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20.11.2011

15:10 Uhr

200. Firmenjubiläum

Krupp setzt auf traditionelle Werte

Selbstkritisch feiert der Stahlkonzern Krupp seinen 200. Geburtstag. Aus allen Festreden sticht das Lob für den sozialen Umgang der Firma mit ihren „Kruppianern“ heraus - ein Modell in Zeiten der Profitmaximierung?

Ein Arbeiter schweißt bei der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH (HKM) in Duisburg an einer Stütze. dapd

Ein Arbeiter schweißt bei der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH (HKM) in Duisburg an einer Stütze.

EssenDeutschlands lange Zeit größtes Privatunternehmen - der Essener Stahlkonzern Krupp - hat am Sonntag mit selbstkritischem Blick auf seine Geschichte Jubiläum gefeiert. Krupp habe tiefe Krisen erlebt, sagte der Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, zum 200. Geburtstag des legendären Unternehmens in Essen. Dem Anspruch eines „moralischen Kapitalismus“ sei man nicht immer gerecht geworden. Die Firmen-Philosophie einer besonderen Verbundenheit mit den Beschäftigten und dem Gemeinwohl sei aber immer Maßstab des Handels und müsse das auch in Zukunft sein.

Das 1811 gegründete Unternehmen war mit bahnbrechenden Erfindungen wie nahtlosen Eisenbahnreifen in der industriellen Revolution zum Großkonzern aufgestiegen. Sehr früh führte Krupp soziale Errungenschaften wie Betriebskrankenkassen, eigene Arbeiter-Wohnviertel, Krankenhäuser und Geschäfte mit verbilligten Preisen ein. Die Kehrseite waren politische Gängelung der Arbeiter - Gewerkschaftsmitglieder wurden rücksichtslos entlassen - und seit dem 19. Jahrhundert ein erheblicher Umsatzanteil der Waffenproduktion.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Der Mythos Krupp, Neues zu schaffen, fasziniere ihn, sagte Bundespräsident Christian Wulff in seinem Festvortrag. Man begegne aber auch den düsteren Seiten des Mythos' wie Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit. Krupp habe sich zu dieser historischen Verantwortung aber sehr früh bekannt und schon 1959 Entschädigungen an die jüdischen Zwangsarbeiter gezahlt.

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