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08.05.2011

11:50 Uhr

125 Jahre

Coca Cola ist die verflüssigte Seele Amerikas

VonWolfgang Reuter

Heute vor 125 Jahren stand Coca Cola zum ersten Mal in einem Laden. Über Jahrzehnte ist die Brause zum Inbegriff eines westlichen Lebensstils geworden. Der aber ändert sich – die Gefahren erfolgreichen Marketings.

Er ist der erfolgreichste Apotheker der Weltgeschichte. Sein Name aber ist weitgehend unbekannt: John S. Pemberton. Am 8. Mai vor 125 Jahren mixte er einen Sirup, dessen Rezept bis heute geheim ist. Nur so viel ist klar: Zucker war reichlich drin, auch Karamell – und Extrakte aus der Coca-Pflanze und der Cola-Nuss. Den Namen des damit zusammengebrauten Produkts aber hat auf Erden jeder schon einmal gehört: Coca-Cola. Und das nicht nur, weil die klebrige Flüssigkeit eigentlich ganz gut schmeckt.

Überspitzt ausgedrückt ist Coca-Cola kein Limonadenhersteller, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern eine gigantische Marketing-Maschine, die enorme Erfolge vorzuweisen hat: Coca-Cola hat nicht nur den Archetyp des Weihnachtsmanns im kollektiven Gedächtnis der Christenheit verändert, sondern es auch geschafft, die schwarze Brause zu einem weltpolitischen Symbol zu stilisieren.

Die Rezepte dafür sind keineswegs geheim: Schon in den ersten Jahren bemühte sich das Unternehmen um einen einheitlichen Auftritt, beispielsweise mit der kultigen, einer Tiffany-Vase nachempfundenen Flasche. Der Konzern setzte zudem auf Sport, Spiel und Spaß und auf Gemeinsamkeit – in legendären Kampagnen mit stets einfachen Botschaften: „Come together“ etwa oder „Mach mal Pause“.

Coca-Cola war schon früh ein Lebensgefühl, ein Synonym für Lockerheit und Freiheit, und zunehmend auch für den „american way of life“. Die Bande zwischen der Brause und ihrem Herkunftsland wurde immer enger, beispielsweise als der damalige US-Präsident Robert Woodruff verfügte, dass jeder Mann in US-Uniform eine Coca-Cola für fünf Cent bekommt, „wo auch immer er sich befindet, und was immer es kostet“. Über die Jahrzehnte wurde Coca-Cola so zu dem, was es noch heute ist: das Blut Amerikas, die verflüssigte Seele einer Nation. Es ist das Getränk des amerikanischen Jahrhunderts und seiner Werte. Kein anderes Produkt steht so eindeutig für Freiheit und Kapitalismus wie die Brause aus Atlanta.

Die Wahrheit über Coca-Cola

Unglaubliche Mengen

Kein Wunder: Jedes Jahr werden auf der Welt 145 Milliarden Liter Cola-Produkte getrunken. Das entspricht der Menge an Kraftstoff, die der Ölriese Shell verkauft, oder der doppelten Menge an Abwässern, die die Stadt Düsseldorf jährlich produziert (inklusive Regenwasser).

Die Zähne

Cola-Junkies erkennt man am Gebiss. Das Getränk gehört zum Schlimmsten, was man seinen Zähnen antun kann. In einem Liter sind 106 Gramm Zucker, so viel wie 35 Würfel.

Warum Zähneputzen nichts hilft

Der Anteil an Phosphorsäure macht alles schlimmer, denn die Substanz greift die Zähne an. Putzen hilft kaum, vor allem nicht direkt nach dem Genuss. Denn dann ist der Zahnschmelz schwach, die Bürste schabt ihn ab, Karies hat freie Bahn.

Wer wie viel trinkt

Deutsche trinken jährlich 40 Liter davon, Amerikaner 200 Liter.

Legendenbildung

In 125 Jahren, die das Getränk auf dem Buckel hat, ist ein wahrer Katalog an Märchen, Legenden und Fabeln entstanden, vom physikalischen Unsinn bis zur Verschwörungstheorie. Angesichts des gewaltigen Ausstoßes und der großen, mit Koffein und Zucker aufgeputschten Zielgruppe ist klar, dass nicht alles stimmt, was über Cola kursiert.

Zersetzt Cola Fleisch?

Quatsch ist zum Beispiel, dass die Brühe in der Lage sei, Fleisch zu zersetzen – und also auch die Magenwand auflöst. Zahlreiche Experimente von interessierten Nutzern haben gezeigt, dass selbst nach nächtelangem Einlegen das Fleisch noch da ist. Wenn auch weniger appetitlich als vor der Behandlung (aufgedunsen und grau).

Explosive Mischung

Richtig ist hingegen, dass Mentos und Cola eine explosive Mischung machen. Auch hier haben geschätzte zehn Millionen Versuche mit anschließender Sauerei eine klare Kausalität offen gelegt: Schmeißt man Mentos rein, schießt Cola raus. Allerdings handelt es sich weniger um einen chemischen, als vielmehr einen physikalischen Prozess. An der runden Oberfläche des Kaubonbons lagert sich Kohlensäure ab, bis die Fontäne spritzt (mit Cola Light funktioniert’s besser, weil mehr Kohlensäure drin ist).

Schwache Knochen

Es stimmt auch, dass Cola die Knochen schwächt. Manche sagen, es liegt am Phosphat, andere sagen, es liegt am Koffein. Eine Studie der Uni Harvard hat gezeigt, dass Sportlerinnen sich fünfmal so oft die Knochen brechen, wenn sie viel Cola trinken. Auch in Zukunft wird Coca-Cola also nicht nur das Geschäft der Zahnärzte, sondern auch der Orthopäden fördern. Experten von Goldman Sachs rechnen jedenfalls mit weiter wachsenden Geschäften des Konzerns. Cola-Junkies wird's freuen.

Für die kommunistische Welt war der Softdrink deshalb ein kontrarevolutionäres Statement. Doch die Sehnsucht der Menschen im Ostblock nach dem Produkt des Westens und nach allem, wofür es steht, sie war stärker als jede Ideologie. In der DDR etwa versuchte die SED ein Nachahmerprodukt zu etablieren: Club-Cola wurde ab 1967 im Getränkekombinat Berlin abgefüllt. An den Mythos des „Originals“ des „real thing“, auch das übrigens ein Werbeslogan aus Atlanta, kam das real-existierende sozialistische Erfrischungsgetränk nie heran. In Nordkorea, Myanmar sowie auf Kuba wird Coca-Cola bis heute offiziell nicht verkauft.

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