rottach-Egern, in Kalifornien sowie in Baar und schätzt Rudern und Golfen. Beisheim, der 1988 Schweizer Staatsbürger wurde, war über Jahrzehnte öffentlich kaum bekannt und nahm oft unerkannt an den Hauptversammlungen seiner Firmen teil. Mit der Zahl der Stiftungen unter seinem Namen stieg seine Bekanntheit, auch wenn er die Medien weiter mied.

Doch immer wieder holte ihn die Vergangenheit ein. Zum 80. Geburtstag etwa wollte er sich für 450 Millionen Euro mit dem Beisheim Center am historisch belasteten Potsdamer Platz in Berlin ein Denkmal setzen - was neue Fragen nach seiner Nazi-Vergangenheit aufwarf. Als gegen eine ansehnliche Spende ein Gymnasium am Tegernsee nach ihm benannt werden sollte, gab es einen kleinen Aufstand. Den Ehrenring der Stadt Mülheim, wo er den ersten Metro-Markt eröffnet hatte, schlug Beisheim aus. Auch dort hatte es eine Diskussion über die SS-Zugehörigkeit gegeben.

Sechs Fakten über die Metro Group

Bedeutung

Die Metro Group ist Deutschlands größter Handelskonzern.

Aufbau

Zum Unternehmen gehören die Metro-Großhandelsmärkte, die Warenhauskette Kaufhof, die Real-Supermärkte und die Elektronikfachmärkte von Media Markt und Saturn.

Umsatz

Metro erzielte 2010 einen Nettoumsatz von 67,3 Milliarden Euro.

Gewinn

Der Gewinn des Handelskonzerns belief sich 2010 auf 936 Millionen Euro.

Filialnetz

Der Konzern verfügt über mehr als 2100 Filialen in 33 Ländern.

Mitarbeiter

Weltweit beschäftigt Metro mehr als 283.000 Mitarbeiter.

Der kinderlose Milliardär galt allerdings auch als Mäzen. Für die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar gab Beisheim 25 Millionen Euro. Zudem errichtete er gemeinsam mit seiner 1999 verstorbenen Frau Stiftungen, die sich um die Themen Ausbildung, Jugend und Gesundheit kümmern. In Metro-Kreisen hieß es immer, Beisheims Aktienpaket solle im Falle seines Todes in eine Stiftung überführt werden.

89 Jahre alt ist Beisheim geworden. Er ist bis vor wenigen Jahren noch zur Eröffnung neuer Metro-Märkte geflogen, selbst wenn die tief im Osten lagen. Seinen Hubschrauber hatte er grün-weiß lackieren lassen, damit die Polizei glaubte, er sei ein Kollege. Auf dem örtlichen Sportplatz im Tegernseer Tal herrschte eigentlich Landeverbot. Beisheim, das Schlitzohr, wusste wie man trickst.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

18.02.2013, 18:09 Uhr

Scharführer in der Leibstandarte Adolf Hitler!
Also nicht in irgendeiner Einheit der Waffen-SS.



Novaris

18.02.2013, 20:01 Uhr

Herr Beissheim war eine große Unternehmerpersönlichkeit und sicherlich allein wegen seiner Waffen-SS-Angehörigkeit kein Kriegsverbrecher.
Im übrigen war Richard von Weizsäcker - ehemaliger Bundespräsident - Scharführer der Waffen-SS und auch Walter Scheel - ehemaliger Bundespräsident - war NSDAP-Mitglied.

Hier noch zwei Zitate :
Eugen Gerstenmaier, ab 1954 Bundespräsident und im "Widerstand" sagte :
"Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt : Dass der Krieg schließlich nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde."
und
der ehemalige US-Außenminister Kissinger am 23.10.1994 in der "Welt am Sonntag" :
"Letztendlich wurde zwei Weltkriege geführt, um eine dominante Rolle Deutschlands zu verhindern."

Die Engländer sagen : Recht oder Unrecht ? mein Vaterland !

Frank3

18.02.2013, 20:16 Uhr

Wie hat er sich denn nun das Leben genommen ???

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