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14.05.2013

20:01 Uhr

Zwei deutsche Standorte

Amazon wird ganztätig bestreikt

Wer bei Amazon bestellt hat, wird nun eventuell Geduld mitbringen müssen. Beim Internet-Versandhändler wird an zwei deutschen Standorten gestreikt. Dennoch betont Amazon: Die Kunden werden rechtzeitig beliefert.

Streik vor dem Logistik-Center in Bad Hersfeld (Hessen). dpa

Streik vor dem Logistik-Center in Bad Hersfeld (Hessen).

Bad HersfeldBeim weltgrößten Internet-Versandhändler Amazon wird erstmals in Deutschland gestreikt. Am größten deutschen Standort im hessischen Bad Hersfeld beteiligten sich am Dienstag 1100 Mitarbeiter und in Leipzig 600 Teilnehmer, wie die Gewerkschaft Verdi mitteilte. Verdi hatte zu einer ganztägigen Protestaktion mit Beginn der Frühschicht ab 6.00 Uhr bis zum Ende der Spätschicht aufgerufen. Am Mittwoch soll der Arbeitsalltag zwar normal weitergehen. Weitere Streiks seien aber fest eingeplant.

Hintergrund des Ausstands ist Verdi zufolge die Forderung nach einem Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels. Diesen lehnt Amazon ab. Das Unternehmen orientiert sich an der Bezahlung der Logistikbranche. Verdi fordert Verhandlungen und rechnet nicht mit einem schnelle Einlenken von Amazon. Das Unternehmen sieht derzeit „keine gemeinsame Basis“.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Verdi-Streikleiter Heiner Reimann sagte in Bad Hersfeld: „Wir sind sehr zuversichtlich, die Betriebsabläufe empfindlich beeinträchtigen zu können.“ Verbraucher müssten damit rechnen, Bestellungen später als üblich zu erhalten. Dieser Einschätzung widersprach Amazon: „Derzeit erwarten wir keine Auswirkungen auf die Auslieferung an Kunden. Es gibt keine Verspätungen“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Das Unternehmen habe schließlich acht Logistikzentren und 9000 Beschäftigte in Deutschland. In Bad Hersfeld sind mehr als 3300, in Leipzig 2000 Menschen bei Amazon beschäftigt.

Verdi wertete den Streik als Erfolg: „Wir sind mit dem Auftakt sehr zufrieden und stellen uns auf eine längere Auseinandersetzung ein“, sagte Reimann. Wann der Streik fortgesetzt wird, ließ er offen. „Wir können das über viele Wochen durchziehen.“ Der eintägige Streik sei ein Signal an die Arbeitgeber, dass man es ernst meine, sagte Verdi-Bereichsleiter Jörg Lauenroth-Mago in Leipzig. Auch er nannte keinen neuen Streiktermin. „Von den Reaktionen der Amazon-Geschäftsführung machen wir unsere nächsten Aktionen abhängig“, sagte der Gewerkschafter.

Verdi will für die Beschäftigten ein tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Nachtarbeitszuschläge, Sonn- und Feiertagszuschläge, wie sie in der Branche üblich seien. Es sei nicht akzeptabel, dass Amazon als der größte Online-Versandhändler keiner Tarifbindung unterliege.

Kommentare (1)

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Biggi85

15.05.2013, 18:54 Uhr

Bei Amazon kann man immer im Dez. und Jan. arbeiten und Sie werden vom Arbeitsamt Bad Hersfeld, unterstützt. Einen festen Arbeitsvertrag gibt es nicht. Ach ja Ostern , hätte ich bald vergessen .

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