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22.01.2007

13:13 Uhr

Handelsblatt-Serie

Stiften, helfen oder die Erben ärgern

VonGeorg Weishaupt

Deutsche werden zu Wohltätern für Kultur, Soziales, Bildung und Forschung – mehr als je zuvor. Das Handelsblatt stellt jeden Dienstag einen großen Stifter vor.

DÜSSELDORF. Es ist ein Ausflug der besonderen Art. Die reichsten Männer der Erde reisen nach Irland. Sie spielen Bridge, trinken Cherry Coke, reden übers Geschäft und was man mit Geld sonst noch anstellen kann – spenden zum Beispiel. So wirbt Bill Gates dafür, schon zu Lebzeiten gemeinnützige Organisationen zu unterstützen. Sein Freund Warren Buffett bleibt skeptisch.

Doch einige Jahre später, am 29. Juli 2004, ändert sich für Buffett alles. Seine Frau stirbt an einem Herzschlag. Und der gewiefte US-Investor trifft eine Entscheidung, die er im vergangenen Sommer der überraschten Weltöffentlichkeit verkündet: 32 Milliarden Dollar spendet er der Stiftung von Bill und Melinda Gates, die gegen Aids und Malaria kämpft sowie in Bildung für Arme investiert.

„Ich habe für mein Vermögen Leute gefunden, die besser sind als ich, es zu verteilen“, sagt der skurril-geniale 76-Jährige, der mit seinem Investmenthaus Berkshire Hathaway zum Superreichen aufgestiegen ist.

Seine Milliarden-Gabe ist eine Sensation, selbst im Stifter-Paradies USA: Dort verwalten mehr als 66 000 Stiftungen nach Angaben des Foundation-Centers ein Vermögen von mehr als 476 Milliarden Dollar.

Dagegen ist Deutschland mit geschätzten 70 Milliarden Euro ein Entwicklungsland. Aber es holt auf. Im vergangenen Jahr dürfte die Zahl der rechtsfähigen Stiftungen auf über 14 000 gestiegen sein. „Es gibt immer mehr Menschen, die einen Teil ihres Vermögens in Stiftungen für gemeinnützige Zwecke einbringen“, beobachtet Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin.

Die vielen neuen Wohltäter haben große Vorbilder, die das Handelsblatt ab morgen jeden Dienstag in einer Serie vorstellt: Das reicht von Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger von der alten Augsburger Fugger-Stiftung über Christof Bosch von der Stiftung des Weltkonzerns, der größten in Deutschland, bis zu Klaus Tschira, dem Mitgründer des Softwarekonzerns SAP.

Woher kommt die neue deutsche Lust, für Kultur und Soziales, Forschung und Bildung zu stiften? „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine lange Friedenszeit, in der viele Menschen Vermögen aufgebaut haben. Außerdem steigt das Bewusstsein, dass der Staat nicht alles leisten kann“, analysiert Fleisch. Er wünscht sich, dass es wieder so wird wie um 1900, als es in Deutschland 100 000 Stiftungen gab.

Auslöser sind oft Schicksalsschläge: Madeleine Schickedanz gründet 1990 eine Kinderkrebsstiftung. Weil „meine jüngste Tochter Caroline von ihrer Leukämie-Erkrankung geheilt worden war“, verrät die verschwiegene Großaktionärin von Karstadt-Quelle im Internet. Für die Stiftung bricht die Fürther Versandhauserbin sogar ein Tabu und tritt mal öffentlich in Erscheinung, auf einer Spendengala.

Andere Wohltäter nennen erzieherische Gründe. Seine Kinder sollten nicht das gesamte Vermögen erben, also nicht Mitglied „im Klub der glücklichen Spermien“ werden, formuliert es Warren Buffett flapsig. Er entspricht dem Klischee der Stifter: alt, reich und etwas verschroben. Doch dieses Bild trifft auf viele neue Wohltäter nicht mehr zu, wie die Bertelsmann-Stiftung herausfand: Fast 40 Prozent sind jünger als 60 Jahre, und ein Fünftel besitzt weniger als 250 000 Euro.

„Viele Paare ohne Kinder wollen mit einer Stiftung ihren Nachlass sichern“, beobachtet Jörg Martin, Chef der DS Deutschen Stifteragentur GmbH in Neuss, die mehr als 70 Stiftungen verwaltet. Statt ihr Geld einer gemeinnützigen Organisation zu vermachen, könnten sie das Kapital erhalten, weil nur der Ertrag ausgeschüttet wird, und über den Stiftungszweck selbst steuern, wofür der Ertrag verwendet wird. „Stiftungen können insofern die Rolle eines Wunscherben einnehmen“, sagt Nikolaus Turner, Mitglied des Beirats des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und Leiter des Arbeitskreises Bürgerstiftungen in Deutschland. Die Bandbreite reicht von der treuhänderischen Stiftung, die einfacher und preiswerter zu errichten ist, bis zur eigenen, rechtsfähigen Stiftung.

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