Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.01.2014

06:52 Uhr

Hiesinger im Interview

Thyssen-Krupp-Chef gesteht taktische Fehler ein

Die größten Probleme des deutsche Stahlriesen Thyssen-Krupp sind weiterhin nicht gelöst. Im Handelsblatt-Interview gibt sich Vorstandschef Hiesinger selbstkritisch - und gelobt Besserung.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Thyssen-Krupp: Es wird Zeit zu handeln, Herr Hiesinger!

Handelsblatt in 99 Sekunden: Thyssen-Krupp: Es wird Zeit zu handeln, Herr Hiesinger!

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

EssenDie Sanierung des Industriekonzerns Thyssen-Krupp wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen. „Die Abarbeitung der Großbaustellen braucht ihre Zeit, nun schon seit zweieinhalb Jahren. Und sie wird auch noch dauern“, sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger dem Handelsblatt (Freitagausgabe). Der Konzern hatte erst vor wenigen Wochen Teile seiner zwischenzeitlich veräußerten Edelstahlsparte zurücknehmen und den Verkauf des Stahlwerkes in Brasilien zurückstellen müssen.

Auf der an heutigen Freitag in Bochum stattfindenden Hauptversammlung wird Hiesinger seinen Kurs verteidigen, aber auch eigene Fehler einräumen. „Wir selber würden uns wünschen, dass wir diese Großbaustellen auf einen Schlag gelöst hätten.“ Ein Unternehmen zu führen sei aber kein Wunschkonzert. „Wir müssen diese Themen Stück für Stück abarbeiten, die Risiken für Thyssen-Krupp minimieren und dürfen dabei keinen wirtschaftlichen Unsinn machen“, sagte der Vorstandschef.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

In Bezug auf den vorerst gescheiterten Verkauf des brasilianischen Stahlwerks sagte der Manager: „Sicherlich war es ein taktischer Fehler, den Verkauf des Stahlwerks bis zum vergangenen Mai angekündigt zu haben“. Nach Einschätzung von Investmentbankern führte diese im Januar 2013 vorgenommene Ankündigung bei Interessenten zu dem Versuch, den Kauf deutlich zu drücken - in der Annahme, dass Thyssen-Krupp unter Zeitdruck handelt. Hiesinger erklärt jedoch, „wir haben uns nicht erpressen lassen“. Dass Thyssen-Krupp den Termin im Mai habe verstreichen lassen, sei „für den Verkaufsprozess zudem sehr heilsam gewesen“, sagte er.

In dem Interview bestätigte Hiesinger Überlegungen für eine Erweiterung des Konzernvorstands von drei auf vier Mitglieder. „Hilfreich wäre ein neuer Vorstand im Bereich Legal und Compliance.“ Denn Compliance, also die Einhaltung von Gesetzen und internen Richtlininien, bleibe eine wichtige Zukunftsaufgabe.

Thyssen-Krupp war in den vergangenen Jahren wiederholt für seine Beteiligung an Kartellen und Schmiergeldzahlungen in die Schlagzeilen geraten.

Lesen Sie das komplette Interview mit Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Von

mur

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Emil

17.01.2014, 09:00 Uhr

Spätestens jetzt ist klar, warum Cromme seinerzeit Hiesinger zu ThyssenKrupp geholt hat: Hiesinger ist ein ähnlicher Schönschwätzer vor dem Herrn. Der Nichtverkauf des brasilianischen Stahlwerks? "Die bessere Lösung." Das Desaster um Outokumpu? "Da ist nichts schiefgegangen." Der Schwabe redet sich bei TK alles schön - so wie Mappus bis heute den EnBW-Deal. Hiesinger weiterhin ein Hoffnungsträger? Eher einer der weiteren Totengräber in Essen.

Account gelöscht!

17.01.2014, 11:45 Uhr

Nun verweilt der Hr. Hiesinger schon einige Zeit bei TK. Außer einer Bestandsaufnahme ist aber offenkundig nichts gelaufen - doch das quasi Verschenken des amerikan. Stahlwerkes.
Das kann auch ein dressierter Affe.

Abbaya

17.01.2014, 12:18 Uhr

Um beim Tierreich zu bleiben. Einem Elefanten die Richtungsänderung beizubringen dürfte schwerer sein, als einem Affen den "Vogelzeig" zu lehren. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme und Analyse dürfte für einen Strategen ratsamer sein, um eine gravierende Entscheidung zu treffen; statt übereilt Entschlusse zu fassen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×