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17.08.2015

11:55 Uhr

Imtech-Insolvenz

Chronik eines beispiellosen Absturzes

VonSönke Iwersen, Massimo Bognanni

600 Millionen Euro nahm Royal Imtech vor zehn Monaten am Kapitalmarkt auf. Jetzt ist das Unternehmen an der Börse noch 15 Millionen Euro wert. Die Commerzbank steht mit ihren Anteilen kurz vor einem Totalverlust.

Die deutsche Tochter des niederländischen Gebäudetechnik-Anbieters und Ausrüsters des neuen Hauptstadtflughafens BER, Imtech, hat einen Insolvenzantrag gestellt. dpa

Imtech-Zentrale in Hamburg

Die deutsche Tochter des niederländischen Gebäudetechnik-Anbieters und Ausrüsters des neuen Hauptstadtflughafens BER, Imtech, hat einen Insolvenzantrag gestellt.

So einen Fall hat es schon seit langem nicht mehr gegeben. Der einst hoch angesehene Baukonzern Imtech, der auf eine Geschichte von mehr als 150 Jahren zurückblicken kann, zerfällt in seine Einzelteile. Zerfressen von jahrelanger Korruption und Missmanagement brach das Unternehmen zuletzt innerhalb von nur 14 Tagen vollkommen zusammen. Sowohl die deutsche Tochter als auch die niederländische Mutter haben Insolvenz angemeldet.

Der Name Imtech steht für Prestige-Bauten in ganz Europa, ja der ganzen Welt. Wer Kraftwerke, Stadien, Flughäfen oder seine eigene Konzernzentrale bauen wollte, setzte für viele Ingenieursleistungen auf Imtech. Die Deutsche Bank, Sony, Audi, RWE – die Liste der internationalen Top-Auftraggeber war lang.

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Der holländische Gebäudeausrüster Imtech baut an vielen Prestigeprojekten mit, etwa am Berliner Großflughafen. Nun hat es nach der deutschen Tochter auch den Mutterkonzern erwischt. Es drohen heftige Folgeschäden.

All das ist nun vorbei. Imtech hat Insolvenz angemeldet und wird zerschlagen. Am Montag war das Unternehmen, das zuletzt mit 22.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von vier Milliarden Euro erreichte, an der Börse noch ganze 15 Millionen Euro wert. Einen der empfindlichsten Verluste erlitt die Commerzbank. Sie zeichnete im Oktober Imtech-Aktien für 70,8 Millionen Euro. Aktuell ist das Paket noch ganze 1,7 Millionen Euro wert – 97 Prozent weniger.

Das Handelsblatt hat den Niedergang von Imtech eng begleitet. Schon zwei Jahre vor dem Ausbruch der Krise 2013 erschien der erste große Bericht zu den Geschäftsmethoden, die bei Imtech üblich waren. Dann folgten zahlreiche Hintergrundartikel. 2014 lösten Recherchen des Handelsblattes unter anderem Ermittlungen des Bundeskartellamtes und der Staatsanwaltschaft München aus, 2015 belastete ein Bericht erstmals die holländische Führung in der Affäre, die bis dahin nur dem deutschen Management zugeschrieben worden war.

Imtech wird die Insolvenzverwalter, das Bundeskartellamt und mehrere Staatsanwaltschaft noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Auch das Handelsblatt wird weiter berichten. Die bisherige Chronik des Niedergangs liest sich so:

24. Februar 2011 – Die dunklen Schatten der Türme
Das Handelsblatt berichtet von Korruption beim Projekt Blue von Imtech. Es handelt sich um den Umbau der Zwillingstürme der Deutschen Bank.

Ende Februar 2011
Imtech beauftragt einen externen Experten für Wirtschaftskriminalität mit der Untersuchung der Vorgänge, die das Handelsblatt beschreibt. Sein Bericht wird später vertuscht.

4. Februar 2013
Imtech informiert die Öffentlichkeit über mögliche Unregelmäßigkeiten und verschiebt die Vorlage der Bilanz. Der Aktienkurs stürzt um 45 Prozent.

6. Februar 2013
Der Deutschlandchef, sein Finanzchef und sein Chef-Controller werden entlassen.

23. April 2013
Imtech gibt eine Restrukturierung bekannt. 1300 Jobs werden gestrichen. Die Kosten hierfür sollen bei 80 Millionen Euro liegen. Die Abschreibungen in Deutschland erhöhen sich auf 220 Millionen Euro.

Imtech und der BER – Sorgen um Flughafenprojekt

Der Termin, der wackelt – schon wieder

Der neue Hauptstadtflughafen gleicht einem taumelnden Boxer: Kaum hat er sich aufgerappelt, setzt es den nächsten Schlag. Ein paar Monate schien es, als gäbe es für das Krisenprojekt einen guten Plan, der nur noch abgearbeitet werden muss. Jetzt trifft die Pleite der wichtigen Baufirma Imtech die Baustelle wie einen Boxer die rechte Gerade. Die Verantwortlichen sind besorgt. Und alle fragen sich, ob die für 2017 geplante Eröffnung abgesagt werden muss – es wäre das fünfte Mal.

Welche Arbeiten erledigt Imtech in Schönefeld?

Der Gebäudetechnikausstatter arbeitet neben anderen wie Siemens an der Brandschutzanlage, deren unzureichendes Zusammenspiel neben schweren Mängeln seit Jahren den Flughafenstart verzögert. Mit dem Partner Caverion unterteilt Imtech etwa den zu großen Anlageabschnitt im zentralen Terminal, damit das „Monster“ (Flughafengesellschaft) beherrschbar wird. Imtech kümmert sich auch um Stromversorgung, Heizung, Sanitär und Lüftung. „Sanierung im Bestand“, hat Technikchef Jörg Marks das genannt, was momentan im Terminal läuft.

Lief die Arbeit immer reibungslos?

Nein. Projektbeteiligte berichten im Berliner Untersuchungsausschuss immer wieder von Schönrednerei und von Baufirmen, die machen was sie wollen. Einige Vorwürfe trafen auch Imtech. Die Firma soll mitunter monatelang mehr Bauarbeiter abgerechnet haben als tatsächlich im Terminal am Werk waren, kritisierte einer der Architekten.

Imtech habe mehr als 300 Millionen Euro vom Flughafen erhalten, teils aber ohne Gegenleistung, berichtete ein anonymer Hinweisgeber, der einen mutmaßlichen Bestechungsfall aufdeckte. Das Unternehmen soll einen leitenden Mitarbeiter des Flughafens bestochen haben, damit die Betreiber 65 Millionen Euro überweisen, ohne dass entsprechende Nachforderungen geprüft werden. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen die Verdächtigen nahezu abgeschlossen, der Flughafen-Mitarbeiter sitzt seit Mai in U-Haft.

Warum hat der Flughafen Imtech nicht rausgeworfen?

Die Verantwortlichen fürchteten, Zeit und Wissen zu verlieren. Imtech galt ihnen als „Schlüsselfirma“ für das Projekt. „Es gab den Glauben, dass in der Sekunde, wo die abziehen, was sie auf der Baustelle haben, der Termin tot ist“, sagte der frühere Technikchef Horst Amann einmal mit Blick auf den einst angestrebten Starttermin Oktober 2013.

Wie kam es zur Insolvenz?

Die deutsche Imtech-Tochter war in den vergangenen Jahren durch erhebliche Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Nach Konzernangaben hatte sie über Jahre Umsätze ausgewiesen, die es nicht gab. Das führte zu höheren Boni für die Führungsetage. Dann folgten millionenschwere Abschreibungen und Stellenstreichungen. Das neue Management konnte die Gesellschaft offensichtlich nicht aus der Schieflage befreien.

Welche Folgen hat das für den Flughafen?

Das wird wohl erst in den nächsten Tagen deutlich. „Maximale Unterstützung“ habe der Chef der deutschen Imtech, Felix Colsman, dem Flughafen zugesagt, heißt es. Doch wie viel ist die Zusage wert, wenn das Gehalt der Imtech-Leute nur bis Oktober gesichert ist? Die ersten erschienen schon am Freitag nicht mehr zur Arbeit. Der Insolvenzverwalter muss entscheiden, welche Aktivitäten des Großunternehmens mit 4000 Beschäftigten er am Laufen halten kann.

Kippt damit schon wieder der Eröffnungstermin?

Das ist nicht ausgeschlossen. Noch ist geplant, im zweiten Halbjahr 2017 an den Start zu gehen - mit sechs Jahren Verspätung. Die Situation jetzt erinnert an den Sommer 2010, als der Flughafen den ersten Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschob - unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma.

„Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen auf der BER-Baustelle“, sagt Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Im fliegenden Galopp die Pferde zu wechseln, bringt Großprojekte in der Regel aus dem Tritt. Und der Zeitplan ist ohnehin angespannt. Erst am Donnerstag hatte Mühlenfeld die Planungs- und Baufirmen zu mehr Engagement aufgefordert, weil man einigen wichtigen Zwischenterminen hinterherhinke.

18. Juni 2013
Imtech legt einen Ermittlungsbericht von externen Beratern vor. Der Konzern sei Opfer von betrügerischen Handlungen in seiner deutschen und seiner polnischen Tochtergesellschaft geworden.

27. Juni 2013 –  Imtech vom eigenen Management ausgeraubt (zum Artikel hier klicken)
Das Handelsblatt berichtet auf drei Seiten über Korruption Scheingeschäfte, gefälschte Unterlagen und Führungschaos bei Imtech. Der Bericht zeigt auch, dass Imtech schon 2011 gewarnt war.

4. Juli 2013
Imtech startet eine Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro.

20. September 2013 – Der Verrat des Enkels
Das Handelsblatt berichtet von weiteren Tätern im Imtech-Skandal. Das Unternehmen sei nicht nur von seinem gefeuerten Deutschland-Chef Klaus Betz ausgeweidet worden, sondern auch von dessen Vorgänger Jörg Gerhard Schiele.

Kommentare (8)

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Herr Jürgen Dannenberg

17.08.2015, 12:21 Uhr

Nur 70,8 Millionen Euro.Das sind ja richtige Penuts im Vergleich zu dem was die Griechenland Abschreibungen bisher der Bank gekostet haben.

Herr Fritz Yoski

17.08.2015, 12:22 Uhr

"Die Commerzbank steht mit ihren Anteilen kurz vor einem Totalverlust."
Wieso Commerzbank? Da darf doch bestimmt mal wieder der Steuer-Michel zur Rettung anruecken, oder?

Herr Wolfgang Rueckert

17.08.2015, 13:03 Uhr

Auch auf die Gefahr hin, das der Kommentar gesperrt wird, eine Frage:
Kommt mir das nur so vor, oder taucht der Name "Commerzbank" tatsächlich immer in Zusammenhang mit Totalverlusten auf: Sub-Prime, Griechenland, Detroit, etc ...

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