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27.01.2006

19:00 Uhr

HVB

Wolfgang Sprißler: Der Meister der Grundrechenarten

VonFrank Wiebe

Viele hatten Wolfgang Sprißler schon abgeschrieben. Mit seinen 60 Jahren schien er ein klarer Fall für den Ruhestand zu sein, nachdem die italienische Unicredito die Hypo-Vereinsbank (HVB) übernommen hatten, bei der er jahrelang Finanzvorstand war. Doch dann wurde Sprißler Bankchef – zwar unter italienischer Oberhoheit, aber immerhin. Und jetzt holten ihn die Italiener auch noch ins Management-Komitee, den obersten Führungszirkel.

Hat arbeitsreiche Jahre vor sich: Hypo-Vereinsbank-Chef Wolfgang Sprißler.

Hat arbeitsreiche Jahre vor sich: Hypo-Vereinsbank-Chef Wolfgang Sprißler.

HB DÜSSELDORF. Andere, jüngere Manager verabschiedeten sich mehr oder minder freiwillig, auch ein Star der Szene wie Christine Licci, der viele das Amt der Deutschlandchefin zugetraut hätten. Sprissler dagegen bleibt und steigt sogar auf. Aus Pflichtgefühl oder aus Ehrgeiz? Beides war im Spiel, das sagt er jedenfalls selbst: „Trotz aller Nebengeräusche“ habe es ihn gereizt, „mitzuarbeiten am Aufbau der ersten wirklich europäischen Bank“. Aber er habe auch „die 25 000 Mitarbeiter nicht im Stich lassen“ wollen. Und mit Blick auf jüngere Kollegen mit weniger Allround-Erfahrung dachte er: „Menschenskind, wie soll das gehen?“ Also sagte er zu, als die Italiener ihn fragten.

Ein später Karrierespurt für diesen großen, schlaksigen Mann, der nie allzu viel Wirbel um sich gemacht hat – noch heute geht er gerne in der Kantine essen. Ein Banker, dessen Sprache auch in München die Herkunft aus Tübingen nicht verleugnete. Ein Mann, der manchmal linkisch wirkt mit seinen überlangen Armen und Beinen, die er allerdings sehr effektiv beim Tischtennis einzusetzen weiß. Ein Analytiker, der bei jedem Geschäft gleich die Bilanzposition vor Augen hat. Ein Finanzexperte, den ein ehemaliger Vorstandskollege als sehr umgänglich, aber wenig charismatisch in Erinnerung behalten hat.

Ein Manager aber auch, hinter dessen gefurchter Stirn sich eine gute Portion Bauernschläue verbirgt. Er beherrscht die Tricks der Bilanzierung ebenso wie die Kniffe des Nahkampfs im Büro. Seine Taktik bei internen Besprechungen formulierte er einmal so: „Wir müssen immer sehen, dass einer aus unserer Abteilung Protokoll führt. Dann können wir beeinflussen, was drin steht – die meisten Leute erinnern sich nicht so genau, was sie gesagt haben.“

In seiner Zeit als Finanzvorstand hatte Sprißler wenig Gelegenheit, sein Image zu polieren. Er kam in den Vorstand der Bayerischen Vereinsbank, die im wesentlich konservativ und gesund war. Das Problem für den Bilanzmann bestand hier eher darin, Gewinne zu verstecken. Dann folgte die Fusion mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank – daraus entstand 1998 die heutige HVB. Danach wurde der Job sehr ungemütlich. Nach und nach kamen Milliardenprobleme ans Licht.

Warum hat er so lange nichts bemerkt? Wieso tauchten immer neue Löcher in der Bilanz auf? Keine angenehmen Fragen für einen ausgewiesenen Rechnungslegungsexperten. Sprißler macht im Nachhinein auch den schwachen Immobilienmarkt für die Misere verantwortlich. „Unser Fehler war zu sagen: Jetzt ist alles erledigt“, erklärt er. „Wir hätten sagen sollen: Nach heutigem Stand sind die Probleme ausgestanden. Aber wenn der Markt weiter heruntergeht, wird es noch einmal genauso schlimm.“ Mit „wir“ meint er seinen damaligen Chef Dieter Rampl und sich. Und er fügt hinzu: „Wir wissen, wie das nach außen gewirkt hat.“

Sprißler hat in den nächsten Jahren zwei Aufgaben. Er muss seine Bank führen. Und er muss den Italienern erklären, wie das deutsche Geschäft funktioniert. Vor allem der zweite Teil des Jobs gilt als schwierig. Denn in Italien sprudeln die Gewinne üppiger als hierzulande, die Kunden sind höhere Gebühren und Zinsmargen gewöhnt.

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