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13.07.2017

17:33 Uhr

Handelsblatt CFO-Kongress

Der Brexit erschwert die Planung

VonChristian Schnell

Welche Auswirkungen der Brexit haben wird, ist für Unternehmen noch immer nicht zu kalkulieren. Beim CFO-Kongress des Handelsblatts sagt Simone Menne von Boehringer Ingelheim, dass es nur eine Reaktionsmöglichkeit gebe.

Die zunehmenden politischen Unsicherheiten wirken sich auch auf die Finanzpolitik in deutschen Konzernen aus. AFP

Brexit

Die zunehmenden politischen Unsicherheiten wirken sich auch auf die Finanzpolitik in deutschen Konzernen aus.

MünchenDie Entscheidung der Briten ist vor mehr als einem Jahr gefallen, die Konsequenzen für den Rest Europas sind jedoch noch immer nicht absehbar. Gerade das macht die Planung für Finanzvorstände so schwer. „Investitionen sind bei uns schließlich auf 20 bis 30 Jahre angelegt“, berichtet Ute Wolf, Finanzchefin beim Spezialchemieunternehmen Evonik aus der Praxis.

Der zweite Tag des Handelsblatt CFO-Kongresses stand am Donnerstag ganz im Zeichen der zunehmenden politischen Unsicherheiten und ihren Auswirkungen auf die Finanzpolitik in deutschen Konzernen. Dabei ist der Chemiesektor längst nicht der einzige, der auf Jahrzehnte hinweg planen muss.

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Auf Finanzchefs sind in den vergangenen Jahren andere und vor allem größere Aufgaben zugekommen: Der moderne CFO ist Advokat, Organisationsleiter, Regelhüter und Sparringspartner des Vorstandschefs in Personalunion.

Simone Menne, Ex-CFO bei der Lufthansa und nun für die Finanzen beim Pharmahersteller Boehringer Ingelheim zuständig, sieht deshalb als einzige Möglichkeit, in Szenarien zu denken. Das gelte sowohl für die Luftfahrt als auch für die Pharmabranche.

Hoffnung darauf, dass es womöglich weniger schwierig werden könnte, nachdem die Briten bei der jüngsten Wahl der Regierung um Theresa May einen Dämpfer versetzt haben, macht Klaus-Peter Gushurst den Finanzchefs nicht. Der Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft PwC rechnet damit, dass für deutsche Firmen in der Zusammenarbeit mit Großbritannien noch fünf bis acht Jahre lang extreme Unsicherheit herrschen wird. „Die Auswirkungen sind fatal, trotzdem müssen die Unternehmen sehr schnell handlungsfähig sein“, beschreibt Gushurst den Spagat, den Praktiker bewältigen müssen. Bei den verantwortlichen Gremien in London habe er zuletzt „nackte Panik“ erkannt.

Das Programm der britischen Regierung zum Brexit

27 geplante Entwürfe

Die britische Regierung stellte im Juni ihr Programm für die kommenden zwei Jahre vor. Acht der 27 geplanten Gesetze betreffen den EU-Austritt. Die Entwürfe im Einzelnen:

Quelle: dpa

Aufhebung des EU-Rechts

Das Gesetz soll EU-Vorschriften in britisches Recht übertragen. Der Trick: Etwa 20 000 EU-Vorschriften werden in einem Schwung in nationales Recht überführt. Nach und nach können die Gesetze dann geprüft und gegebenenfalls vom Parlament verworfen werden. Die Vorschriften betreffen quasi alle Lebensbereiche von Arbeitszeiten bis hin zu Energiesparmaßnahmen.

Zölle und Steuern

Großbritannien soll nach dem Brexit ein unabhängiges Zoll- und Steuerwesen bekommen, das für zukünftige Handelsverträge angepasst werden kann. Das Gesetz soll es dem Land ermöglichen, die Einfuhr und Ausfuhr von Waren zu kontrollieren, eigene Zölle festzusetzen sowie Mehrwertsteuern und Luxussteuern zu ändern. Um Kontinuität für Unternehmen zu gewährleisten, soll das neue Gesetz aber in weiten Teilen auf bestehendem EU-Recht basieren.

Handel

Das Gesetz soll es Großbritannien ermöglichen, nach dem Brexit unabhängig Handel treiben zu können. Es soll den Status das Landes als „führende Handelsmacht“ zementieren. Britische Unternehmen sollen vor unfairen Handelspraktiken geschützt werden.

Einwanderung

Großbritannien soll die Einwanderung aus EU-Staaten selbst kontrollieren. Damit kann es die Zahl der EU-Einwanderer reduzieren, gleichzeitig aber weiterhin „die Klügsten und Besten“ aufnehmen. Dafür wird das EU-Recht zur Freizügigkeit aufgehoben. Ziel ist eine „faire und nachhaltige“ Einwanderungspolitik.

Fischerei

Großbritannien regelt den Zugang zu seinen Hoheitsgewässern selbst und kontrolliert damit seine eigene Fischereipolitik, einschließlich Fangquoten. Damit sollen Fischbestände geschützt und erhöht und die Zukunft britischer Fischer gesichert werden.

Landwirtschaft

Großbritannien schafft ein neues System zur Unterstützung der britischen Landwirtschaft und des Naturschutzes. Es soll Stabilität für britische Landwirte sichern und zu einer höheren Produktion und mehr Exporten beitragen. Die Landwirtschaft soll damit wettbewerbsfähiger werden.

Atomare Sicherheit

Mit der EU verlässt Großbritannien auch die europäische Atomgemeinschaft Euratom. Ihre Aufgaben sollen von der nationalen Atomregulierungsbehörde (Office for Nuclear Regulation) übernommen werden. Das Gesetz soll die Rolle Großbritanniens als verantwortungsvolle Atommacht bestätigen und die Atomenergie zur nationalen Stromversorgung sichern.

Internationale Sanktionen

Entscheidungen über Nicht-UN-Sanktionen werden wieder von Großbritannien selbst getroffen. Das Gesetz soll die Rolle Großbritanniens als permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrats und „Weltmacht“ stärken. Das Land soll internationale Sanktionen auf unilateraler oder multilateraler Ebene verhängen und aufheben können, um Bedrohungen durch Terrorismus, Konflikte oder die Weitergabe von Atomwaffen zu bekämpfen.

Wenig Hoffnung auf Planungssicherheit macht ebenso ein Experte mit einem anderen Blickwinkel als Gushurst. „Wir werden auch in zwei Jahren kein Freihandelsabkommen mit Großbritannien haben“, ist sich Michael Heise, Chefvolkswirt des Versicherers Allianz, sicher. In der Praxis müssen sich Finanzchefs wohl darauf einstellen, dass Verfahren, die jetzt schon stocken, ganz zum Stillstand kommen. Das befürchtet Simone Menne. In der Luftfahrt seien die Konsequenzen wegen der fehlenden Rechtssicherheit für die britischen Fluggesellschaften BA und Easyjet jetzt schon ein Desaster.

Allianz-Chefvolkswirt Heise hält in Großbritannien deshalb durchaus einen „Schneeball-Effekt“ für möglich. Falls es kein Abkommen geben sollte, dann sei in Großbritannien auch eine Rezession denkbar. „Dann ist man schnell bei null oder gar bei Minuswachstum“, warnt er.

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