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04.02.2015

12:26 Uhr

15 Jahre Mannesmann-Übernahme

Wie der „Haifisch“ das „Hirn“ besiegte

VonFranz Hubik

Für 180 Milliarden Euro hat Vodafone im Jahr 2000 Mannesmann geschluckt. Die bis heute teuerste Übernahme riss ein wesentliches Stück aus der Deutschland AG. Zeitzeugen über einen Deal, der Deutschland durchschüttelte.

Am 4. Februar 2000 stimmte der Mannesmann-Aufsichtsrat der Übernahme durch Vodafone zu. 15 Jahre später ist vom Traditionskonzern kaum etwas übrig. ap

Am 4. Februar 2000 stimmte der Mannesmann-Aufsichtsrat der Übernahme durch Vodafone zu. 15 Jahre später ist vom Traditionskonzern kaum etwas übrig.

DüsseldorfAls das personifizierte Böse kann Chris Gent schlecht den Haupteingang nehmen. Das würde zu viel Aufsehen erregen. Und die Öffentlichkeit soll nichts von der heiklen Mission des Briten mitbekommen. Also wählt der Vodafone-Chef den heimlichen Weg über die Tiefgarage, um im November 1999 die Düsseldorfer Staatskanzlei zu betreten. Wenige Tage zuvor hatte es Gent gewagt, ein Übernahmeangebot für die Industrieikone Mannesmann abzugeben - ein Affront. Der geballte Zorn der Öffentlichkeit richtet sich gegen ihn. Und Gent weiß: Gegen den Protest der Politik ist der Deal kaum zu stemmen.

Im 11. Stock des gerade errichteten gläsernen Stadttors trifft der Vodafone-Chef deshalb auf Wolfgang Clement, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. „Ich war sehr aufgewühlt und stand voll hinter Mannesmann“, erinnert sich Clement an den hochkarätigen Besuch. Zur Überraschung des SPD-Politikers ist der Mann, den die Bild-Zeitung abschätzig „Haifisch“ nennt, aber keineswegs auf Klassenkampf gepolt. Im Gegenteil: Gent versichert, es werde keinen Wegfall von Arbeitsplätzen in der Region geben. Clement ist beruhigt. Auch weil er davon ausgeht, dass Mannesmann – 23 Milliarden Euro Umsatz, 130.000 Mitarbeiter weltweit und im Dax börsennotiert – in der Übernahmeschlacht die Oberhand behalten wird. Ein Irrglaube.

Keine drei Monate später, am 4. Februar 2000, stimmt der Aufsichtsrat von Mannesmann der Übernahme durch Vodafone zu. Das was niemand für möglich gehalten hatte, wird plötzlich Realität. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kauft ein Investor gegen den Willen der Führungsgremien ein deutsches Unternehmen. Mit einem Volumen von 180 Milliarden Euro ist es bis heute weltweit der größte Deal überhaupt.

Außergewöhnlich an dem Untergang der Marke Mannesmann ist aber nicht nur die Rekordsumme des Deals, sondern auch, dass dem Konzernkonglomerat mit so klingenden Namen wie Röhrenwerke, der Waffenschmiede Krauss-Maffei oder den Luxusuhren-Herstellern Jaeger-LeCoultre sowie Lange&Söhne, schlussendlich der eigene Erfolg zum Verhängnis wird.

1890 von den beiden Brüdern Max und Reinhard Mannesmann gegründet, entwickelt sich das Unternehmen bald zu einem der größten Industriekonzerne Deutschlands. Quelle des Erfolgs: Nahtlose Stahlrohre, die besonders hohem Druck standhalten können. Anfang des 20. Jahrhunderts revolutioniert Mannesmann damit den Bau von Öl- und Gaspipelines und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten beim Maschinen- und Anlagenbau.

Kommentare (3)

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Herr Karl Reinhard Koenen

04.02.2015, 13:43 Uhr

Wieder mal eine traurige Erinnerung an den wohl groessten Industrie-Skandals Deutschlands, wobei die Frage nach "Wirtschaftsvergehen oder Inkompetenz" wohl nur zum Teil beantwortet ist und wohl für immer ungeklärt bleiben wird.
Als 25-jähriger Mitarbeier im "Geschäftsfeld" MANNESMANN-DEMAG bedaure ich natürlich, dass Herr Hubik auf diesen Teil der Geschichte, der ebenfalls und ganz besonder ein trauriges Kapitel ist, mit keinem Wort eingegangen ist.
Es solte doch nicht vergessen werden, dass die Mannesmann-Spitze mit diesem "Coup" auch einen der grössten und angesehendsten Maschinenbaukonzerne gleich mit zertrümmert hat, wenngleich auch im Falle DEMAG viele Teilbereiche unter fremder Herrschaft überlebt haben, was dann auch für die hohe Qualtität des Geschäftsfeldes DEMAG immer noch Zeugnis ablegt. 25 Jahre DEMAG, überwiegend im Vertieb des Geschäftsbereiches Hüttentechnik, haben mich geprägt und halte ich gerne in hoher Erinnerung.
Mit freundlichen Grüssen von einem der überlebenden "Demagogen" aus Brasilien!

Herr C. Falk

04.02.2015, 14:38 Uhr

Ich selber hatte am 30. Juli 1965 als 14-Jähriger einmal das Vergnügen einen Blick aus einer Direktionsetage des Mannesmann-Hochhauses nach draußen zu werfen.

Anläßlich dieses Besuches "verehrte" mir der Direktor H.S. ein Freund unserer
Familie ein Buch mit einer Widmung "Ruthhild Brandt-Mannesmann, Max Mannesmann, Reinhardt Mannesmann".


Der Beginn des Vorwortes lautet: "In dem Haus, das Reinhadt Mannesmann sen., in Remscheid-Bliedinghausen gebaut hatte wuchs ich auf. Wir Kinder hörten viele Geschichten aus der zahlreichen Familie, denn mein Großvater hatte sechs Söhne und fünf Töchter,.er starb lange vor meiner Geburt. Sein ältester Sohn Reinhardt war mein Vater. Er und sein Bruder Max efanden das nahtlose Rohr. Die ersten Probestücke dieser Erfindung, die heute im Heimatmuseum von Remscheid sind, lagen im Keller unseres Hauses. Sie interessierten uns Kinder nicht...

Das reich illustrierte Buch endet "Und sie trugen einen Toten aus dem Haus"
Bergischer Totenspruch..

Veröffentlich im Oktober 1964

real. ist

04.02.2015, 14:38 Uhr

Habt ihr aus dem Artikel noch etwas anderes herausgelesen?

Der versuchte Schulterschluss mit den Franzosen, die Bitte um Hilfe, die von Frankreich kalt abgelehnt wurde und sicherlich haben sie es dort genussvoller Häme beobachtet , wie eine deutsche Industrieikone zerrissen wurde.

Die "deutsch-französische Freundschaft" - über dies und vielerlei Unsinn mehr, der uns täglich durch die Presse ins Hirn geschlagen wird, kann man schon erhebliche Kopfschmerzen bekommen.

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