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05.01.2005

18:19 Uhr

Im Elfenbeinturm der Gleichgewichtstheorie

Wirtschafts-Nobelpreisträger Gerard Debreu ist tot

VonPetra Schwarz (Düsseldorf)

Im Alter von 83 Jahren verstarb zu Silvester der Wirtschaftsnobelpreisträger Gérard Debreu. Das teilte seine Familie in Paris mit. Debreu war 1950 aus Frankreich in die USA ausgewandert und lehrte in Berkeley Ökonomie und Mathematik.

Gerard Debreu (1921-2004)

Gerard Debreu (1921-2004)

HB DÜSSELDORF.1983 erhielt er den Nobelpreis für seine Analyse des wirtschaftlichen Gleichgewichts – die er bereits 1959 in seinem Buch „Theory of Value“ veröffentlicht hatte. Darin zeigt der Theoretiker, dass in einer freien, nicht regulierten Volkswirtschaft Angebot und Nachfrage durch die Bildung von Preisen ins Gleichgewicht finden. Mit dieser Frage hatte sich vor 200 Jahren bereits Adam Smith beschäftigt, vor 100 Jahren dann Nationalökonomen wie Léon Walras. Allerdings gelang erst Debreu der exakte wissenschaftliche Nachweis. Zusätzlich zeigte er, dass ein Marktgleichgewicht nicht nur effizient, sondern zugleich ansatzweise gerecht ist, da ein „Pareto-Optimum“ erreicht wird. In diesem Zustand, hatte der Ökonom Vilfredo Pareto definiert, kann kein Individuum mehr durch Tausch besser gestellt werden, ohne dass sich dadurch gleichzeitig die Position eines anderen verschlechtert.

Debreus Modelle sind allesamt sehr abstrakt, ein Tummelplatz mathematischer Formeln, den nicht jedermann durchdringt. Das störte ihn allerdings kaum: „Die Mathematik ist eine Sprache, die nur die Ökonomen verstehen, die den richtigen Schlüssel besitzen“, schrieb Debreu in dem 1991 in der Fachzeitung „American Economic Review“ erschienen Aufsatz „The Mathematization of Economic Theory“.

Aus seiner Sicht hat die Mathematik eindeutig zum Fortschritt in der ökonomischen Theorie beigetragen. Formeln und Gleichungen erlaubten es, Theorien effizient nach logischen Fehlern zu überprüfen. Es sei sinnvoll, eine Art Säuretest durchzuführen, der alle ökonomischen Interpretationen entfernt und die mathematische Struktur allein stehen lässt, sagte Debreu. Allerdings könne dieser Test nicht verhindern, dass auch konfuse Ideen oder vage Konzepte in Formeln gegossen werden, kritisierte Nobelpreisträger George Stigler von der Uni Chicago. Kritiker vermissen bei Debreus Modellen den Bezug zur Realität. Tatsächlich basiert die Gleichgewichtstheorie auf einer Reihe von wirklichkeitsfernen Axiomen, beispielsweise, dass alle Marktteilnehmer jederzeit über alle relevanten Information verfügen und dass vollkommene Konkurrenz herrscht. Tatsächlich aber gibt es durchaus Situationen, in denen der freie Markt versagt und der Staat regulierend eingreifen sollte. Zum Beispiel, wenn sich Monopole bilden.

Debreu wollte sich nie von einer der beiden großen ökonomischen Denkrichtungen – Keynesianer auf der einen, Monetaristen auf der anderen – vereinnahmen lassen. Er widmete sich völlig losgelöst von tagesaktuellen Ereignissen der Theorie. An den Wochenenden wanderte der Vater zweier Töchter oft meilenweit durch die Wildnis von Point Reyes National Seashore im Norden von San Francisco.

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