Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.08.2011

12:49 Uhr

Hartmut Mehdorn

Der Abgeschriebene ist zurück

VonTino Andresen, Oliver Stock

Hartmut Mehdorn entwickelte sich als Bahn-Chef zum Prügelknaben der Republik. Doch jetzt ist er wieder da - als Übergangschef der Fluggesellschaft Air Berlin. Was viele nicht wissen: Die Branche kennt er gut.

Die Zukunft von Hartmut Mehdorn: Vom Chef der Deutschen Bahn zum Chefpiloten von Air Berlin. Quelle: AFP

Die Zukunft von Hartmut Mehdorn: Vom Chef der Deutschen Bahn zum Chefpiloten von Air Berlin.

Hartmut Mehdorn ist ein harter Verhandler. Wer je mit ihm an einem Tisch gesessen hat und es ging möglicherweise um das Thema Geld, fühlte sich schnell wie auf einem mittelalterlichen Pferdemarkt. Den Ministerialbeamten jener Länder, die mit ihm um Zuschüsse für den Nahverkehr ringen durften, kennen das und können noch heute ein Lied davon singen. In Niedersachsen beispielsweise ging es vor einigen Jahren um einen Großauftrag für Leistungen im Nahverkehr, den die Bahn erhielt.

Den Gesprächswechsel gibt ein Beteiligter heute so wieder: Der Beamte: „Die Bahn erhält also einen Zuschuss von 70 Millionen.“ Mehdorn wechselt das Thema und raunt hörbar seinem Protokollanten zu: „Notieren Sie, wir kriegen 90 Millionen.“ Der Beamte hakt ein: „70 Millionen hatten wir ausgemacht.“ Mehdorn, der bereits das nächste Thema vorträgt, unterbricht, wendet sich seinem Kollegen zu: „Schreiben sie auf, wir kriegen 85 Millionen.“ Am Ende erhielt er tatsächlich mehr, als der klamme Etat des Landes eigentlich hergab.

Hartmut Mehdorns Leben im Überblick

Herkunft

Hartmut Mehdorn wurde am 31. Juli 1942 in Berlin als Sohn eines Fabrikanten geboren. Die Familie flüchtete während des Krieges nach Bayern, wo der Vater 1948 eine Fabrik für Kunststoff-Spritzgussteile gründete.

Ausbildung

Mehrdorn ging auf vier verschiedene Schulen und studierte ab 1961 in Berlin Maschinenbau. Nebenher arbeitete er im Betrieb des Vaters.

Einstieg in die Luftfahrtbranche

Mehdorn, der als Reserveoffizier der Bundesluftwaffe zum Hauptmann aufgestiegen war, begann 1965 beim Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf. Dort wirkte er an der Entwicklung eines ersten deutschen Zivil-Jets mit, die jedoch fehlschlug.

Die ersten Airbus-Jahre

Mehdorns Arbeitgeber, inzwischen unter dem Namen Vereinigte Flugtechnische Werke (VFW), war Teil des 1970 gegründeten Airbus-Konsortiums mehrerer europäischer Hersteller. Dort leitete Mehdorn ab 1974 ein Programm für die Serienfertigung der ersten Airbusse, A 300 genannt.

Karriere bei Airbus

1979 rückte Mehdorn in den Vorstand der Holding Airbus Industries in Toulouse ein, wo er Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung verantwortete. 1984 ging er zurück zu seiner alten Firma, die inzwischen Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB) hieß, wo er ab 1986 der Geschäftsführung angehörte. 1989 ging MBB in der Deutschen Aerospace AG (DASA) auf, die zum Marktführer in Deutschland wurde. Mehdorn wurde bei der DASA Geschäftsführer der deutschen Airbus GmbH und ab 1992 Vorstandmitglied.

Größter Erfolg bei Airbus

Unter Jürgen Schrempp übernahm Mehdorn bei der Deutschen Airbus GmbH (DA) das Ressort Luftfahrt. Als "leidenschaftlicher Techniker und hervorragender Organisator", wie das Munzinger-Archiv schreibt, baute Mehdorn die DA zu einer effizienten Flugzeugfabrik um - Vorraussetzung dafür, dass Teile des Airbus auch in Deutschland montiert wurden. Als Jürgen Schrempp 1995 Daimler-Chef wurde, galt Mehdorn als sein Nachfolgekandidat. Es kam aber anders...

Die Jahre bei Heideldruck

1995 wurde Mehdorn Vorstandsvorsitzender der Heidelberger Druckmaschinen AG. Diese gehörte damals zum Energiekonzern RWE, so dass Mehdorn auch dort im Vorstand saß, zuständig für Industrie-Beteiligungen. Mehdorn stärkte mit einer breiten Offensive die Position des Weltmarktführers Heideldruck durch Übernahmen und Kopperationen etwa mit Microsoft oder Kodak.

Eine Dekade bei der Bahn

1999 wurde Hartmut Mehdorn Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG (DB).Dort sanierte er zunächst den Personenverkehr und stellte dann die Logistiksparte deutlich globaler auf. 2005 verpasste er der DB eine schlankere Konzernstruktur und stellte 2008 die Weichen für den lange geplanten aber bisher gescheiterten Börsengang.

Die Bahn-Bilanz

Der Umsatz der DB wuchs unter Mehdorns Ägide von 30 Milliarden DM 1999 auf 33,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2008. Der Gewinn lag 2008 vor Steuern bei 2,48 Milliarden Euro, die Zahl der Fahrgäste mit 1,9 Milliarden so hoch wie nie. Die Präsentation dieser Rekordbilanz war allerdings eine der letzten Amtshandlungen Mehdorns.

Rücktritt bei der Bahn

Im Januar 2009 wurde eine Datenschutzaffäre der Bahn bekannt, bei der Lieferantendaten verglichen und täglich bis zu 150.000 E-Mails von Mitarbeitern überwacht wurden. Er verlor daraufhin nicht nur den Rückhalt von Gewerkschaften und Belegschaft, sondern auch den der Politik. Auf der Bilanzpressekonferenz am 30. März 2009 gab Mehdorn seinen Rücktritt bekannt. Seine Nachfolge trat am 1. Mai 2009 der bisherige Daimler-Strategie-Vorstand Rüdiger Grube an.

Beim Namen Hartmut Mehdorn denken die meisten an dessen Wirken als Chef der Deutschen Bahn von 1999 bis 2009. Da überrascht es zunächst, dass er nun als Interimschef die Fluggesellschaft Air Berlin führen soll. Doch vor seiner fast zehnjährigen Arbeit an der Spitze der Bahn hat der Maschinenbau-Ingenieur, der Ende Juli seinen 69. Geburtstag feierte, reichlich Erfahrungen in der Flugzeugindustrie gesammelt.

Bereits 1965 stieg er in der Branche ein und zwar beim Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf. Er brachte es bis in den Vorstand der Airbus-Holding in Toulouse und war dort zuständig für Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung. Bei der Deutschen Aerospace AG (Dasa), in der Daimler-Benz seine Luft- und Raumfahrtaktivitäten bündelte, war er ebenfalls Vorstandsmitglied, zuständig für das Ressort Luftfahrt, und avancierte zum Chef der Deutschen Airbus GmbH. Die Airbus-Endmontage ist heute auch deshalb teilweise in Deutschland angesiedelt, weil der hervorragende Techniker und Organisator die Voraussetzungen dafür schuf.

Führungswechsel bei Air Berlin

Video: Führungswechsel bei Air Berlin

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Mehdorn war bei der Dasa so erfolgreich, dass er phasenweise als möglicher Nachfolger für den Chef Jürgen Schrempp galt, der 1995 an die Spitze von Daimler wechselte.

Auch weil er nicht zum Zug kam, verließ Mehdorn den Konzern und wurde im Jahr von Schrempps Abschied Chef beim Traditionsunternehmen Heidelberger Druckmaschinen, das er zum Anbieter kompletter Drucksysteme formte. Unter anderem weil er dort die interne Organisation rationalisierte, empfahl er sich in den Augen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) als Chef der Deutschen Bahn.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

AndreasWestermann

18.08.2011, 14:17 Uhr

Was will ein 69 Jähriger dort? Der Typ sollte endlich in Rente gehen. Aber er ist so geil auf Geld!

Account gelöscht!

18.08.2011, 19:36 Uhr

Glaube ich nicht. Er ist halt aktiv, voller Leben und leidenschaftlich. Er mag es zu arbeiten. Vielleicht für Sie ein Vorbild?

Account gelöscht!

18.08.2011, 21:41 Uhr

Reicht es ihm noch, dass die Bahn an die Wand gefahren hat?
Und jetzt Air Berlin dran ...Unglaublich, wie unfähig sich Führungskräfte erweisen können und trotzdem noch einen Job ergattern!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×