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01.10.2015

06:28 Uhr

Abgas-Affäre

Das lehrt VW – schon jetzt

VonMichael Groß

Die Abgas-Affäre wird VW noch Jahre beschäftigen. Andere Unternehmen können den Skandal aber bereits nutzen. Was ist zu tun, damit nicht VW-mäßig gelogen und betrogen wird? Die gute Nachricht: Es gibt einiges.

Der Konzern sollte eine Kultur etablieren, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien. Reuters

Volkswagen

Der Konzern sollte eine Kultur etablieren, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien.

FrankfurtVW hat eine Compliance und Corporate Governance, interne Revision oder auch ein Ombudsmann-System, das anonyme Hinweise auf Verstöße bearbeitet. Das System ist bestimmt ausgefeilter als bei 95 Prozent aller Unternehmen in Deutschland. Und dennoch droht der Skandal sogar das Prädikat „Made in Germany“ zu beschädigen.

Spätestens 2011 war das Problem der Abgas-Manipulation bei VW intern bekannt, auch die Warnung vor Rechtsverstößen. Das Management tat: nichts. Auch die Revision und Compliance haben damals den Betrug nicht verhindert. Um von den Ereignissen und Erfahrungen bei VW zu profitieren, sind daher folgende Eckpunkte wichtig:

 

1. Strenge Regeln und harte Strafen allein nützen wenig
Noch strengere Regeln schaffen nur Sicherheit auf dem Papier. Denn sie führen nicht automatisch zu einem Umdenken der Manager und Mitarbeiter. In der Praxis wird die Kreativität der Menschen größer, je umfangreicher Vorschriften werden, und sei es einfach nur aus Bequemlichkeit. Die Banken sind aktuell das beste Beispiel: Als Folge der Finanzkrise wird heute für jede Beratung eines Privatkunden ein Protokoll erstellt, um über alle Gefahren aufzuklären. Die Entscheidung für eine Investition wird dadurch nicht besser, sie wird nur dokumentiert. Daher ist 2. genauso elementar.

 

2. Präsenz und Konsequenz bei Verfolgung der Unternehmenswerte
Ob Leitbild oder Führungsprinzipien. Alle selbst bestimmten Regeln für das Management im Unternehmen brauchen Relevanz und Präsenz im Alltag. Allen Managern und Mitarbeitern muss deutlich werden, dass die Unternehmensleitung für die Einhaltung der Werte genauso brennt wie für die Erreichung der Geschäftsziele. Verstöße gegen Verhaltensregeln werden genauso verfolgt wie das Verfehlen von Umsatzvorgaben. Dazu ist 3. wichtig.

 

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

3. Anerkennung statt Verdammung von „Nestbeschmutzern“
Die interne Aufdeckung von Missständen sollte gegebenenfalls sogar finanziell anerkannt werden. Nicht das „Denunzieren“ zählt, vielmehr erfolgreiche Veränderungen, ausgelöst z.B. durch Hinweise an externe Ombudsmänner. Die Wirkung der Kontrollmechanismen sollte im Unternehmen anonymisiert transparent und damit Mut gemacht werden, sich für die Unternehmenswerte zu engagieren. Regelmäßige Reports, wie die eigenen Regeln verfolgt werden, sind wichtiger als ein Prüfsiegel im Geschäftsbericht, dass alle Formulare ordentlich ausgefüllt wurden. 4. ist dafür zu beachten.

 

4. Traditionelle Feedback-Instrumente versagen
Die wirklich „heißen Themen“ kommen selten in Mitarbeiterbefragungen zur Sprache. Je nach Stimmung im Unternehmen beteiligen sich die völlig frustrierten Mitarbeiter ohnehin nicht mehr an solchen Umfragen. Die Ergebnisse sind positiver als die Wirklichkeit. Die Unternehmenskultur rückzukoppeln und notwendige Veränderungen anzustoßen geht heute besser denn je, wie über tagesaktuelle Rückmeldung in sozialen Medien. Gerade kritische Impulse tragen enorm für die ständige Verbesserung bei und schaffen gegenseitig Vertrauen. 5. erleichtert hier einiges. 

 

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5. Zur Umsetzung ist weniger mehr

Niemals ist alles schlecht, was gemacht wird, auch nicht bei VW. Veränderungen sind kein Selbstzweck. Schnell und viel bedeutet nicht automatisch gut und richtig. Nur Maßnahmen sollten angekündigt werden, die die Probleme dauerhaft lösen, spürbar etwas verändern und garantiert umgesetzt werden können. Sonst ist jeder Unternehmenslenker von Anbeginn unglaubwürdig. Die Mitarbeiter warten ab und denken sich: „Wird alles nicht so heiß gegessen, wie gekocht“. Dann ist schon vor dem Start klar, dass das Ziel nicht erreicht wird.

Unternehmen können eine Leistungskultur schaffen, die Auswüchse und Gesetzesbrüche vermeidet, soweit wie möglich. Leistung entsteht aus einer Kultur, die auch Fehler und Kritik als wichtigen Teil der Entwicklung anerkennt, nicht nur Gewinne und Prämien. Sich damit zu beschäftigen und dort zu investieren, lohnt sich für jedes Unternehmen mehr, als Skandale aufzuklären.

Michael Groß ist Managementberater, Geschäftsführer von Groß & Cie. und Lehrbeauftragter an der „Frankfurt School of Finance & Management“.

Kommentare (3)

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Rainer von Horn

01.10.2015, 10:10 Uhr

Was man aus den Vorgängen bei VW vor allem lernen kann, ist, dass wenn man sich schon auf dem US-Markt tummelt, dass man dabei vor allem nicht schummelt.
Reimt sich sogar.

Wenn VW bei den Dieselabgas-Werten geschummelt hat, weil man an der Software gefummelt hat (reimt sich schon wieder), dann ist das Dummheit. Und Dummheit gehört bestraft. Aber mit Augenmaß!
Das genau das, nämlich der Verlust des Augenmaßes und der Verhältnismäßigkeit droht,. ist ein Hinweis darauf, dass es bei dem Vorgang eben nicht um die Einhaltung irgendwelcher Umweltstandards geht, sondern daß es sich um einen US-Frontalangriff auf die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie, auf die deutsche Dieseltechnologie und damit auf den Wirtschaftsstandort Deutschland handelt.
Mich persönlich würde es nicht wundern, wenn die beste Rettungskanzlerin aller Zeiten in Kürze die Sache zur Chefsache erklären würde. Komm Angie, sprich ein Diesel-Moratorium aus. Eigentumsrechte der Aktionäre? Wie bei den Versorgern: drauf ges____ssen!
Erklär -wie bei der Energiewende bei den WKA und Solarplättchen- das E-Mobil aus Zukunftstechnologe, Go Angie, go! Wo der Strom herkommt? Egal! LOL

PS: wo ist der Manager mit Niveau, der mal paar Fords und GMs auf den Prüfstand rollt? Die sollen ja angeblich dem Abgas Frischluft beimischen, damit die Abgaswerte stimmen. Und wo ist der Manager, der Angie, der EU und Co. mal erklärt, dass man die Physik nicht überlisten kann? Aber an dem Punkt hat ja auch schon bei der Energiewende keiner den Mut gehabt.

Herr Wolfgang Winkler

01.10.2015, 10:20 Uhr

Die eigentlich Frage, die sich hier stellt, ist die nach der Plausibilität, bzw. umformuliert, wie dumm kann Management sein. Es ist irgendwie nicht vorstellbar, dass ein qualifiziertes Ingenieurteam so dumm ist, einem Umweltverband gleich zwei Fahrzeuge mit illegaler Ausstattung für Emissionstests im Dauerbetrieb zu überlassen. Es wäre wohl ein leichtes gewesen, die Elektronik neu zu programmieren und eben schlechtere Werte in Kauf zu nehmen. Kunden zu täuschen und gleichzeitig wissentlich einem Umweltverband gratis dafür die Beweise zu liefern, passt irgendwie nicht. Damit stellt sich die Frage, ist es denkbar, dass Sabotage im Spiel ist, etwa mit dem Ziel, billig Aktien erstehen zu können oder über eine Insolvenz das ganze Unternehmen zum Nulltarif zu übernehmen. Die Erfahrung der letzten Jahre seit der Bankenkrise lehrt, dass manche diesbezügliche Verschwörungstheorie als Arbeitshypothese, die von raffinierter krimineller Energie ausgeht, ganz brauchbar ist, insbesondere seit in der Finanzwelt zunehmend Intelligenz durch Unverschämtheit ersetzt wird. Somit erscheint Sabotage nicht weniger plausibel als Amoral und Idiotie von Teilen des Managements. Spannend und überraschend könnte werden, was die großen Internetohren aus China und Russland hier mitbekommen haben und die dies, wenn es ihnen nutzt, auch durchsickern lassen werden. Es bleibt also interessant und es sind kreative Ermittler ohne Maulkorb durch Justizminister dafür mit vielen guten Leibwächtern gefragt.

Herr Jordache Gehrli

01.10.2015, 10:39 Uhr

Die VW-Krise lehrt vor allem, dass sich deutsche Arbeitnehmer/innen in der Krise weder auf Wirtschaftsminister Gabriel noch auf Kanzlerin Merkel verlassen können. Das sind sie eher "VERLASSEN"!

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