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27.02.2015

14:50 Uhr

25 Jahre Treuhand

Die Fehler der Superbehörde

Die Treuhandanstalt hat von 1990 an die Privatisierung der DDR-Wirtschaft abgewickelt – und zahlreiche Unternehmen gleich mit. Heute ist klar, es wurden Fehler begangen. Aber auch Erfolgsgeschichte geschrieben.

Das ehemalige Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) in Magdeburg hat seit Treuhand-Zeiten die Übernahme durch einen Investor, die Rückabwicklung des Kaufvertrags und die Aufsplitterung in verschiedene Gesellschaften hinter sich. dpa

Blühende Landschaften

Das ehemalige Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) in Magdeburg hat seit Treuhand-Zeiten die Übernahme durch einen Investor, die Rückabwicklung des Kaufvertrags und die Aufsplitterung in verschiedene Gesellschaften hinter sich.

BerlinFabrikhallen stehen leer, Fenster sind eingeschlagen, auf den Wegen wuchert Unkraut. Einst stand hier, in Magdeburg-Buckau, ein riesiges Industriekombinat: das VEB Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (Sket) mit 30 000 Beschäftigten. Heute sind es in mehreren Nachfolgegesellschaften mehrere Hundert. Teile des großen Geländes wurden zu einem Industriepark umgebaut. Es ist auch das Erbe einer „Jahrhundertaufgabe“: der Umwandlung der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft. Den Übergang organisierte eine Superbehörde: die Treuhand.

Die Idee der Treuhandanstalt, deren Gründung am 1. März 1990 von der letzten SED/PDS-Regierung unter Hans Modrow beschlossen wurde, war zunächst: Das Volksvermögen sollte zusammengehalten und später die Bürger daran beteiligt werden. Doch der Charakter änderte sich, als drei Monate später die Volkskammer einem Treuhand-Gesetz zustimmte: Nun ging es um die Privatisierung des volkseigenen Vermögens.

Positionen zur Treuhandanstalt

Iris Gleicke, Ost-Beauftragte der Bundesregierung

„Die Treuhand hat vielen, wenn nicht den meisten Ostdeutschen traumatische Erlebnisse beschert. Sie gilt im Osten definitiv nicht als Symbol einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft, sondern als das Symbol eines brutalen, ungezügelten Kapitalismus, verbunden mit Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit.“

Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident

„Die Haltung, so schnell wie möglich um fast jeden Preis zu privatisieren, auch um den Preis der Verschleuderung, hat zu Fehlern geführt. Deswegen ist die Treuhandanstalt bei vielen Ostdeutschen ein negatives Symbol geworden.“

Theo Waigel, ehemaliger Finanzminister

„Die Arbeit der Treuhandanstalt war schwierig aber erfolgreich. Zu den Grundsätzen von Detlev Rohwedder über das Privatisieren, Sanieren und Abwickeln gab es keine Alternative. Fehler passieren bei einem solchen gewaltigen Projekt überall. Insgesamt hat die Treuhandanstalt einen unverzichtbaren Beitrag für den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft in den neuen Bundesländern erbracht.“

Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler

„Die Treuhandanstalt hat sich fast genetisch verfestigt in der Bevölkerung - in der Vorstellung: da wird das Raubrittertum des westdeutschen Kapitals organisiert. Die Treuhand ist wahrgenommen als imperiale Zerstörungsinstanz, dazu hat sie auch selbst beigetragen.“

Prof. Jan Priewe, Wirtschaftswissenschaftler

„Es mussten unter diesen Rahmenbedingungen Opfer gebracht werden, aber man hätte es besser machen können. Die ostdeutsche Wirtschaft hätte sich besser entwickeln können, wenn man eine bewusste, zielgerichtete Industriepolitik gemacht und mehr Geld in die Hand genommen hätte.“

Prof. André Steiner, Historiker

„Die Treuhand hätte langsamer privatisieren können. Dann wäre der eine oder andere Betrieb nicht unter die Räder gekommen. Das wäre auch nicht zwangsläufig teurer geworden als es am Ende geworden ist. Man hätte zwar kurzfristig mehr Subventionen gebraucht, aber langfristig bei Sozialausgaben und anderen Strukturhilfen gespart, die in die neuen Länder gepumpt wurden.“

Wolfgang Seibel, Politikwissenschaftler

„Die Treuhand musste das volkseigene Vermögen verwalten und damit auch die Erblast von 40 Jahren Planwirtschaft und Misswirtschaft übernehmen. Sie musste Betriebe privatisieren und sanieren, die unter den damaligen Umständen nicht wettbewerbsfähig waren. Man muss am Ende zu einer relativ milden Beurteilung kommen. Eine Behörde, die Tausende Betriebe zu privatisieren hatte, macht Fehler. Aber die Zahl der Fehler hielt sich im Rahmen.“

Bis heute ist die Treuhand höchst umstritten. Iris Gleicke (SPD), die Ost-Beauftragte der Bundesregierung kritisiert gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, die Treuhand habe vielen, wenn nicht den meisten Ostdeutschen traumatische Erlebnisse beschert. „Sie gilt im Osten definitiv nicht als Symbol einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft, sondern als das Symbol eines brutalen, ungezügelten Kapitalismus, verbunden mit Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit“. Das alles habe das Vertrauen in den neuen Staat schwer erschüttert. Manch einer sei nach 25 Jahren offenbar in purer Feierlaune und wolle den Aufbau Ost als reine Erfolgsgeschichte verkaufen, sagte Gleicke: „Das ist für mich Geschichtsklitterung, und das mache ich nicht mit.“

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagt, es habe zur Umwandlung einer Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft keine Beispiele und kein Lehrbuch gegeben. „Es war klar, diese Aufgabe zu erfüllen wird nicht ohne Schmerz und Opfer gehen. Aber die Treuhand hat in vielen Fällen den Schmerz und die Opfer größer gemacht.“

Das Archivbild vom 14. Mai 1991 zeigt die Berliner Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. Die 1990 noch von der letzten SED-Regierung gegründete Anstalt fiel bei der Umwandlung der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft eine Schlüsselrolle zu. dpa

Treuhandanstalt in Berlin

Das Archivbild vom 14. Mai 1991 zeigt die Berliner Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. Die 1990 noch von der letzten SED-Regierung gegründete Anstalt fiel bei der Umwandlung der DDR-Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft eine Schlüsselrolle zu.

Die Haltung, so schnell wie möglich um fast jeden Preis zu privatisieren, auch um den Preis der Verschleuderung, habe zu Fehlern geführt. „Deswegen ist die Treuhandanstalt bei vielen Ostdeutschen ein negatives Symbol geworden.“ Die Treuhand habe viel zu wenig den ernsthaften Versuch unternommen, volkseigene Betriebe zu sanieren, wettbewerbsfähig zu machen und dann erst zu privatisieren.

Kommentare (1)

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Herr J.-Fr. Pella

02.03.2015, 07:47 Uhr

Die Erfolgsgeschichte existiert nur in den Köpfen vieler Politiker und Beamten.
Der Rest ist schweigen.
Nur die Beharrlichkeit, die Sturheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sehr vieler Bürger in Ost und West haben dazu beigetragen daß es nicht noch schlimmer gekommen ist.
Und wer feiert heute wieder: natürlich die Politiker und deren Beamte.
Na dann Prosit!!!

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