Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.08.2012

18:16 Uhr

28-Stunden-Woche geplant

Opel greift in Volkswagens Trickkiste

Opel scheint von den Arbeitern in seinem Rüsselsheimer Stammwerk eine 28-Stunden-Woche bei um ein Fünftel reduzierter Bezahlung zu fordern. Der Betriebsrat ist dagegen, vor fast 20 Jahren sah das bei VW anders aus.

Ein Fahrradfahrer vor dem Rüsselsheimer Opel-Stammwerk. Reuters

Ein Fahrradfahrer vor dem Rüsselsheimer Opel-Stammwerk.

FrankfurtDie Opelaner sollen zur Rettung des angeschlagenen Autobauers einem Zeitungsbericht zufolge in Rüsselsheim offenbar bis zu ein Fünftel weniger arbeiten und entsprechend weniger Lohn erhalten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Samstagsausgabe) zitiert aus einem Flugblatt des Betriebsrats, in dem sich die Arbeitnehmer gegen eine Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich wenden. „Eine 28-Stunden-Woche bei einer Kürzung des Entgelts um 20 Prozent wird es mit uns nicht geben“, heißt es der Zeitung zufolge in dem Informationsblatt, das am Freitag an die Belegschaft verteilt wurde.

Weder Betriebsrat noch IG Metall waren am Freitagnachmittag für eine Stellungnahme zu erreichen. Opel bestätigte den Inhalt des Flugblatts, wollte sich zum Stand der Verhandlungen mit den Arbeitnehmern aber nicht äußern.

Die GM-Tochter hatte am Donnerstag Verhandlungen mit den Arbeitnehmern über Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzungen bestätigt. Damit könnte der Tarifvertrag „Zukunft in Arbeit“ (ZiA) bei Opel angewendet werden, der vor zwei Jahren in Nordrhein-Westfalen von Arbeitgebern und Gewerkschaft vereinbart und anschließend von den anderen Tarifbezirken übernommen wurde. Dieser ermöglicht auf Betriebsebene die Vereinbarung von Arbeitszeitverkürzungen im Paket mit Kurzarbeit. Die Wochenarbeitszeit kann nach Gewerkschaftsangaben dabei auf bis zu 28 Wochenstunden gesenkt werden.

Volkswagen hatte im Jahr 1993 die 28,8-Stunden-Woche erdacht, um eine Schwächephase in der Unternehmensgeschichte zu überbrücken. Nach zweiwöchigen Verhandlungen verständigten sich damals VW und IG Metall auf eine entsprechende Arbeitszeit- und Lohnkürzung. Die Monatslöhne wurde durch das Vorziehen von geplanten Tariferhöhungen und eine Umschichtung des Weihnachtsgeld gleich, dem Konzern bedeutete der Schritt jedoch eine deutliche Kostenersparnis. Außerdem sicherte VW zu, zwei Jahre keine betriebsbedingten Kündigungen vorzunehmen.

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.

Opel und GM

Im ersten Quartal 2011 verzeichnete GM mit dem Europageschäft um Opel und die kleinere britische Schwester Vauxhall operativ rote Zahlen von 390 Millionen Dollar (263 Mio. Euro). Im gesamten vergangenen Jahr war es ein Verlust von 1,76 Milliarden Dollar.

2012

Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von mehreren hundert Millionen Euro. Das Europageschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.

Mai 2012

Am 17. Mai gibt Opel bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Fahrzeug soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden. Rüsselsheim als modernstes Werk von Opel/Vauxhall in Europa soll aber auch künftig voll ausgelastet werden. Wie, das soll in Gesprächen zwischen Management und Betriebsrat geklärt werden.

Der Betriebsrat dringt der Zeitung zufolge darauf, die Einkommensverluste für die Beschäftigten möglichst gering zu halten. Dies solle durch eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds geschehen. Als Bedingung für die Zustimmung zu Kurzarbeit sollten auch die Führungskräfte an den Einsparungen beteiligt werden.

Im Opel-Stammwerk Rüsselsheim arbeiten insgesamt 13.800 Menschen, davon 3500 in der Produktion. Der Rest ist in Bereichen wie Verwaltung, Entwicklung oder Design tätig. In der Fertigung in Kaiserslautern arbeiten 2700 Menschen.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Haustechniker

18.08.2012, 11:22 Uhr

Als bekennender Opel Fan und Automobilsektor Beobachter und Golf 4 Fahrer ( mit enttäuschender Qualität) kann ich ein Lied vom deutschen Automarkt singen.
Die Wahrheit liegt ganz wo anders, wie in den USA die ausländischen Fabrikate runter geschrieben werden so ist es auch hier. Das geht schon seit Jahrzehnten so, hauptberufliche VW- Mitarbeiter sind Tester bei Auto Motor und Sport – noch Fragen?
Manch ein Premium Hersteller aus Deutschland wäre froh heute die Qualität von Opel zu bauen. Es ist die Berichterstattung und der Umgang mit den Medien die immer noch zu wünschen übrig lassen und der fehlende Mut von GM/ Opel Entwicklungen auch tatsächlich auf den Markt zu bringen, so ist man immer einen Schritt hinter der Konkurrenz auch wenn man serienreife Produkte vorher entwickelt hatte.
So ist das Opel Problem eine Mischung aus Öffentlichkeitsarbeit und fehlendem Mut.

Smokie2012

18.08.2012, 16:50 Uhr

Die Opelqualität ist es jedenfalls nicht- die Autos sind Top. Einfach mal in Auto-Foren nachlesen. Andere Großserienhersteller aus Deutschland schneiden wesentlich schlechter ab. Komplexe Technik, niedriger Verbrauch, aber eben auch entsprechende Ausfälle...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×